„O2 World“ in Berlin – eine Multifunktionsarena der 5. Generation
Die Klimaanlage wird zum StimmungsmacherRund 165 Mio. € hat die Anschutz Entertainment Group in den Bau der neuen Multifunktionsarena „O2 World“ in Berlin investiert. Mit 17 000 Plätzen ist sie die zweitgrößte und zudem derzeit modernste Arena Deutschlands. Über Nacht lässt sich die neue Halle in eine Eisarena, ein Basketball-Stadion, einen Konzertsaal oder eine Opernbühne verwandeln. So genannte Setups sorgen dafür, dass die Klimaanlagen für jeden Event nach einem passenden Lüftungsszenario arbeiten.
Die raumlufttechnischen Anlagen in Theatern, Konzertsälen, Sporthallen oder Kongresszentren sind in der Regel für die jeweilige Nutzung optimiert und damit innerhalb üblicher Bandbreiten an festgelegte Werte hinsichtlich Raumtemperatur, Luftfeuchte und Luftmenge gebunden. Auch Luftverteilung und Strömungsrichtung der Luftauslässe sind auf die gebäudetypische Nutzung fixiert. Ganz anders die neue „O2 World“, direkt am Spreeufer zwischen den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg gelegen. Hauptmieter der Multifunktionsarena sind der DEL-Eishockeyclub „Eisbären Berlin“ und der...
Die raumlufttechnischen Anlagen in Theatern, Konzertsälen, Sporthallen oder Kongresszentren sind in der Regel für die jeweilige Nutzung optimiert und damit innerhalb üblicher Bandbreiten an festgelegte Werte hinsichtlich Raumtemperatur, Luftfeuchte und Luftmenge gebunden. Auch Luftverteilung und Strömungsrichtung der Luftauslässe sind auf die gebäudetypische Nutzung fixiert. Ganz anders die neue „O2 World“, direkt am Spreeufer zwischen den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg gelegen. Hauptmieter der Multifunktionsarena sind der DEL-Eishockeyclub „Eisbären Berlin“ und der Basketballverein „Alba Berlin“, deren Spiele knapp zwei Drittel aller Veranstaltungen ausmachen. Trotz der überwiegenden Nutzung für Sportveranstaltungen ist die Arena als Theater- und Konzertsaal, Zirkusarena und Showbühne für Fernseh-Live-Übertragungen gleichermaßen perfekt geeignet. Innerhalb von wenigen Stunden kann die Eisfläche mit PU-Dämmelementen abgedeckt werden und steht dann für beliebige Nutzungen zur Verfügung.
Die schnelle Wandelfähigkeit der Halle und die hohe Flexibilität der Hallen-, Medien- und Gebäudetechnik stellten die Facility Manager der Anschutz Entertainment Group von Anfang an unter Beweis: Nach der Eröffnung am 10. September 2008 heizte die Rockgruppe „Metallica“ ihren Fans ein, einen Tag später zog Herbert Grönemeyer das Publikum in seinen Bann, tags darauf zeigten die Eisbären Berlin den Pantern aus Augsburg mit einem 11 : 0 Sieg wer Herr im Hause ist und wieder einen Tag später überraschte die Band Coldplay das Publikum in der ausverkauften Halle mit einer spektakulären Bühnenshow.
Energie und Umweltschutz in der „O2 World“
Das Gebäude entspricht der aktuellen EnEV. Eine spezielle Sonnenschutz-Verglasung minimiert den Wärmeeintrag im Sommer und schützt vor Auskühlung im Winter. Eine Dachbegrünung dient als zusätzliche Wärmedämmung. Alle Mitarbeiter werden in speziellen Seminaren zum Thema energiesparendes Verhalten und Ressourcenschonung geschult. Ziel ist die Minimierung des Energie- und Ressourcenverbrauchs sowie die Reduzierung des Abfallvolumens. Die Eventabläufe dürfen jedoch durch Energie- und Umweltschutzmaßnahmen nicht gestört werden.
Energiespartechnik
Ein Großteil der RLT-Anlagen ist mit Wärmerückgewinnern ausgestattet. Auch bei Beleuchtung, Heizung und der Kälteerzeugung für Klimaanlagen, Eisbahn und Gastronomie kommt energiesparende und umweltschonende Technik zum Einsatz. Alle HLK-Anlagen sind über nutzungsorientierte Funktionen aufeinander abgestimmt.
Ein- und Ausschaltzeiten von HLK-Anlagen sowie Event-bezogene Sonderfunktionen sind in so genannten Setups auf dem Gebäudeautomationssystem hinterlegt. Damit können die Vollbenutzungsstunden der Anlagen vergleichsweise niedrig gehalten werden. Wann immer möglich werden Anlagen im Teillast- oder Abschaltbetrieb betrieben.
Klimageräte mit Event-spezifischer Unterstützung
Dass bei allen Veranstaltungen in der „O2 World“ die Raumlufttechnik ganz wesentlich mit zur jeweils passenden Einstimmung des Publikums beiträgt, zeigt ein Blick hinter die Kulissen: Insgesamt 41 Wolf-Klimageräte vom Typ KG Top mit Luftvolumenleistungen zwischen 1400 und 60 000 m3/h, sorgen nicht nur für gute Luft, sondern zusammen mit der Gebäudeautomation auch für eine Event-spezifische Unterstützung. So werden Luftkondition, Luftmenge und Luftführung im Spielfeldbereich, der so genannten Bowl, individuell variiert, je nachdem, ob die Eisbären ihr Hockeyturnier austragen, Alba Berlin ihre Erfolge in der Basketball-Bundesliga verteidigen oder Tina Turner erneut unter Beweis stellt, dass Alter ein relativer Begriff ist. Für die publikumswirksamen Auftritte der beiden Sportvereine und der anderen Events sind im Gebäudeautomationssystem (BACnet) so genannte Setups hinterlegt, die unter anderem die spezifischen Besonderheiten der Veranstaltung hinsichtlich Raumtemperatur, Luftfeuchte, Luftvolumen und Luftverteilung in der Halle regeln. Hinzu kommen unterstützende Lüftungsfunktionen für Pyro-Shows und Nebeleffekte, die heute bei vielen Sportveranstaltungen und Rockkonzerten Standard sind.
Extrem hohe Entfeuchtungsleistung
Welche komplexen Anforderungen an die Klimatechnik bei einem Eishockeyspiel und hier insbesondere auch an die Flexibilität der Klimageräte gestellt werden, sei an folgendem Beispiel dargestellt:
Je nach Außenlufttemperatur, Außenluftfeuchte und Regenwahrscheinlichkeit wird die Zuluft schon im Vorfeld des Spiels gezielt entfeuchtet. Im Extremfall muss mit 14 200 Eishockeyfans in nassen Jacken gerechnet werden. Ziel ist eine absolute Luftfeuchte in der Halle von x = 3 bis 5 g/kg tr. Luft vor Spielbeginn. Nur so kann die gefürchtete Nebelbildung über der Eisfläche bzw. ein Reifansatz auf dem Eis verhindert werden. Wegen der enorm hohen Entfeuchtungslast sind die beiden Klimageräte für die Halle (Nenn-Luftleistung 2 x 60 000 m3/h), mit Sorptionsrädern der Fa. Klingenburg ausgerüstet, die aufgrund ihrer speziellen Silicagel-Beschichtung eine dauerhaft hohe Entfeuchtungsleistung garantieren. Die Regeneration des Sorptionsrades erfolgt bei Temperaturen von etwa 90 °C. Außerdem wurden in den Geräten stufenlos regelbare Kaltdampfgeneratoren eingebaut, die die Abluft befeuchten und sie damit adiabat kühlen. Die so gewonnenen niedrigen Temperaturen werden über epoxidbeschichtete Rotationswärmeübertrager an die Zuluft übertragen.
Damit die Luftschicht über der Eisfläche ungestört bleibt und sich innerhalb der Banden ein Kaltluftsee bilden kann, werden die ansonsten auf das Spielfeld gerichteten Drall-Luftauslässe abgeschaltet bzw. motorisch so justiert, dass die Zuluftführung auf die Ränge gerichtet ist. Gleichzeitig wird bei Eishockeyspielen die Temperatur auf den Zuschauertribünen auf 18 °C abgesenkt.
Pyro-Shows und Nebelmaschinen
Eine besondere Herausforderung für Gebäudetechniker und Klimaanlagen sind die Opening Ceremonies von Eishockeyspielen mit Pyro-Show und Nebeleffekten. Auch für dieses Warming-up der Fans sind Szenarien hinterlegt, damit sich die Nebeleffekte stabil ausbilden können und nicht durch Luftstrahlen gestört werden.
Ebenso werden Brand- und Rauchmelder in das Szenario einbezogen. Nach Feuerwerk und Einnebelung muss dann zum Spielbeginn kurzfristig wieder klare Sicht auf der Eisfläche herrschen. Durch eine gezielte Luftspülung werden die Nebelschwaden aufgelöst und der Pyro-Rauch über die Abluft abgezogen. Dank FU-geregelter Ventilatoren lassen sich solche Effekte heute quasi per Maus-Klick programmieren.
Weitere Setups sind für Konzerte hinterlegt, wobei zwischen eher ruhiger Musik und Rockkonzerten unterschieden wird. Während im ersten Fall Raumtemperaturen von 21 bis 22 °C üblich sind und die Qualität der Raumluft über CO2-Fühler überwacht wird, kommt es bei Rockkonzerten schon einmal vor, dass die Regie eine eher schwül-warme Atmosphäre sowie den Einsatz von Nebelmaschinen und Pyro-Effekten vorgibt. Für die meisten Rockbands ist die Vernebelung von Bühnen und Rängen ein elementares Stilmittel, um zusammen mit ihrer Musik Emotionen zu schüren, Illusionen zu erzeugen und damit die Dramaturgie der Performance zu steigern.
Die Erfahrungen zeigen, dass man mit eventspezifischen Setups auch in einer großen Arena mittels Raumlufttechnik, Nebelmaschinen, Pyrotechnik und Licht sowohl eine intime Atmosphäre als auch einen Hexenkessel erzeugen kann. Nicht umsonst beschreibt eine Broschüre die „O2 World“ als „gebaut für laut, gebaut für Gänsehaut“.
Funktionsräume bestimmen Lage der Klimazentralen
Die Anordnung der Klimazentralen in der Multifunktionsarena erfolgte nach dem Prinzip, die Geräte so nahe wie möglich an den jeweiligen Funktionsräumen zu platzieren. Die Zuluft für die Halle wird über vier Basiskanäle geführt und unter der Hallendecke über Weitwurfdüsen mit motorisch verstellbaren Schwenkkörpern ausgeblasen. Die Abluftführung erfolgt über abgehängte Decken in den Rängen. Die Hauptlüftungszentrale für die Halle befindet sich im 1. OG. Insgesamt sind in der „O2 World“ 41 Lüftungs- und Klimageräte mit unterschiedlichen Funktionen installiert, davon 14 mit Rotationswärmerückgewinner
Mit jeder Veranstaltung an Erfahrungen reicher
Für die Facility Manager ist es wichtig, die thermodynamischen Eigenheiten des Baukomplexes und die Wechselbeziehungen mit den RLT-Anlagen genau zu kennen, um daraus eine detaillierte energiesparende wie auch eventgerechte Betreiberstrategie zu entwickeln. Durch die großen Glasfassaden, die Eisfläche sowie die zur Halle offenen Restaurants hat das Gebäude – raumlufttechnisch gesehen – ein besonders komplexes Betriebsverhalten. Ziel des Facility Managements ist u. a. herauszufinden, innerhalb welcher Zeit die Halle die Solltemperatur des jeweiligen Events erreicht. Erste Priorität hat jedoch der reibungslose Ablauf der Veranstaltung, dann die Kondition der Raumluft, sprich Behaglichkeit und erst dann die Energiesparfunktion.
Fazit
Durch ihre Einbindung in veranstaltungsspezifische Setups müssen die Klimaanlagen in der „O2 World“ Funktionen erfüllen, die weit über die üblichen Behaglichkeitsanforderungen hinausgehen. Zusammen mit Licht, Pyrotechnik und Nebelmaschinen tragen die raumklimatischen Szenarien ganz wesentlich zur Dramaturgie der unterschiedlichsten Events bei. Voraussetzung für die Dynamisierung der RLT-Anlagen sind Klimageräte, die unmittelbar auf die Setups reagieren können und ein Höchstmaß an Flexibilität und Verfügbarkeit gewährleisten.
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