TGA im Klimamarkt
Minus 50 % – ein Supermarkt als EnergiesparvorbildEinen bestehenden Standort zu einem Beispiel für die Möglichkeiten der Energieeffizienz zu machen – dieses Ziel verfolgte die Unternehmensgruppe Tengelmann mit ihrem ersten Klimamarkt in Mülheim an der Ruhr. Das Geschäft benötigt durchschnittlich 50 % weniger Energie als herkömmliche Supermärkte und wird nahezu CO2-emissionsfrei betrieben.
Sanierungsprojekt Supermarkt
In lediglich acht Wochen gelang es unter Mitarbeit des Architekturbüros Vervoorts & Schindler, die Gebäudehülle komplett zu sanieren, die TGA auf Basis der erneuerbaren Energien einzubauen und den Innenausbau zu realisieren. Die Arbeiten zeigten sich als große Herausforderung und stellten sich als deutlich aufwendiger heraus, als es die Erstellung eines Neubaus bedeutet hätte. In einem Neubau hätten sich die neuen Energiekonzepte relativ einfach umsetzen lassen. So gab es aufwendige Vorarbeiten: Die Demontage der alten Fassadenelemente wurde beispielsweise bei laufendem Betrieb durchgeführt. Um die Glaspaneele im Dach zu installieren, musste die Dachkonstruktion geöffnet werden. Dabei wurden extra Stützdächer zum Schutz vor Regen errichtet, da parallel dazu bereits Ausbaumaßnahmen im Markt liefen.
Energieversorgung mit ökologischem Maßstab
Das Energieeffizienzkonzept des Klimamarkts ist konsequent auf die Nutzung erneuerbarer Energien ausgerichtet. Dazu gehört auch der Einsatz von Tageslicht. Photovoltaikelemente an den Süd- und Westfassaden sowie Kollektorfolien auf dem Dach bilden eine 1140 m2 große Photovoltaikanlage, die jährlich bis zu 45 000 kWh Strom aus Sonnenenergie liefert. Die restliche benötigte Strommenge stammt zu 100 % aus Wasserkraft. Der Wärmebedarf des Marktes wird zu 75 % über die Rückgewinnung der Kühlanlagenabwärme abgedeckt. Die fehlenden 25 % liefert eine Geothermieanlage mit sechs Erdwärmesonden. Im Sommer dient die Geothermie zur Kühlung der Raumluft. Beide Maßnahmen der Wärmeerzeugung machen den Klimamarkt unabhängig von den Primärenergien Gas oder Öl. Fassade und Dach wurden aufwendig gedämmt. So wird der Verlust von Heiz- oder Kühlenergie vermieden.
Die Klimatisierung des Marktes stellt ebenfalls eine Besonderheit in deutschen Supermärkten dar: Anstelle eines konventionellen Kältemittels wird der Kühlanlagenverbund mit dem natürlichen Kältemittel CO2 (GWP = 1) betrieben, das ein deutlich geringeres Treibhausgaspotential (Global Warming Potential (GWP)) als herkömmliche Kältemittel (z. B. R134a GWP = 1300, R410A GWP = 1975) hat. Für die im Sommer zum effizienten Betrieb der CO2-Anlage erforderliche Außenkühlung wird Regenwasser genutzt. Das Wasser wird in einer eigens zu diesem Zweck gebauten, 100 m3 großen, unterirdischen Zisterne gespeichert. Alle Kühlmöbel des Tengelmann-Klimamarkts, auch in den Bedientheken, sind darüber hinaus mit Glastüren oder -schiebedeckeln verschlossen. Das spart bei Kühlregalen bis zu 35 %, bei Tiefkühlschränken sogar bis zu 50 % Energie ein.
Auf Tageslicht ausgerichtetes Beleuchtungskonzept
Das Beleuchtungskonzept des Tengelmann-Klimamarkts bindet Tageslicht so weit wie möglich ein. Durch acht Lichtbänder mit insgesamt 64 Spezialglaspaneelen und einer Gesamtfläche von 79 m2, die im Dach des Supermarktes eingelassen sind, fällt angenehmes Tageslicht ins Innere. Der Scheibenzwischenraum ist mit einem besonderem, transluzenten „Nanogel“ gefüllt. Das Füllmaterial hat spezielle physikalische Eigenschaften: Es ist hochwärmedämmend, schallisolierend, UV-beständig und streut einfallendes Tageslicht gleichmäßig in den Raum. Da es zu mehr als 95 % aus Luft besteht, ist das hochporöse Siliziummaterial außerdem sehr leicht. Über großzügig dimensionierte Isolierglasfenster mit einer Gesamtfläche von ca. 150 m2 in der Fassade im Eingangsbereich erhält der Supermarkt weiteres Tageslicht.
Die elektrische Beleuchtung besteht im Wesentlichen aus Strahlern, Pendelleuchten und Downlights. Ihr akzentuiertes Licht setzt die Produkte in den einzelnen Marktbereichen in Szene. Bei den unterschiedlichen Systemen wurden effiziente Optiken mit speziellen Lichtquellen kombiniert, um eine optimale Wirkung der Beleuchtungssysteme zu gewährleisten. LEDs übernehmen beispielsweise die Ausleuchtung der Aktionsregale und Kühlmöbel. Zugeschaltet oder gedimmt wird das Kunstlicht nur, um den Unterschied zur gewünschten Helligkeit auszugleichen. Ein namhafter Lampenhersteller hat eigens für den Klimamarkt ein Beleuchtungskonzept entwickelt, das das Kunstlicht in Abhängigkeit vom Tageslicht steuert. Unter anderem wird die Gangbeleuchtung bei ausreichendem Tageslichteinfall elektronisch bis auf 3 % herunter gedimmt.
Zusätzliche Szenarien sind über diverse Schalteingänge der Steuerung definiert, die in Zusammenhang mit den Arbeitsabläufen des Klimamarkts stehen. Über Schlüsselschalter kann beispielsweise am Morgen eine Putzbeleuchtung aktiviert werden. Damit lassen sich weitere Energiekostenreduzierungen erzielen. Dieses Lichtkonzept führt zu einem insgesamt 40 % geringeren Beleuchtungsenergiebedarf als herkömmliche Beleuchtungssysteme.
Lichtkuppeln als Bestandteil des Brandschutzes
Das Dach des Tengelmann-Klimamarkts ist mit sechs Lichtkuppeln mit integrierten Rauch- und Wärmeabzugsanlagen (RWA) ausgestattet. Im Falle eines Brands öffnen die RWA-Lichtkuppeln manuell oder automatisch gesteuert. Allein durch thermischen Auftrieb strömen die sich bildenden Brandgase und Zersetzungsprodukte dann schon in der Brandentstehungsphase ins Freie. In Bodennähe bildet sich eine raucharme Schicht, die es den Menschen im Supermarkt erlaubt, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Darüber hinaus erleichtert die raucharme Schicht der Feuerwehr den Löscheinsatz. Durch die Abfuhr der Brandwärme werden tragende Bauteile des Gebäudes während eines Brandes entlastet und können ihre Funktion länger erfüllen. Auf diese Weise lässt sich im besten Fall der Totalverlust eines Gebäudes vermeiden. Systeme wie diese werden vom FVLR Fachverband Tageslicht und Rauchschutz empfohlen.
Ein Supermarktkonzept der nächsten Generation
Heute erinnert im Inneren des Marktes nichts mehr an den Ausgangszustand. Architekt Dipl.-Ing. Thomas Vervoorts erklärt: „Die Kunden empfinden den neuen Verkaufsraum nicht nur als offener und größer, er hat für sie auch ein helleres und freundlicheres Ambiente. Das liegt an der ausgewogenen Nutzung von Tageslicht und Kunstlicht. Tageslicht wird von Natur aus als angenehm empfunden. Die Besucher nehmen den Markt nicht mehr als Tunnel wahr, den sie so schnell wie möglich wieder verlassen wollen. Im Gegenteil: Shopping in diesem Markt wird zum Vergnügen, zu einem Erlebnis.“
„Der Klimamarkt ist ein weiterer Meilenstein in der Tengelmann-Klimainitiative. Sie verfolgt das Ziel, CO2-Emissionen zu reduzieren und dadurch das Klima zu schonen. Damit will unsere Unternehmensgruppe bis zum Jahr 2020 entsprechend dem Kyoto-Protokoll rund 20 % ihres CO2-Ausstoßes reduzieren. Mit dem Klimamarkt zeigen wir zudem, dass man auch im Lebensmitteleinzelhandel durch Einbindung erneuerbarer Energien und effizienter Beleuchtungstechnik kombiniert mit Tageslichtnutzung innovative Klimaschutzkonzepte realisieren kann“, ergänzt Dipl.-Ing. Werner Kalter, Geschäftsführer Tengelmann Energie GmbH.
Für Fachleute wie Norbert Hüttenhölscher, ehemaliger Geschäftsführer der EnergieAgentur NRW, gilt der Klimamarkt als Vorzeigeobjekt. „Dieser neue Klimamarkt von Tengelmann ist ein Supermarkt der nächsten Generation, er ist deutschlandweit vorbildlich! Energetisch gesehen werden alle Register gezogen und vorgemacht, dass Klimaschutz und wirtschaftliches Handeln ineinander greifen können.“
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