Neuland betreten
Visionen und Innovationen bei der Güntner AGGibt es noch Innovationen in der Gebäudetechnik? Wer z. B. die Fachmesse ISH im März besucht hat, wird zahlreiche neue – und sicher auch spannende – Produkte gesehen haben. Aber das Rad der Technik wird bei den meisten eben nicht neu erfunden. Die Firma Güntner hat nun im Bereich der Wärmeaustauscherproduktion mit hohen Investitionen einen völlig neuen Weg beschritten, der durchaus das Potential hat, dieses Segment zu revolutionieren – ein mutiger Schritt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Doch es lohnt sich bei Güntner auch, den Blick weg von den Produkten und hin zur Unternehmenskultur zu richten, wie das Interview mit Güntner-Geschäftsführer Bernd Gantner zeigt.
Erinnern Sie sich noch an die Kamerafilme und Kleinbildkameras von Agfa? Einst war Agfa mit riesigem Marktanteil Dritter in der Welt – heute praktisch und im doppelten Sinne des Wortes von „der Bildfläche“ verschwunden. Man hatte bei Agfa schlicht die Entwicklung der Digitalfotografie verschlafen. Und dass ein Erstarren in alten Strukturen und Produkten auch in anderen Branchen schnell in die Insolvenz führen kann, haben wir unlängst bei Chrysler erlebt. Ein ähnliches Schicksal möchte natürlich kein Hersteller erleiden. In der Haus- und Gebäudetechnik ticken zwar die Uhren etwas langsamer als...
Erinnern Sie sich noch an die Kamerafilme und Kleinbildkameras von Agfa? Einst war Agfa mit riesigem Marktanteil Dritter in der Welt – heute praktisch und im doppelten Sinne des Wortes von „der Bildfläche“ verschwunden. Man hatte bei Agfa schlicht die Entwicklung der Digitalfotografie verschlafen. Und dass ein Erstarren in alten Strukturen und Produkten auch in anderen Branchen schnell in die Insolvenz führen kann, haben wir unlängst bei Chrysler erlebt. Ein ähnliches Schicksal möchte natürlich kein Hersteller erleiden. In der Haus- und Gebäudetechnik ticken zwar die Uhren etwas langsamer als in der Elektronik- oder Autobranche, aber auch hier gilt, dass Unternehmen Veränderungen des Marktes rechtzeitig erkennen und auf diese reagieren müssen. Noch besser ist es natürlich, wenn man auf Entwicklungen nicht nur reagiert, sondern einen technischen Trend selber setzt und einläutet – vorausgesetzt, der Markt folgt diesem Trend. Das damit verbundene wirtschaftliche Risiko ist jedoch nicht unerheblich.
Größtes Projekt der Firmengeschichte
Die Güntner AG & Co. KG aus Fürstenfeldbruck (www.guentner.de) hat diesen Schritt gewagt und im Bereich der Kältetechnik mit dem „microox“-Wärmeaustauscher ein durchaus als Innovation zu bezeichnendes Produkt entwickelt. „Die Entwicklung der „microox“-Technologie und ihre Umsetzung in unserem neuen Verflüssiger „GVX“ ist bislang das größte Projekt in der Güntner-Firmengeschichte“, fasst Bernd Gantner, gemeinsam mit Jan Danger Geschäftsführer des Unternehmens, die letzten zwei Jahre zusammen. „40 bis 50 Mitarbeiter waren mehr oder weniger ständig in Forschung und Entwicklung involviert. Jetzt stehen wir kurz vor dem Serienstart, der für Juli geplant ist.“ Hierfür hat Güntner im ungarischen Werk in Tata umfangreiche Investitionen getätigt und für 13 Mio. € eine neue Fertigungshalle errichtet, in der auf einem Viertel der Fläche der „microox“-Wärmeaustauscher gefertigt wird. Das soll jedoch nicht heißen, dass die traditionellen Wärmeaustauscher, bei Güntner mit „finoox“-Technologie betitelt, jetzt künftig aus dem Programm des Herstellers verschwinden sollen. „Aber wir gehen davon aus, dass sich der Absatz in einigen Produktfamilien künftig langsam von „finoox“ in Richtung „microox“ verschieben wird“, so Bernd Gantner.
Hohen Einsatz gewagt
Mit dem neuen Wärmeaustauscher wagt Güntner einen Schritt, der das Potential hat, die Branche zu revolutionieren. Der Einsatz ist hoch, die Absatzmöglichkeiten aber auch. Davon zumindest geht Güntner aus: „Ich bin überzeugt, dass die neue Technologie in unserem Markt Einzug halten wird“, bekräftigt Gantner die Entscheidung des Unternehmens. Vor dem Wettbewerb hat er keine Angst, ganz im Gegenteil: „Wir bei Güntner setzen auf Vorsprung, was natürlich nicht heißen soll, dass wir unsere Entwicklungen nicht auch durch Patente schützen lassen. Der Markt für „microox“ ist enorm und kann durchaus gemeinsam bedient werden. So etabliert sich die Technologie sogar noch schneller.“ Durch die weltweite Wirtschaftskrise, die auch an der Kälte- und Klimatechnik-Branche nicht spurlos vorbeizieht, wird es allerdings für Wettbewerber schwierig sein, schnell auf diese neue Technologie zu reagieren und bei den hohen Investitionskosten in Kürze vergleichbare Produkte zu entwickeln. Den dadurch erzielten Wissensvorsprung kann und wird Güntner daher wohl so schnell keiner nehmen können.
Kompletter Wandel im Produktionsprozess
Im Vergleich zu herkömmlicher Wärmeaustauschertechnologie findet für Güntner ein kompletter Wandel im Produktionsprozess statt. Die „microox“-Technologie ist eine Weiterentwicklung der Microchannel-Technologie, die bisher hauptsächlich im Automobilbereich eingesetzt wurde. Die dortigen Anforderungen sind jedoch mit denen in der stationären Kältetechnik kaum zu vergleichen und die Microchannel-Technologie ist daher aus dem Automobilbereich nicht 1 : 1 in die Kältetechnik zu übertragen. Sie bietet allerdings deutliche Vorteile für die stationäre Kälte, vorausgesetzt, sie wird entsprechend weiterentwickelt. Genau das hat Güntner getan. Dabei standen besonders die Optimierung der Leistungsdichte, die Reduzierung der Kältemittelmengen und die Berücksichtigung der jeweiligen Drucklagen im Vordergrund. Ebenfalls große Herausforderungen waren die für die stationäre Kälte erforderlichen hohen Leistungen mit den entsprechenden Modulgrößen sowie die Anpassung an die jeweiligen Einsatzbereiche. Dr. Franz Summerer, Leiter Forschung & Entwicklung: „Bei herkömmlichen Microchannel-Wärmeaustauschern ist die Leistungsdichte in kW/m2 Aufstellfläche relativ gering. Das heißt, die Produkte sind zwar flach, aber sehr groß, bei Abmessungen von maximal 1 x 2 m. Es ist uns gelungen, die Profiltiefe auf 45 mm und die Abmessungen auf ca. 1,2 x 2,4 m zu vergrößern. Das heißt, die Leistungsdichte wurde um durchschnittlich 15 % im Vergleich zu herkömmlicher Technologie erhöht.“
Anlagenfüllmenge deutlich reduziert
Weitere Vorteile bietet der verwendete Werkstoff Aluminium, aus dem die neuen Wärmeaustauscher komplett gefertigt sind. Das bringt gleich mehrere Vorteile mit sich. Zum einen ist Aluminium kostengünstiger als Kupfer. Zum anderen ist es natürlich auch wesentlich leichter, so dass sich das Gesamtgewicht eines Verflüssigers im Vergleich zu herkömmlicher Technologie um bis zu 30 % reduziert. Auch können „microox“-Wärmeaustauscher durch ihr Profil mit einem Druck von bis zu 120 bar gereinigt werden. Mit herkömmlichen Lamellen ist dies nicht möglich, da diese dann verbiegen würden. Zudem sind die Geräte vor galvanischer Korrosion geschützt, was die Wartungskosten senkt.
Kältemittel und Füllmengen sind ein weiterer wichtiger Themenkomplex in Bezug auf die „microox“-Technologie. Anlagendichtheit ist bekanntlich das Hauptanliegen der F-Gas-Verordnung. Diese soll unter anderem durch regelmäßige Leckagetests sichergestellt werden. Dabei ist die Füllmenge der Anlage entscheidend für die Anzahl der Leckagetests pro Jahr. Es ist also durchaus im Interesse der Kunden, ihre Anlagenfüllmenge so weit wie möglich zu reduzieren. Mit der „microox“-Technologie können die Kältemittelfüllmengen im Verflüssiger um bis zu 60 % reduziert werden.
Die „GVX“-Verflüssiger stehen für die beiden großen Kältemittelfamilien der fluorierten Kältemittel (HFKW) und der natürlichen Kältemittel (Ammoniak, Kohlenwasserstoffe und CO2) zur Verfügung. Geräte für die Verwendung von natürlichen Kältemitteln (Ammoniak, Kohlenwasserstoffe und CO2) sind in der Entwicklung. Selbst Drucklagen von bis zu 120 bar für CO2-Gaskühler sind bereits in der Planung. Bislang steht die Technologie allerdings „nur“ für die Verflüssigerseite zur Verfügung. Prinzipiell sei aber auch eine Anwendung im Verdampferbereich denkbar, so Dr. Summerer. Allerdings sind hier noch einige technische Hürden zu nehmen.
TAB-Redaktion: Herr Gantner, Sie stellen in Ihrem Internetauftritt den schonenden Umgang mit Umwelt und Ressourcen sowie höchste Kundenzufriedenheit als Vision und Leitbild der Firma Güntner in den Vordergrund. Es gibt allerdings wohl kaum ein Unternehmen, das dies nicht ebenfalls für sich in Anspruch nehmen würde. Wie werden diese Leitbilder in Ihrem Unternehmen gelebt?
Bernd Gantner: Die Leitsätze findet man in ähnlicher Formulierung sicher in vielen Firmen, besonders große Unternehmen schmücken sich damit. Der Unterschied besteht darin, ob man es lebt oder nicht. Und dies muss auch im Tagesgeschäft jedes Mitarbeiters zu sehen sein. Bei Güntner sind Vision und Leitbild immer wieder Thema im Unternehmen, bei jeder Vertriebstagung steht es auf der Tagesordnung. Das Leitbild hängt zudem in jedem Büro, und allen neuen Mitarbeiter wird in einer Schulung die Güntner-Philosophie vermittelt. Wir leben unsere Visionen. Wir machen es und schreiben es nicht nur in der Firmenzentrale an eine Wand.
TAB-Redaktion: Können Sie für die Umsetzung ein paar Beispiele nennen?
Bernd Gantner: Stichwort „Mitarbeiter“: Unsere Mitarbeiter sind das Wichtigste. Ihr Engagement und langjährige Erfahrung haben die Güntner-Gruppe zu einem führenden globalen Anbieter in der Wärmeübertragungstechnologie gemacht. Einzig die Mitarbeiter sind relevant für den Unternehmenserfolg. Wesentliches Merkmal unserer Unternehmenskultur ist die respektvolle Zusammenarbeit. Nichtdiskriminierung, Chancengleichheit sowie Toleranz und der faire Umgang miteinander gehören zu unseren Grundwerten.
Stichwort „Schonender Umgang mit der Umwelt“: Schon bei der Produktion in unseren Werken wird, wie Sie selbst gesehen haben, der Schutz von Ressourcen und Energieeinsparung groß geschrieben. Wir setzen modernste Maschinen ein, haben den Materialeinsatz optimiert, investieren viel, um in den Produktionsprozessen Mitarbeiter und die Umwelt zu schonen. Hiervon profitieren wir natürlich als Unternehmen durch eine höchst effiziente Produktion auch selbst, aber viele Maßnahmen sind eher dem Umwelt- und Ressourcenschutz geschuldet als der Profitabilität.
Aber auch unsere energieeffizienten Produkte dienen der Ressourcenschonung. Wir sind im Gespräch bei unseren Kunden und im Planungs- und Ausführungsfall stets bemüht, unsere Kunden davon zu überzeugen, die jeweils richtige technische und möglichst energieeffiziente Lösung zu wählen. Es ist logischerweise auch im eigenen Interesse zu sagen, dass ein Kunde eine energiesparende Lösung wählen soll, denn diese ist, was den Wärmeaustauscher angeht, meist auch flächenmäßig größer. Aber das steht nicht primär im Fokus. Der Kunde soll durch die richtige Produktauswahl profitieren. Die Wahl der energieeffizientesten Lösung mag zwar etwas mehr kosten, aber das Geld amortisiert sich in kürzester Zeit, und neben dem Geldbeutel des Kunden wird auch unsere Umwelt geschont.
TAB-Redaktion: Wie vermitteln Sie diese Ideen und Vorteile Ihren Kunden?
Bernd Gantner: Wichtig sind uns bei Güntner vor allem der persönliche Kontakt und die individuelle Betreuung des Kunden. Nur wer seine Kunden intensiv betreut und bei ihm vor Ort ist, hat überhaupt die Möglichkeit, über etwas anderes zu reden als den Preis. Dies zeigt sich auch in der Größe unseres Vertriebsapparats, der europaweit existiert. Der Vertrieb ist der größte Bereich bei uns mit europaweit etwa 120 Mitarbeitern im Innen- und Außendienst. Wir leisten uns einen flächendeckenden Außendienst, der den direkten Kontakt zum Kunden hält.
Diese beiden Punkte – energieeffiziente und ressourcenschonende Planung und Produktion sowie individuelle persönliche Beratung – sind die zwei wichtigsten Punkte unserer Firmenphilosophie. 2001 haben wir diese auch schriftlich formuliert und richten unser Verhalten intern und im Umgang mit Kunden danach aus und lassen uns auch daran messen. Damals haben wir auch eine klare Strategie 2010 definiert, die wir mit Erfolg umgesetzt haben. Die wesentlichen Ziele haben wir sogar schon 2008 erreicht – dazu zählt vor allem die Expansion in Europa und weltweit. Mittlerweile haben wir eine neue Strategie 2015. Vision und Leitbild sind jedoch nur marginal geändert worden.
TAB-Redaktion: Wie unterstützt Güntner seine Kunden konkret bei Planung und Ausführung?
Bernd Gantner: Zum einen ist wieder, wie schon erwähnt, unsere hervorragende Vertriebsmannschaft zu nennen. Ein weiterer Vorteil für Planer in der Zusammenarbeit mit uns ist unser von vielen geschätzter „Güntner Product Calculator“ („GPC“). Es handelt sich dabei um eine Auslegungssoftware, die frei herunterladbar ist. Jeden einzelnen Wärmeaustauscher kann der Anwender thermodynamisch rechnen – es sind nicht einfach nur Datenblätter oder Excel-Listen hinterlegt. Es ist ein ganz wichtiges Werkzeug, das die Planungsqualität und -geschwindigkeit verbessert. Der „GPC“ hat den Markt so gut durchdrungen und wird so intensiv und auch selbständig von unseren Kunden genutzt, dass in manchen Segmenten mehr Aufträge eingehen als Angebote geschrieben werden.
Natürlich gibt es von uns aus auch die nötige persönliche Unterstützung, wenn sie benötigt wird. Dies gilt vor allem für Projekte mit Sonderapplikationen. Da ist unser System-Know-how besonders wertvoll. Wir kennen uns nicht nur mit unseren Produkten aus, sondern können den Kunden auch bei seinen Projekten beraten, z. B. wenn eine Tiefkühlanlage für ein Logistikzentrum mit -25 °C errichtet werden soll. Wie müssen die Geräte angeordnet werden, um überall gleiche Temperaturen zu erzielen? Was muss bei welchem Lagergut geachtet werden? Wir forcieren und pflegen dieses umfangreiche Wissen auch durch intensives Datenmanagement und Portale, die wir intern immer weiter füttern.
Ein wichtiger Vorteil für unsere Kunden ist auch unsere internationale Ausrichtung. Wenn beispielsweise ein Planer in Hamburg eine Anlage in der Ukraine plant, dann ist es für Güntner selbstverständlich, dass ihn sein vertrauter Güntner-Ansprechpartner in Hamburg genauso intensiv betreut wie bei einem Objekt vor dessen Haustür. Ich kenne viele Unternehmen, wo die Vertriebsstruktur dies nicht zulässt und die Außendienstler nur eine regionale Denke haben.
TAB-Redaktion: An einem Statement zur Wirtschaftskrise kommt in diesen Zeiten niemand vorbei. Wie stellt sich die Situation für Güntner dar?
Bernd Gantner: Wir sind bei Güntner natürlich nicht isoliert vom Weltmarkt. Auftragsrückgänge sind auch bei uns deutlich spürbar. Aber wir müssen noch etwas abwarten, um vor allem in der Haus- und Gebäudetechnik die Auswirkungen der Wirtschaftskrise von der Winterkrise trennen zu können. Der extreme Winter hat nämlich auch sein Scherflein dazu beigetragen. Eine Vorhersage für das Jahr 2009 ist sehr schwierig, aber Güntner hat den Vorteil, dass wir ein starkes Standbein in der doch etwas krisensichereren Lebensmittelbranche haben. Ich erwarte aber, dass der Markt generell bis Ende des Jahres wieder anziehen wird.
Herr Gantner, ich danke Ihnen für das Gespräch!
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