Oldenburger Modellprojekt

Gebäudetechnische Sanierung von Mehrfamilienhäusern

Die Sanierung eines bewohnten Mehrfamilienhauses stellt eine Herausforderung dar. Wird die Sache im Vorfeld gut geplant, kann die Durchführung rasch und ohne große Einschränkungen für die Mieter erfolgen. Dass aus einem 1970er-Sechsparteienhaus ein nahezu sich selbstversorgendes Gebäude werden kann, ohne die Fassade umfassend zu dämmen, zeigt ein Projekt in Oldenburg, das als Modell zur Nachahmung empfohlen werden kann.

Ein Sechsparteien-Mehrfami­lienhaus mitten in Oldenburg, eines von hunderttausend ähnlichen Gebäuden, hat innerhalb von sechs Wochen die Wandlung zum sich nahezu selbst-
versorgenden Haus erfahren. Dabei war die Ausgangslage nicht sehr rosig. Das aus dem Jahr 1971 stammende Gebäude mit drei Zwei- und drei Dreizimmerwohnungen zwischen 52 und 69 m2 liegt direkt neben zwei nahezu baugleichen Gebäuden in einem Wohnviertel von Oldenburg. Die alte Gas-Heizung, für die bislang rund 200 MWh Gas im Jahr bezogen wurde, musste erneuert werden. Aufgrund der Vorgaben der EnEV hätte zudem das Flachdach...
Ein Sechsparteien-Mehrfami­lienhaus mitten in Oldenburg, eines von hunderttausend ähnlichen Gebäuden, hat innerhalb von sechs Wochen die Wandlung zum sich nahezu selbstversorgenden Haus erfahren. Dabei war die Ausgangslage nicht sehr rosig. Das aus dem Jahr 1971 stammende Gebäude mit drei Zwei- und drei Dreizimmerwohnungen zwischen 52 und 69 m2 liegt direkt neben zwei nahezu baugleichen Gebäuden in einem Wohnviertel von Oldenburg. Die alte Gas-Heizung, für die bislang rund 200 MWh Gas im Jahr bezogen wurde, musste erneuert werden. Aufgrund der Vorgaben der EnEV hätte zudem das Flachdach gedämmt werden müssen. Eine Standardlösung kam für den Vermieter jedoch nicht in Frage.

Stattdessen bewies der Hausbesitzer Dr.  Thomas Henne den Mut, neue Wege einzuschlagen. In dieser Situation trafen die Brüder Henne auf den Planer Dipl.-Ing. Holger Laudeley aus Ritterhude. Dieser engagiert sich seit Jahren für eine zukunftsorientierte, auf erneuerbare Energien setzende Energieversorgung von Gebäuden. So hat er sein privates Wohnhaus nicht mit der rechnerisch besten, sondern der maximalen PV-Abdeckung ausgestattet. Die daraus resultierenden Überschüsse nutzt er auf unterschiedliche Weise und sieht sich dabei vor allem darin bestätigt, dass er keine Einbußen im Komfort hinnehmen muss. Denn, wie er selber sagt: „Einer Sache können wir uns sicher sein: Morgen wird die Sonne auch wieder scheinen.“

Die im eigenen Wohnhaus umgesetzte Idee sollte nun auch im vermieteten Mehrfamilienhaus in Oldenburg greifen. Das technische Konzept, das Holger Laudeley nun entwickelte, sollte darin münden, dass das Gebäude seine Energie zu einem möglichst großen Anteil selbst zur Verfügung stellen kann.

Ein sich selbstversorgendes Mehrfamilienhaus

Für das Flachdach setzte man bei der Sanierung auf ein aufgesetztes Schrägdach. Dies brachte mehrere Vorteile. So kann die Entwässerung zukünftig sicher über Dachrinnen an der Hausaußenseite erfolgen. Die neue Dämmung unter dem aufgesetzten Dach verringert die Energieverluste des Gebäudes nachweißbar. Auf eine Sanierung und zusätzliche Dämmung der Fassade, die deutlich teurer geworden wäre und sich nur sehr langfristig gerechnet hätte, konnte daher verzichtet werden.

Dafür bietet sich das um 15° geneigte, aufgesetzte neue Schräg­dach als Fläche für eine solare Nutzung an. Dabei wurde auf Photo­voltaik gesetzt. Die Ost-/West-Neigung bietet in diesem Fall den Vorteil, dass über einen langen Tageszeitraum Strom solar erzeugt werden kann. Dieser wird nahezu komplett im Haus genutzt und belastet somit die Energienetze des Energieversorgers nicht.

 

Das Energiekonzept

Das Energiekonzept basiert im Detail auf der PV-Aufdachanlage mit Modulen von Aleo Solar und einer Leistung von 28,8 kWp, das durch Elektrospeicher „S10-E12“ (Fabrikat E3/DC) mit Lithium-Ionen-Akkus von Panasonic/Sanyo und je 15 kWh Kapazität ergänzt wird. Die Batteriespeicher wiederum bieten als in Kaskade geschaltete Energiefarm (mit einem Master- und einem Slave-Speicher) die Möglichkeit, dem Gebäude bis zu 6 kW Leistung zur Verfügung zu stellen. Sind die Batteriespeicher voll und weiterer Strom steht zur Verfügung, wird dieser ins Netz eingespeist.

Ergänzt wird das Konzept von zwei Mini-KWK-Anlagen „eVita 25S“ mit Stirlingmotoren als stromerzeugenden Heizungen (Fabrikat: Remeha) und den passenden thermischen Speichern. Die Mini-KWK-Anlagen liefern aus ihrem Stirlingmotor 1 kWel und 5,5 kWth sowie über den integrierten Spitzenlastkessel auf Brennwertbasis weitere 18 kWth. Die Mini-KWK-Anlagen sind in Kaskade geschaltet und konnten, nach Absprache mit dem örtlichen Schornsteinfegermeister, an eine gemeinsame Abgasleitung angeschlossen werden.

Der erzeugte Strom der Mini-KWK-Geräte wird über einen Schuko-Stecker geradewegs ins Hausnetz eingespeist und dort direkt genutzt oder über die AC-Seite der Stromspeichersysteme vollautomatisch zwischengespeichert.

Die thermischen Speicher bestehen aus einem 1000 l fassenden Pufferspeicher und einem 300 l großen Hygienespeicher für die Trinkwarmwasserbereitung, die dezentral über eine luftgeführte Brauchwarmwasser-Wärmepumpe „Sensotherm BTW“ (Fabrikat: Brötje) erfolgt.

Besteht ein erhöhter Trinkwarmwasserbedarf springen die beiden Mini-KWK-Anlagen ein.

 

Umbau der Elektroverteilung

Der Eingriff auf der Elektroseite, d. h. der vorhandenen Elektroinstallation, sollte so gering wie möglich ausfallen. So konnte der alte Hauptverteiler mit den sieben Zählern für die sechs Mietparteien und den Allgemeinstrom zum neuen Mieter­unter­verteiler umgenutzt werden, über den die Verbrauchsdaten erfasst werden.

Ein neuer Hauptverteiler wurde in Absprache mit dem öffentlichen Stromversorger im Keller eingerichtet. Der neue Hauptverteiler verfügt über vier Zähler: einen für den PV-Strom, einen für den BHKW-Strom, einen Differenzzähler, der die Differenz zwischen PV- und BHKW-Strom für die Einspeisung ins Netz ermittelt, sowie ein Zweirichtungszähler zum öffentlichen Energieversorger.

Ein separater Zähler wurde für die Wallbox als Stromtankstelle eingerichtet, die an der Fassade des Wohnhauses aufgebaut wurde. Über diese können Vermieter und Mieter zukünftig Strom für Ihre PKW „tanken“.

Während des Umbaus der Elektroverteilung waren die Mieter aufgrund sorgfältiger Planung gerade einmal zwei Stunden ohne Strom.

Gelungene Umsetzung

Zu einem wichtigen Erfolgsfaktor für eine gebäudetechnische Sanierung im Bestand zählt das funktionierende Zusammenspiel der Ausführenden in den einzelnen Gewerken, die in diesem Fall einfach gepasst hat. So konnte das umfänglich durchgeplante Objekt, an dessen Konzept im Vorfeld ein knappes Jahr gefeilt wurde, in nur sechs Wochen Umbauzeit durchgeführt werden.

Mehrwert für alle Beteiligten

Hilfreich war in diesem Fall auch die Unterstützung des kommunalen Energieversorgers. Die EWE in Oldenburg muss zwar zukünftig darauf verzichten, diesem Gebäude Strom in bisher genanntem Umfang liefern zu können, doch über die Unternehmenstochter E3/DC, die die Stromspeicher lieferte, ist das Pilotprojekt durchaus interessant.

Um als Energieversorger agieren zu können, hat Dr. Thomas Henne als Vermieter eigens ein Gewerbe angemeldet und eine GbR gegründet.

Vom Konzept profitieren auch die sechs Mietparteien. Vom Vermieter, der nun auch Energielieferant ist, bekommen die Mieter einen stabilen Preis für zehn Jahre fest vereinbart, und können sich langfristig auch über eine konstant bleibende Warmmiete freuen, die nur noch vom Eigenverbrauch abhängt. Auf dessen Höhe können sie aber selber einwirken, da ihnen die Daten ihres Zählers zur Verfügung gestellt werden.

Der Vermieter-Energieversorger hat sein Gebäude attraktiver gestaltet und dazu eine Investition für die nächsten 30 Jahre getätigt. Dabei setzt er darauf, die Mieter langfristig zu halten und über attraktive Energiepreise, die sich auch für ihn rechnen, an sich zu binden. Alle Mieter beziehen ihre Energie in Form von Strom und Wärme vom Vermieter.

So ist die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme langfristig sowohl auf Mieter- als auch auf Vermieterseite gegeben. Eine Mietpreiserhöhung wurde nicht geplant. Dennoch sollen sich die Investitionen innerhalb von zehn Jahren amortisieren.

Für das relativ aufwendige Messstellenkonzept setzt der Vermieter mit Discovergy auf einen erfahrenen Dienstleister.

 

Erste Erfahrungen

Die Messwerte werden an den Zählern von Discovergy im Rhythmus von 2 s erfasst und ausgewertet. Für das Mehrfamilienhaus ergaben sich für den August ein Autarkiegrad von 98 % und den September von immerhin 97 %. In dieser Zeit wurden 22 kWh Strom aus dem Netz bezogen.


Fazit

Das Projekt zeigt, dass es im Mehrfamilienhausbereich auch ohne Förderung gelingen kann, ein Gebäude energetisch umfassend zu ertüchtigen. Das umgesetzte Konzept gestaltete sich so überzeugend, dass die Vermieter ein weiteres Projekt angehen wollen, das noch mehr Herausforderungen bietet.

Dr. Thomas Henne gehört ein weiteres Gebäude in der Innenstadt Oldenburg, das zwar ebenfalls über ein Flachdach verfügt, aber durch seine Mischnutzung aus Wohnungen und Gewerbe ein noch spannenderes Energieprofil zeigt. So ist im Gebäude u. a. ein Friseursalon mit einem relativ hohen Strombedarf untergebracht. Zudem erfolgt die Warmwasserbereitung über elektrisch betriebene Warmwasserboiler. Auch hier wird der Planer Dipl.-Ing. Holger Laudeley zeigen, dass aus einem Altbau ein „Energiewendegebäude“ werden kann.

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