Regulierungsdschungel im Bau: Wie Überbürokratie die TGA-Branche erstickt – und was jetzt getan werden muss

Dr.-Ing. Klaus Menge, Vorsitzender des Zentralen Technischen Ausschusses (ZTA) des BTGA e.V.
Bild: Menge

Dr.-Ing. Klaus Menge, Vorsitzender des Zentralen Technischen Ausschusses (ZTA) des BTGA e.V.
Bild: Menge
Stellen Sie sich vor, Sie wollen in einem Bestandsgebäude eine moderne Wärmepumpe installieren. Ein Projekt, das technisch längst kein Problem mehr ist – wäre da nicht der bürokratische Moloch, der Ihnen im Weg steht. Bevor der erste Schlauch verlegt wird, müssen Sie sich durch 17 Verordnungen, drei aktualisierte Normen und fünf kommunale Sonderregelungen kämpfen.

Deutschland ist Weltmeister in Regulierung. Doch während andere Länder mit pragmatischen Lösungen vorpreschen, ertrinken hiesige Unternehmen in Paragrafen. Ich frage: Wie viel Bürokratie verträgt eine Branche, die die Energiewende vorantreiben soll?

Die Regulierungsflut: Wenn der Papierkram das Projekt killt

Das GEG: Gut gemeint, schlecht umgesetzt

Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) 2024 sollte für Klarheit sorgen. Doch die Realität sieht anders aus: Jede Änderung erfordert neue Nachweise, Gutachten und Abstimmungen – selbst bei kleinen Sanierungen.

Kommunale Wärmepläne: Der Flickenteppich der Absurdität

Während der Bund versucht, mit dem GEG einheitliche Standards zu setzen, erfinden Kommunen ihre eigenen Regeln. In Stuttgart gilt eine andere Definition von „nachhaltiger Wärme“ als in München – und in Berlin wieder eine andere. Das Ergebnis sind Planungsstau, explodierende Kosten und eine genervte Branche.

Die EU-Taxonomie: Ein Rätsel für Experten

Selbst erfahrene TGA-Ingenieure verstehen die EU-Taxonomie oft nicht mehr. Was heute als „nachhaltig“ gilt, kann morgen schon wieder verboten sein – und niemand weiß genau, warum. Die Folge: Unternehmen zögern Investitionen hinaus, aus Angst vor nachträglichen Änderungen oder gar „Nachrüstpflichten“, die Projekte im Nachhinein verteuern.

Fachkräftemangel? Nein, Bürokratieüberfluss

Es heißt, der Fachkräftemangel sei das größte Problem der Branche. Doch in Wahrheit ist es oft die Bürokratie, die Fachkräfte bindet. Statt innovative Lösungen zu entwickeln, sitzen Ingenieure in Schulungen zu neuen Vorschriften oder kämpfen sich durch Antragsformulare. Ein Unding – in einer Zeit, in der wir jede Hand für die Energiewende brauchen!

Die Konsequenzen dieser Überregulierung sind deutlich zu erkennen:

  • Kostenexplosion: Jede zusätzliche Vorschrift bedeutet mehr Personal für die Dokumentation – und weniger Geld für Entwicklung.
  • Investitionsstau: Unternehmer zögern Projekte hinaus, weil sie nicht wissen, welche Regeln morgen gelten.
  • Abwanderung: Immer mehr Mittelständler gehen ins Ausland, wo die Rahmenbedingungen stabiler sind.
  • Image-Schaden: Deutschland gilt nicht mehr als Vorreiter, sondern als „Verhinderer“.

Was tun? Forderungen an Politik und Verbände

Es ist Zeit für einen Radikal-umbau der Regulierungspolitik. Das bedeutet konkret:

  1. One-in-two-out-Regel: Für jede neue Vorschrift müssen zwei alte gestrichen werden – Schluss mit der endlosen Anhäufung von Paragrafen!
  2. Einheitliche Standards statt Flickenteppich: Bund, Länder und Kommunen müssen gemeinsame Spielregeln ­definieren – statt jeder seine eigene Agenda zu verfolgen.
  3. Vertrauen in die Branche: TGA-Unternehmen sind keine Bittsteller, sondern Lösungsanbieter. Geben wir ihnen den Spielraum, den sie brauchen!
  4. BTGA als Stimme der Vernunft: Der Verband muss konkrete Vorschläge einbringen – etwa eine „Regulierungsampel“ für neue Gesetze.

Der Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder.

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