Neubau der FOS/BOS in Erding
Nachhaltiges Passivhaus mit niedrigem PrimärenergiebedarfDer Neubau der Fach- und Berufsoberschule in Erding zeichnet sich nicht nur als Passivhaus mit einem besonders niedrigen Primärenergiebedarf aus, sondern auch durch die Wege zur Zielerreichung. So wurde baubegleitend ein energetisches Controlling durchgeführt. Das Ergebnis ist ein Vorzeigeprojekt im Bereich des Schulneubaus.
Abweichungen von der Planung während der Bauphase hätten ohne dieses Controlling Verschlechterungen der Energiekennwerte zur Folge gehabt. Dies konnte durch entsprechende Kompensationsmaßnahmen verhindert werden. Das Gebäude erfüllt somit die hohen geforderten Energiekennwerte. Um die Zielvorgabe der Errichtung eines nachhaltigen Baus in Passivhausbauweise zu gewährleisten, wurde der Jahresheizwärmebedarf nach Passivhaus Projektierungs Paket (PHPP) berechnet. Der Passivhaus-Grenzwert für den Jahresheizwärmebedarf konnte unterschritten werden. Der jährliche Primärenergiebedarf für die Haustechnik der FOS/BOS Erding wurde über ein an den „Leitfaden elektrische Energie im Hochbau“ des Landes Hessen angelehntes tabellarisches Berechnungsverfahren abgeschätzt und mit den entsprechenden Werten eines in Geometrie und Nutzung gleichen, aber mit Standardtechnologien erstellten Gebäudes verglichen. Hierbei ergab sich eine Unterschreitung des Primärenergiebedarfs um 60 %. Für den Neubau der FOS/BOS Erding wurde des Weiteren ein bedarfsorientierter Energieausweis nach Energieeinsparverordnung 2007 erstellt. Die Anforderung an den Jahres-Primärenergiebedarf wurde hierbei um 68 %, die des spezifischen Transmissionswärmeverlustes um 81 % unterschritten.
Auch die Durchführung des Dichtheitsmessung (Blower-Door-Test) in drei Phasen mit der Möglichkeit des Aufspürens von noch bestehenden Undichtigkeiten hat sich als sehr gut erwiesen: Die endgültige Messung ergab eine hervorragende Dichtheit des Gebäudes: Der Luftwechsel bei einem Druck von 50 Pa lag bei nur 0,17 h-1 (Vorgabe Passivhaus 0,6 h-1).
Im Hinblick auf Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit eingesetzter Produkte wurden für einen, auf bestimmte Innenräume begrenzten Bauproduktnachweis Informationen für die Ausschreibung, die Auswahl und Dokumentation systematisch erhoben. Die erhaltenen Produktunterlagen wurden auf potentielle Risikostoffe geprüft. Bei Problemen wurden die Firmen aufgefordert entsprechende Substitutionen vorzunehmen. Insgesamt wurden 60 Einzelmaterialien von neun Unternehmen in die Prüfung einbezogen.
Die Messdatenerfassung für das Monitoring erfolgt mit Hilfe entsprechend ergänzter Sensorik. Etwa 800 Datenpunkte werden minütlich erfasst. In der nun anschließenden zweijährigen Monitoringphase sollen eine energetische Optimierung sowie eine anschließende Evaluierung im optimierten Betrieb durchgeführt werden.
Schüler, Lehrer und Öffentlichkeit konnten durch regelmäßige Projektvorstellungen und Führungen durch das Gebäude in das Bauvorhaben eingebunden werden. Dadurch wurde auch viel in der Presse über das Projekt berichtet. Bei Fachkonferenzen wurden Fachleuten über das innovative Konzept informiert.
Das Projekt wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert.
Das Projekt
Die FOS/BOS Erding wurde am Berufsschulzentrum an der Freisinger Straße in Erding gebaut und wurde im März 2011 in Betrieb genommen. In der FOS/BOS Erding sind zurzeit 68 Lehrer und Mitarbeiter sowie 750 Schüler untergebracht.
Das vorliegende Projekt hat sich von vorne herein der Maßgabe zur Realisierung eines extrem niedrigen Primärenergiebedarfs und -verbrauchs und der Reduktion von Umweltbelastungen während der gesamten Lebenszeit unterworfen. Das Ziel bestand in der Errichtung eines Schulgebäudes in Passivhausbauweise und der Erfüllung aller entsprechenden anspruchsvollen bauphysikalischen und haustechnischen Anforderungen, reduzierter Haustechnik unter Einbeziehung innovativer hybrider Lüftungs- und Kühlungskonzepte sowie Umweltkälte. Ein weiteres Ziel ist der außergewöhnlich niedrige Primärenergiebedarf für das gesamte Gebäude sowie eine optimierte Tageslichtnutzung bei gleichzeitig gutem sommerlichen Wärmeschutz und einem wesentlich erhöhten Nutzungskomfort. Die Restwärmeversorgung wird durch eine Anbindung an den Rücklauf der benachbarten Gastronomie-Berufsschule gewährleistet.
Gebäudebeschreibung
Die FOS/BOS Erding wurde am Berufsschulzentrum an der Freisinger Straße in Erding gebaut und bildet zusammen mit der bestehenden Berufsschule und der Kreismusikschule einen städtebaulich zusammenhängenden Komplex.
Der Neubau beinhaltet ein Raumprogramm mit 25 Klassenräumen und den dazugehörigen Fachgruppen- und Mehrzweckräumen. Außerdem wurden Verwaltungs- und Nebenräume sowie eine ca. 500 m2 große Pausenhalle verwirklicht. Die Nettogrundfläche beträgt insgesamt ca. 7640 m². Der Baukörper der neu errichteten FOS/BOS Erding ist im Norden drei- und im Süden zweigeschossig. Die beiden Gebäudeteile werden über eine transparente Eingangshalle (Atrium) verbunden.
Um Passivhausstandard zu erreichen, wurde ein sehr hoher Dämmstandard mit U-Werten für die opaken Bauteile von 0,10 W/(m²K) (Flachdach) bis 0,18 W/(m²K) (Bodenplatte) umgesetzt. Im Hinblick auf die Reduktion der Fenster-Einbauwärmebrücken wurden während der Bauphase vom Ingenieurbüro Hausladen Wärmebrückenberechnungen zur Optimierung durchgeführt: Über diese Berechnungen konnten Einsparungen durch eine punktuelle Befestigung mit thermisch getrennten Befestigungswinkeln aufgezeigt werden. Letztlich ergab sich für die Fenster ein Ucw-Wert von 0,82 W/(m²K).
Allgemeines zum
Technikkonzept
Die Umsetzung des Beschlusses, das Gebäude in Passivhausbauweise zu errichten, bedarf einer kompakten Bauweise, eines hohen Dämmstandards, einer durch einen Blower-Door-Test nachzuweisenden hervorragenden Gebäudedichtigkeit sowie einer flächendeckenden mechanischen Lüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung.
Alle energierelevanten Verbraucher müssen in ihrem jeweiligen Bereich Bestwerte aufweisen. Der sehr niedrige Primärenergiebedarf des Gebäudes darf jedoch nicht zu Lasten des angestrebten hohen Nutzungskomforts gehen.
Wärmeversorgung
Die Raumheizung des Gebäudes wurde auf eine Heizungsvorlauftemperatur von 50 °C ausgelegt. Dadurch wurde es möglich, dass das Gebäude nicht über den Fernwärmevorlauf, sondern über den Rücklauf der Gastro-
Berufsschule beheizt werden kann. Dadurch wird der Fernwärmerücklauf zusätzlich abgekühlt. Dies führt zu einer Wirkungsgradsteigerung bei der Fernwärme. Es wird davon ausgegangen, dass die Nutzung des Rücklaufs nahezu immer möglich sein wird, da der Heizungsrücklauf der Berufsschule der erforderlichen Heizungsvorlauftemperatur der Passivhausschule entspricht. Sollte der Rücklauf dennoch unter die gewünschte Heizwassertemperatur fallen, wird über den Vorlauf der bestehenden Fernwärmeleitung über ein 3-Wege-Mischventil zugeheizt.
Die Wärmeverteilung erfolgt über Wandheizelemente an der Fassade, da das Heizen mit einem wasserführenden System günstiger ist als über die raumlufttechnische Anlage.
Kälteerzeugung
Die Kühlung erfolgt über einen Grundwasserförderbrunnen und einen Schluckbrunnen. Die Grundwassertemperatur beträgt in den Sommermonaten 10 bis 12 °C. Die Grundwassernutzung zu thermischen Zwecken wurde mit der Auflage gemäß Wasserhaushaltsgesetz genehmigt, dass die Temperaturdifferenz des rückgespeisten Grundwassers nicht mehr als 5 K im Vergleich zur Entnahmetemperatur betragen darf.
Die Kälteübergabe erfolgt mittels eines Plattenwärmetauschers mit einer Kälteleistung von 90 kW. Der Kälteeintrag erfolgt über Zuluftkühlung und zusätzlich über Kühldecken in den Informatikräumen sowie über Umluftkühlung im Serverraum.
Lüftungskonzept
Die Umsetzung des Lüftungskonzepts erfolgt durch verschiedene raumlufttechnische Anlagen. Eine Übersicht über die RLT-Anlagen gibt Tabelle 1.
Die flächendeckende mechanische Belüftung sorgt für eine gleichbleibend gute Luftqualität.
Im Winterfall wird die angesaugte Außenluft über das Lüftungsgerät mit Rotationswärmetauscher mit Wärme- und Feuchterückgewinnung (Wärmebereitstellungsgrad 80 %) zu den Zulufträumen geführt. Die Abluft wird über Überströmelemente in die Nebenräume und anschließend ins Atrium geführt, welches als Abluftplenum genutzt wird, aus dem an wenigen Stellen die verbrauchte Luft abgesaugt wird. Das Abluftrohrnetz beginnt somit erst bei der Absaugöffnung in der Nähe des Atriumdaches und ist somit gegenüber einer konventionellen Luftführung reduziert.
Die Auslegung der Lüftungsgeräte erfolgte auf 20 m³/h pro Person bei einer Belegung von 750 Personen. Bei der Auslegung der Lüftungsanlagen wurde auf einen geringen Strombedarf geachtet. Dies wurde durch eine großzügige Dimensionierung der Kanäle und Lüftungsgeräte (minimierte Druckverluste durch geringe Strömungsgeschwindigkeiten) und hocheffziente Ventilatoren erreicht. Die Stromeffizienz der RLT Nord beträgt 0,50 Wh/m³, die der RLT Süd 0,48 Wh/m³ für Zu- und Abluft. Der Referenzwert der EnEV 2009 liegt bei 0,69 Wh/m³ für Zu- und Abluft.
Die Zuluft wird über Quellluftauslässe eingebracht. Bei der Quelllüftung entsteht ein Frischluftsee am Boden des Klassenzimmers. Die frische Luft steigt an den Personen auf, wodurch eine höhere Luftqualität erreicht wird.
Hohe sommerliche Empfindungstemperaturen werden mit geringem Aufwand und sehr niedrigem Energieeinsatz über eine mechanisch unterstützte Nachtlüftung abgesenkt. Eine Minimierung des Ventilatorstrombedarfs wird durch die vier Axialventilatoren im Atrium erreicht: Tagsüber, wenn keine Wärmerückgewinnung mehr erforderlich ist, schaltet sich der Abluftventilator im Lüftungsgerät ab. Stattdessen wird die Abluft über die Axialventilatoren direkt nach draußen transportiert. Dadurch passiert die Luft kein Rohrnetz mehr, sondern strömt druckverlustarm durch Räume und Öffnungen. Auch die Nachtlüftung verursacht nur einen geringen Strombedarf, da bei der Nachtlüftung nur die Axialventilatoren in Betrieb sind. Die Zuluft strömt über geöffnete Lüftungsklappen in der Fassade nach.
Die Quelllüftung erfordert eine definierte Zulufttemperatur und somit im Sommer eine Zuluftankühlung. Diese wird durch diese wird durch die energiesparende Brunnenwasserkühlung realisiert.
Die Volumenstromregelung in jedem Klassenzimmer erfolgt abhängig von Präsenz und Luftqualität (Mischgassensor).
Sommerlicher Wärmeschutz
Durch den hohen Dämmstandard wird es gerade in den heißen Sommermonaten sehr wichtig, die Solarlasten auf ein Minimum zu reduzieren. Das Konzept für den Sommerlichen Wärmeschutz basiert auf verschiedenen Säulen:
Kunstlicht
Ein ambitioniertes primärenergetisches Ziel bedingt auch einen niedrigen Stromverbrauch für die Beleuchtung und somit eine hohe Tageslichtautonomie in möglichst allen Nutzungsbereichen. Diesem Umstand wurde besonders Rechnung getragen: Das Atrium, das als Pausenbereich genutzt wird, ist gut durch Oberlichter und die Dachverglasung mit Tageslicht versorgt. Auch bei den Klassenzimmern, die an der Nord- und Südfassade mit hohem Verglasungsanteil positioniert sind, wurde durch raumhohe Verglasung auf eine hohe Versorgung mit Tageslicht geachtet.
Die drei Lichtbänder werden tageslicht- und präsenzabhängig mit Dimmung gesteuert. Die Tafelbeleuchtung erfolgt manuell und wird über Präsenz ausgeschaltet.
Mess-, Steuer- und Regelungstechnik (MSR)
Die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik erfolgt über Einzelraumregelungen in Verbindung mit einer visualisierten Gebäudeleittechnik (GLT). Hierbei werden Messwerte erfasst, weiterverarbeitet und anhand von Sollwerten können die verschiedenen Anlagensysteme gesteuert werden.
Wichtige Funktionen der GLT der FOS/BOS sind:
Die GLT unterscheidet zwischen den verschiedenen Betriebsmodi: Sommerbetrieb, Neutraler Betrieb und Winterbetrieb.
Abhängig von dem Betriebsmodus werden die Funktionen Raumheizung, Zuluftkonditionierung, Nachtlüftung, Kühlung, und Automatikbetrieb Sonnenschutz freigegeben.
Der Kühlbetrieb ist regeltechnisch deutlich anspruchsvoller als der Heizbetrieb. Während das Gebäude im Heizbetrieb zeitnah aus der Fernwärme auf Solltemperatur gehalten bzw. gebracht werden kann, muss beim Kühlbetrieb schon in der Nacht vorher das Gebäude über Nachtlüftung heruntergekühlt worden sein und das Gebäude im Zusammenspiel mit einem optimierten Betrieb von Lüftung, Verschattung und Kunstlicht auf möglichst niedrigen Raumtemperaturen gehalten werden.
Die Gebäudekühlung und -heizung ist nicht unabhängig von der Lüftung. Wichtige Bestandteile für den Gebäudebetrieb sind z. B. Zuluftvorkonditionierung, freie Kühlung mit Außenluft, sowie nächtliche Querlüftung und Kälterückgewinnung.
Regenwassernutzung
Um das Regenwasser aufzufangen, ist die Dachflächenentwässerung an die Regenwasserzisternen angeschlossen. Das Speichervolumen der drei Zisternen beträgt je Zisterne 9 m³. Ist die maximale Füllmenge erreicht, läuft das Regenwasser zur Rigolenversickerung über. In der Technikzentrale befindet sich die Regenwassernutzungsanlage für die WC- und Urinalspülung. Zusätzlich wird das gespeicherte Regenwasser zur Außenbewässerung genutzt.
Blower-Door-Test
Ein wesentlicher Grundstein eines Passivhauses ist die Realisierung eines luftdichten Gebäudes. Daher wurde im Rahmen der Bauleitung auf eine luftdichte Ausführung der Gebäudehülle geachtet. Spezielles Augenmerk wurde auf die Abdichtung der Durchdringungen in der Außenwand (z. B. Kabel für Sonnenschutz und Außenbeleuchtung) gelegt.
Auch die Durchführung der Dichtheitsmessung (Blower-Door-Test) in drei Phasen mit der Möglichkeit des Aufspürens von noch bestehenden Undichtigkeiten hat sich als sehr gut erwiesen:
In einem ersten Schritt wurde am Beispiel eines Musterraumes ein Blower-Door Test (Messverfahren B) durchgeführt. Ziel des Blower-Door Testes war, die Dichtheit der Fassade anhand einer Musterfassade zu prüfen. Die Messungen wurden am 12.05.2010 durch die igb-Ingenieurgesellschaft Burgert mbH durchgeführt. Im Rahmen der Messung wurden einige Undichtigkeiten festgestellt, deren Ursachen geklärt und bei der Ausführung behoben werden konnten.
Am 2. September 2010 fand der zweite Blower-Door Test (Messverfahren B) statt. Diese Messung wurde nach Fertigstellung der luftdichten Ebene durchgeführt. Ziel der Messung war, bestehende Undichtigkeiten zu lokalisieren, um diese noch während der Bauphase nachdichten zu können. Aufgrund der Größe des Gebäudes wurden für die Messung drei Gebläse vorgesehen. Aufgrund der guten Dichtheit des Gebäudes war für die Messung jedoch ein Gebläse ausreichend. Der n50-Wert des Gebäudes lag bei 0,13 1/h. Bei der Leckageortung wurden leichte Undichtigkeiten im Glasdach des Atriums entdeckt. Ansonsten wies das Gebäude keine Undichtigkeiten auf.
Die endgültige Messung (Messverfahren A) am 21. Januar 2011 ergab eine hervorragende Dichtheit des Gebäudes: Der Luftwechsel bei einem Druck von 50 Pascal lag bei nur 0,17 1/h. Dies ist ein ausgesprochen gutes Ergebnis. Für die Einhaltung des Passivhausstandards ist ein n50-Wert von 0,6 ausreichend.
Controlling der Energiekennwerte
Schon in der Entwurfsphase wurden von der ip5 ingenieurpartnerschaft als Basis für die Entwicklung eines ressourcenschonenden Energiekonzepte verschiedene Energiekennwerte ermittelt, die der Kontrolle der hohen Anforderungen an den Neubau der FOS/BOS Erding dienen.
Energiekennwert Heizwärme nach PHPP
Zielvorgabe für die FOS/BOS Erding war die Errichtung eines nachhaltigen Baus in Passivhausbauweise. Hierfür wurde das Passivhauskriterium des spezifischen Heizwärmebedarfs (nach PHPP als „Energiewert Heizwärme“ bezeichnet) berechnet. Der Heizwärmebedarf eines Passivhauses darf 15 kWh/m2a nicht überschreiten.
Das Erreichen des Passivhausstandards hinsichtlich des Heizwärmebedarfs konnte nach Projektabschluss bestätigt werden. Auf eine Passivhauszertifizierung wurde bewusst verzichtet, da hier ein zusätzlicher Aufwand für die Berechnung des Primärenergiebedarfs gemäß PHPP, für die Dokumentation der Wärmebrücken und Kosten für die Zertifizierungsstelle angefallen wären.
Der Primärenergiekennwert nach PHPP, der sämtliche Energieverbräuche im Gebäude erfassen würde (z. B. PCs, Küchengeräte etc.) wurde nicht ermittelt. Stattdessen wurde der spezifische Primärenergiebedarf Haustechnik über ein tabellarisches Berechnungsverfahren abgeschätzt.
Primärenergiebedarf Haustechnik
Über ein von der Ingenieurpartnerschaft IP5 entwickeltes, an den „Leitfaden elektrische Energie im Hochbau“ des Landes Hessen (LEE) angelehntes tabellarisches Berechnungsverfahren wurde der Primärenergiebedarf für die Haustechnik abgeschätzt.
Die Ergebnisse dieser Aktualisierung im Vergleich zu einer baugleichen Standardschule mit Lüftungsanlage sind der Tabelle 2 zu entnehmen.
Der energetisch optimierte Neubau der FOS/BOS Erding im Passivhaus-Standard ermöglicht eine Senkung des Primärenergiebedarfs um mehr als 60 % im Vergleich zu einer Standardschule mit Lüftungsanlage.
In Bild 5 wird der spezifische Primärenergiebedarf für verschiedene Planungsstände, die um den aktuellen Planstand erweitert wurden, aufgezeigt. Es zeigt sich, dass der rechnerisch ermittelte erzielbare Primärenergiebedarf des Gebäudes vom Planungsstand April 2008 bis zum gebauten Gebäude nicht angestiegen ist.
EnEV-Nachweis
Für den Neubau wurde ein bedarfsorientierter Energieausweis zur Begrenzung des Jahres-Primärenergiebedarfs und des auf die wärmeübertragende Umfassungsfläche bezogenen Transmissionswärmetransferkoeffizienten nach EnEV 2007 erstellt.
Die Überprüfung der gestellten Ziele anhand von Energiekennzahlen hat sich als gut handhabbares und wirksames Instrumentarium während der Bauausführung erwiesen. Auch die Auswahl der Energiekennzahlen Energiekennwert Heizwärme nach PHPP und Primärenergiebedarf Haustechnik nach LEE haben sich als geeignete Kenngrößen erwiesen. Der gesetzlich vorgeschriebene Energie-Nachweis nach EnEV 2007 in Verbindung mit der DIN V 18599 schließlich ermöglicht die Berechnung des Schulgebäudes mit definierten Randbedingungen und Nutzungsprofilen, die unabhängig von den tatsächlichen Nutzungsbedingungen der FOS/BOS Erding berechnet werden.
Minimierung von
Risikostoffen
Um das Schutzniveau in Gebäuden zu verbessern, ist es notwendig die Gefahrstoffe entsprechend ihren Verwendungen in den einzelnen raumumschließenden Bauteilen zu erfassen, einzuordnen und zu bewerten. Die Untersuchung der Bauprodukte und ihrer Inhaltsstoffe dient zu einer Risikobegrenzung in Bezug auf die Emissionen von Inhaltsstoffen in den Innenräumen. Dazu wurden die eingesetzten inneren Oberflächenmaterialien von drei Aufenthaltsraumtypen bestimmt. Erfasst wurden Baumaterialien bis zu einer Bauteiltiefe von zwei bis fünf Zentimeter. Eventuell betroffene Bauteilschichten sind:
Aufgrund der Vielzahl der angebotenen Produkte und Systeme sind in der Regel der Planer, Berater oder Anbieter selten in der Lage, einen neutralen und sachlichen Überblick über die Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit der Produkte vorzulegen. Die möglichen Eingrenzungen in der Produktauswahl mit entsprechenden Festlegungen wie z. B. die RAL-Vergabegrundlagen für „Blaue Engel“-Produkte oder die „Giscode“- und „Emicod“- Klassifizierungen haben sich nur in einzelnen Produktsektoren durchgesetzt. Die Anforderungen werden in Ausschreibungen selten angewendet und die Ergebnisse der Produktauswahl werden für das Gebäude nicht dokumentiert. Der Schwerpunkt muss hier auf einer umfassenden Produktinformation liegen, damit Gefahrenpotenziale frühzeitig erkannt werden können.
Es wurde eine Arbeitssystematik für den Bauprozess entwickelt, die es dem Planer erlaubt während des Entwurfs- und Bauprozesses auf der Basis der Gebäudekatalogisierung nach DIN 276 ein produktscharfes Stoffkataster anzulegen, in dem die legal eingestuften Gefahrstoff bereits gekennzeichnet sind. Dieser Gebäudestoffkatalog kann als Dokument in die Baudokumentationsakte des Architekten eingebunden werden.
Die vorgefundene Realität in der Arbeitswelt der Architekten und Bauunternehmen ist extrem widersprüchlich. Einerseits ist der Schadstoffbereich in Bauprodukten extrem geregelt durch europäische und nationale Normen und Verordnungen. Andrerseits werden die geforderten Informationen von keinem der am Bauprozess Beteiligten angefordert, bereitgehalten oder geliefert. Mit der vorliegenden Forschungsarbeit konnte gezeigt werden, dass eine Erfassung der eingebauten Bauprodukte, der Prüfung der Inhaltsstoffe und der Bewertung nach festgelegten Kriterien möglich ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese Art und Weise der Produktprüfung allen am Bau Beteiligten ungewohnt ist. Dadurch stößt die Umsetzung des Anspruchs einer Risikominimierung auf unerwartete Widerstände.
Monitoring
Nach Fertigstellung des Gebäudes hat eine zweijährige Monitoringphase der Fach- und Berufsoberschule in Erding begonnen. Dabei handelt es sich schwerpunktmäßig um eine energetische Optimierung des Gebäudebetriebs bei Erfüllung der Komfortanforderungen sowie einer anschließenden energetischen Evaluierung im optimierten Betrieb.
Die Konzeption für eine Messdatenerfassung mit entsprechender ergänzender Sensorik erfolgte frühzeitig. Diese wurde in Zusammenarbeit mit den Projektpartnern vollständig in die Gebäudeleittechnik integriert. Ebenso wurden technische Spezifikationen zur MSR-Technik, Anlagentechnik sowie die Konzepte zur Regelstrategie von Gebäude und Anlagentechnik abgestimmt.
Für die energetische Evaluierung werden durch Analysen der aufgezeichneten Messdaten und Messungen vor Ort die Komfortanforderungen, die Energieeffizienz und die Energieverbräuche untersucht. Ein wichtiger Baustein der Evaluierung stellt die vorgesehene professionelle Nutzerbefragung dar. Dabei werden alle Nutzer des Gebäudes (Schüler, Lehrer, Verwaltung) in erster Linie zu Themen des Raumkomforts, aber auch zu Themen wie Ergonomie, Architektur oder Konzentration befragt. Die Befragung wird elektronisch und anonym einmal im Sommer und einmal im Winter des Evaluierungsjahres durchgeführt. Ziel ist es, Aspekte wie Nutzerakzeptanz, Zufriedenheit mit dem erzielten Komfort und Probleme der Nutzer mit dem Gebäudebetrieb zu ermitteln.
Durch die Untersuchungen zu den eingesetzten Materialien sollen Gesundheitsrisiken in Innenräumen in Bezug auf die Emissionen von Inhaltsstoffen minimiert werden. Zur Qualitätsprüfung der Raumluft soll im Rahmen der Evaluierung im Jahr 2012 in verschiedenen Klassenräumen und EDV-Schulungsräumen die Konzentration von typischen organischen Schadstoffen bestimmt werden. Schwerpunkt sind dabei flüchtige Schadstoffe wie Lösungsmittel, Weichmacher und Bestandteile aus Reinigungsmitteln.
Öffentlichkeitsarbeit
Ein wesentliches Augenmerk lag auf der Einbindung der Schüler, der Lehrer und der Öffentlichkeit in das Bauvorhaben. Es wurden regelmäßige Projektvorstellungen und Führungen durch das Gebäude durchgeführt. Dies führt zu einer hohen Identifikation mit dem Gebäude und dem Gebäudekonzept. Des Weiteren wurde der Neubau auch in den Unterricht einbezogen und die Schüler konnten bei den Führungen praktische Erfahrungen sammeln.
Fazit
Die Zielvorgaben hinsichtlich des Passivhausstandards und Primärenergiebedarfs konnten trotz notwendiger Änderungen während der Planungs- und Bauphase eingehalten werden. Auch die Durchführung der Dichtigkeitsmessung in drei Phasen mit der Möglichkeit des Aufspürens bestehender Undichtigkeiten hat sich als sehr gut erwiesen.
Das gute Ergebnis ist im Wesentlichen auf eine überdurchschnittliche Präsenz und Kontrollarbeit des bauleitenden Architekten der kplan AG, des sehr kompetenten Heizungs- und Lüftungsbüros IB Baumann sowie das Einbeziehen einer energetischen Bauleitung (Ingenieurbüro Hausladen) zurückzuführen.
Durch die eingesetzten, komplexen Techniken, die für die Minimierung des Energiebedarfs notwendig sind, ist für den langfristigen Erfolg des Projektes die energetische Optimierungen in der zweijährigen Monitoringphase durch das ZAE äußerst wichtig.
Die Einbeziehung der Nutzer in die Planungs- und Bauphase durch Projektvorstellungen und Führungen hat zu einer hohen Akzeptanz dieses innovativen Bauvorhabens geführt. Insbesondere die Einbeziehung der Lehrer hat sich hierbei als sehr wichtig herausgestellt, weil sie zur positiven Einstellung zum neuen Gebäude beigetragen haben.Das Projekt kann durch interessante technische Ansätze überzeugen: es konnte aufgezeigt werden, wie sich weitreichende Energiesparpotentiale ausschöpfen lassen. Das Projekt ist in diesem Sinne richtungsweisend, was auch an den vielen Fachbesuchern deutlich wird. Durch die Darstellung des Projektes bei Fachkonferenzen wurde das Konzept der FOS/BOS Erding bereits in Fachkreisen bekannt. Die Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ermöglichte es, ein derart zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.
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