Planung und Betrieb von Sanitäranlagen

Trinkwassertechnik im öffentlichen und gewerblichen Bereich

Dieser Beitrag unternimmt einen kleinen Exkurs in diese Welt der Trinkwasser- und Sanitärinstallation des öffentlichen und gewerblichen Bereiches. Der Autor gibt einige Hinweise und Empfehlungen zu den Besonderheiten im Hinblick auf die Technik, das zu beachtende Regelwerk bis hin zu den juristischen Konsequenzen möglicher Fehlentscheidungen. Im harmlosesten Fall erfolgt keine Bauabnahme. Bei nachweisbaren, schuldhaften Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz in Verbindung mit der Trinkwasserverordnung liegt unter Umständen ein Straftatbestand vor. Außerdem gibt es Besonderheiten während des Betriebes, die entscheidenden Einfluss auf die zu erfüllende Planungsleistung haben sollten.

Ich wurde einmal gefragt, was sich aus meiner Praxis als Seminar- und Schulungsleiter und den unzähligen Vorträgen zum Thema „Planung von Trinkwasser- und Sanitärinstallationen“ als eine bemerkenswerte Erkenntnis verallgemeinern lässt? Meine Antwort lautete: Wenn ein Planungsingenieur oder ein Entscheidungsträger in diesem Sinne vorwiegend im Wohnungsbau tätig ist, fällt es ihm offensichtlich schwer, sich in die besondere Welt des öffentlichen und gewerblichen Bereichs hineinzuversetzen. Im Ergebnis entstehen im Nichtwohnungsbau sowohl Planungs- als auch Entscheidungsfehler, die nicht nur die...

Ich wurde einmal gefragt, was sich aus meiner Praxis als Seminar- und Schulungsleiter und den unzähligen Vorträgen zum Thema „Planung von Trinkwasser- und Sanitärinstallationen“ als eine bemerkenswerte Erkenntnis verallgemeinern lässt? Meine Antwort lautete: Wenn ein Planungsingenieur oder ein Entscheidungsträger in diesem Sinne vorwiegend im Wohnungsbau tätig ist, fällt es ihm offensichtlich schwer, sich in die besondere Welt des öffentlichen und gewerblichen Bereichs hineinzuversetzen. Im Ergebnis entstehen im Nichtwohnungsbau sowohl Planungs- als auch Entscheidungsfehler, die nicht nur die Trinkwasserinstallation, wie die Rohrnetzberechnung, sondern auch die falsche oder zumindest unvorteilhafte Produktauswahl für die Sanitärraumausstattung betreffen.

Ein weit unterschätzter Anteil fehlerhafter Planungs- und Entscheidungsleistungen ist in einer irrwitzigen „DIN-Hörigkeit“ zu finden. Fehlende verantwortungsbewusste Entscheidungen verstecken sich hinter einer Norm oder Richtlinie. Mit gesundem Menschenverstand könnten viele dieser Fehler vermieden werden. Würden sich Planer und späterer Betreiber eines Gebäudes vor Beginn einer Sanitärplanung an einen Tisch zu setzen, um den „bestimmungsgemäßen Betrieb“ zu definieren, könnten durch die Freiheit der Vertragsgestaltung viele Fehlerquellen, wie das Überdimensionieren von Trinkwasserinstallationen, ausgeräumt werden.

 

Rahmenbedingungen

Um das angestrebte Verständnis für die Besonderheiten des öffentlichen und gewerblichen Bereiches zu erlangen, sollten wir zunächst einen Blick auf die Rahmenbedingungen für diese Trinkwasser- und Sanitärinstallationen werfen. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass sich der öffentlich-gewerbliche Bereich mindestens in drei wesentlichen Merkmalen vom Wohnungsbau unterscheidet:

 

Die Frequentierung der Sanitärtechnik

Es gibt statistisch ermittelte Werte, die die Benutzungshäufigkeit von Sanitärtechnik im privaten wie im öffentlichen Bereich betreffen. Demnach wird eine Waschtischarmatur im Badezimmer einer vierköpfigen Familie pro Tag etwa 40 bis 80 Mal betätigt. Vergleicht man dies mit dem öffentlichen Bereich, muss man an diese Zahlen zumindest eine Null anhängen. Das heißt, die Frequentierung, mit der eine Sanitärtechnik in diesem Bereich konfrontiert wird, ist eine völlig andere als man es von zu Hause gewöhnt ist.

Das hat weit reichende Folgen für das Installationssystem mit seinen geplanten Leistungen, wie z. B. den Mindestvolumenstrom oder Mindestfließdruck an den einzelnen Entnahmestellen und die auszuwählende Armaturentechnik und deren Produkteigenschaften.

Hier sollte das Anforderungsprofil der Robustheit und Lebensdauer in Abhängigkeit der Benutzungszyklen Maßstab einer Entscheidung sein und nicht der Preis. Die Benutzungshäufigkeit steht in einem direkten Zusammenhang zu den Verbräuchen an Energie und Ressourcen. Dies kann man sowohl an einer Waschtisch- als auch an einer Urinalarmatur oder jeder Duscharmatur verdeutlichen: Je öfter eine Armatur betätigt wird, desto spürbarer macht sich die Sparsamkeit im Energie- und Ressourcenverbrauch bemerkbar.

Ein repräsentatives Beispiel stellt eine Urinalspülarmatur in einer Autobahnraststättentoilette dar, die insbesondere einer enormen Frequentierungsschwankung unterliegt. In den späten Nacht- und frühen Morgenstunden wenig aufgesucht; in den Ferienmonaten zur Mittagszeit sieht es aber völlig anders aus. Hier kann die Frequentierung auf durchschnittlich 800 pro Tag ansteigen. Bei einer Spülmenge von 2 bis 4 l pro Urinalspülung entsprechend der Regelwerksempfehlung, ergibt sich bei angenommenen 5 €/m3 Wasser ein sehr bemerkenswerter Wert.

Es würde sich also für den Entscheidungsträger im wahrsten Sinne des Wortes lohnen, eine Armaturentechnik zum Einsatz zu bringen, die mit einer automatischen Reduzierung der Abgabemenge intelligent auf eventuelle Frequentierungsänderungen reagiert. Die genannten 2 bis 4 l, die sich aus einem normativen Regelwerk ergeben, wurden unter den Bedingungen einer theoretisch angenommenen Frequentierung definiert, die mit Sicherheit unter dem oben genannten Wert liegt. Wenn die Armatur bei einer den definierten Schwellenwert überschreitenden Frequentierung selbstständig ihre Wasserabgabe z. B. auf nur 1 l reduziert, liegt hier ein weit unterschätztes Einsparpotential.

 

Die Anonymität der Benutzer

Mittlerweile kursieren teils bizarre Geschichten über die Art und Weise der Benutzung von Sanitäreinrichtungen in öffentlichen Gebäuden durch den unbekannten und sich unbeobachtet glaubenden Besucher. Warum sich Menschen in einer öffentlichen Toilette anders verhalten als in ihrem eigenen Badezimmer, ist eine interessante Fragestellung an Soziologen oder Neurowissenschaftler. Die Antworten werden sicher ein breites Feld einnehmen und Gebiete wie Veranlagung, Erziehung, Verantwortungsgefühl und Bewusstsein berühren. Auf jeden Fall ist zwischen dem Verhalten der betreffenden Personen in solchen Räumen und ihrem Bildungs- oder sozialen Status keine signifikante Kausalität zu erkennen. Selbst in Sanitärräumen von Opernhäusern, die die Gäste in höchst elegantem Erscheinungsbild benutzen, bietet sich nach Ende von Veranstaltungen oft ein Bild des Grauens. Auch kann man keinen wirklichen Unterschied im Verhalten der Fluggäste an Bord eines Flugzeuges in der Business- oder in der Economy Class erkennen. Im Gegenteil, oftmals sieht erstgenannte Räumlichkeit nach der Landung und dem Verlassen sogar verheerender aus. Vielleicht spielt hier sogar der Faktor Überheblichkeit eine Rolle, mit Sicherheit aber nicht der Faktor Bildung. Die Schlussfolgerungen daraus lauten, dass in beinahe allen Fällen einer Sanitärraumplanung davon ausgegangen werden muss, dass die Benutzer sicht nicht verantwortungsbewusst verhalten und unter Umständen sogar Vandalismus unterstellt werden muss.

Wie kann ein solches Verhalten gehemmt und – wenn schon nicht verhindert – dann aber in seinen Auswirkungen eingedämmt werden? Entscheidungsempfehlungen und technische Lösungen sind von den Entwicklern und Herstellern solcher Technik in Hülle und Fülle vorhanden. Hier lohnt sich ein Beratungsgespräch zum Beispiel mit den Sanitärspezialisten von Franke Aquarotter. Lösungsansätze findet man nicht nur in der Technik oder Materialwahl, sondern auch in der Farbwahl und dem Design. Hier bieten sich robuste und stabile Materialien wie Edelstahl oder Mineralguss im Gegensatz zu Kunststoff oder andere, leicht zu beschädigende Werkstoffe an. Außerdem hilft häufig schon die unsichtbare Installation sensibler Technik. Es ist eine in der Praxis bewiesene Tatsache, dass helle, freundliche und saubere Sanitärräume eine höhere Hemmschwelle zum Vandalismus darstellen als ihr Gegenpart. Wo schon etwas zerstört ist oder Dreck liegt, macht man ungehemmter etwas kaputt.


Die Spezifität

„Den“ typischen Sanitärraum – wie im Wohnungsbau – gibt es im öffentlichen und gewerblichen Bereich nicht. Wenn wir über diesen Bereich sprechen, dann sprechen wir sowohl über die Toilette in einer Diskothek als auch den Duschbereich einer Wellnesslandschaft, den Wasch- und Desinfektionsplatz in der Intensivmedizin, den Waschbereich in einem Lebensmittel verarbeitenden Betrieb, die Lavatory eines Airbus A380 oder die WC-Waschtischkombination in einer Justizvollzugsanstalt. Ebenso muss man über die Kauf- und Krankenhäuser oder Kindergärten, Alten- und Pflegeheime, Sportstätten und Schwimmhallen, Kultureinrichtungen aller Art, das Hotelbadezimmer ebenso wie den Sanitärraum im Gaststättenbereich reden. Die so genannte Spezifität meint also die Vielfalt unterschiedlicher Einrichtungen und teilweise konträren Anforderung an die Gestaltung und Ausstattung der sanitären Einrichtungen.

Genau darin besteht die Herausforderung nicht nur für den Planer, sondern auch für den Hersteller von Sanitärtechnik. Er wird es sich kaum leisten können, für jede dieser Anwendungsbereiche eine spezielle technische Lösung parat zu haben, sondern für möglichst viele eine Universallösung. Daraus ergibt sich seine teilweise hohe Spezialisierung. Ähnlich sehen die Unterschiedlichkeiten aber auch hinsichtlich der Auslegung der Trinkwasserinstallationen für den Planungsingenieur aus. Wenn wir uns zum Beispiel gedanklich der Rohrnetzberechnung widmen und hier insbesondere dem Berechnungswert Gleichzeitigkeit. Dieser spielt nicht nur im Zusammenhang mit der zuvor angesprochenen Frequentierung eine Rolle, sondern insbesondere bei der zu beachtenden tatsächlichen Nutzungsart des Gebäudes. Ich wage zu behaupten, dass es in Deutschland nicht eine einzige Trinkwasserinstallation gibt, die nicht überdimensioniert ist. Warum? Die unterstellten Gleichzeitigkeiten während der späteren Nutzung können sicherlich irgendwann einmal den geplanten Wert annehmen; der Nutzungsalltag der Sanitäreinrichtungen sieht aber mit großer Wahrscheinlichkeit völlig anders aus.

Ausgehend von diesen Rahmenbedingungen, die hier bezüglich ihrer Auswirkungen nur angedeutet sind, wird der Autor in einem weiteren Beitrag in der TAB auf die sich daraus ergebenden Forderungen an eine Planung der Trinkwasser- und Sanitärinstallation eingehen.

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