Wohnungskühlung in Deutschland
Zukunftschance oder Sackgasse?Neben den für den deutschen bzw. mitteleuropäischen Raum klassischen Feldern der TGA im Wohnbereich, wie Heizung, Trinkwasserwärmung oder Wasserver- und -entsorgung, werden verstärkt weitere Optionen wie Lüftung und Kühlung diskutiert bzw. eingesetzt. Die Ursachen für diese Neuorientierung sind vielfältiger Natur. So lassen sich gestiegene Nutzeransprüche an den Wohnkomfort oder die öffentliche Diskussion des Klimawandels in Verbindung mit dem subjektiven Empfinden besonders heißer Sommer in jüngerer Vergangenheit anführen.
EnEV 2007
Während der Entstehung der Energieeinsparverordnung 2007 [1] vollzog sich eine interessante Entwicklung bei der...
EnEV 2007
Während der Entstehung der Energieeinsparverordnung 2007 [1] vollzog sich eine interessante Entwicklung bei der Bewertung der Wohnungskühlung. In der Begründung zum Referentenentwurf vom Dezember 2006 hieß es dazu noch:
„Sowohl bei Wohn- als auch bei Nichtwohngebäuden muss der Energieanteil von Klimaanlagen bei der Ermittlung der Gesamtenergieeffizienz eines Gebäudes künftig berücksichtigt werden. Dies gilt nicht nur für ihren erstmaligen Einbau in zu errichtende Gebäude, sondern … auch bei ihrem Austausch im Bestand. In diesem Rahmen sind Einzelanforderungen auch an die Anlagentechnik zulässig. Vor diesem Hintergrund sollen erstmalig Mindestanforderungen auch an die Energieeffizienz solcher Anlagen gestellt werden. Praktische Bedeutung hat dies ausschließlich für Nichtwohngebäude; Klimaanlagen in Wohngebäuden sind in Deutschland unüblich und äußerst selten.“
Diese Feststellung vernachlässigte den aktuellen Trend in der Heizungstechnik, wonach insbesondere für kleinere Wohngebäude ein Absatzanstieg von Wärmepumpen mit (passiver oder aktiver) Kühlfunktion zu verzeichnen ist.
In der letztendlich von der Bundesregierung veröffentlichten Fassung vom 24. Juli 2007 wurde der Entwicklung Rechnung getragen und die Kühlung der Raumluft in § 3 „Anforderungen an Wohngebäude“ explizit berücksichtigt.
Zum einen wurde für gekühlte Gebäude der zulässige Höchstwert für den Jahres-Primärenergiebedarf erhöht.
Qp,c“ = Qp“ + 16,2 ·⇥ (1)
mit
Qp,c“ ... Höchstwert des Jahres-Primärenergiebedarfs für das gekühlte Wohngebäude in kWh/(m²a)
Qp“ ... Höchstwert des Jahres-Primärenergiebedarfs für das Wohngebäude in kWh/(m²a)
AN,c ... gekühlter Anteil der Gebäude-Nutzfläche in m²
AN ...Gebäude-Nutzfläche in m²
Zum anderen wurden für marktübliche Kühlsysteme in einem Benchmark-Verfahren Werte für den Energiebedarf vorgegeben, da eine Bilanzierung der Wohnungskühlung weder in DIN V 4701-10 [2] noch in DIN V 18599 (Stand 2007) [4] enthalten ist (Tabelle 1).
Erstaunlich war, dass mit diesem Berechnungsansatz effizient gekühlte Gebäude (z. B. aktive Kühlung durch elektrische Kälteerzeugung mit reversiblen Heizwärmepumpen oder passive Kühlung mit erneuerbaren Wärmesenken) einen Bonus gegenüber ungekühlten Wohngebäuden erhielten. Zur Erfüllung der Anforderungen der EnEV 2007 konnte in der Konsequenz ein gekühltes Wohngebäude also beispielsweise mit weniger Wärmedämmung als ein äquivalentes, aber ungekühltes Gebäude ausgeführt werden!
EnEV 2009
Mit der Einführung der aktuellen Novelle der EnEV 2009 [3] ist wiederum ein interessantes Umdenken bei der Bewertung der Wohnungskühlung zu beobachten gewesen. Im Zuge der Umgestaltung der Anforderungen weg von den A/V-bezogenen Tabellenwerten hin zu einem Referenzverfahren wie für Nichtwohngebäude wird in der Referenzausstattung von einem ungekühlten Wohngebäude ausgegangen. Aus dem Bonus für gekühlte Wohngebäude nach EnEV 2007 (Zuschlag auf den zulässigen Jahresprimärenergiebedarf) wird damit ein Malus für die Wohnungskühlung nach EnEV 2009 – der Energieeinsatz für die Kühlung muss durch energetische Einsparungen in anderen Bereichen kompensiert werden. Unverändert geblieben ist die Bewertung der Wohnungskühlung mit den Benchmarks nach Tabelle 1, da weder [2] noch [4] ein Berechnungsverfahren für die Wohnungskühlung enthalten.
Bilanzierung der Wohnungskühlung in DIN V 18599-6: 2011
Systemübersicht
Auch um die Weiterentwicklung der Energieeinsparverordnung zu ermöglichen, ist die Normenreihe DIN V 18599 komplett überarbeitet worden und im Dezember 2011 neu erschienen. Eine der wesentlichen Neuerungen ist die Bilanzierung der Wohnungskühlung, die in den Teil 6 der Normenreihe implementiert worden ist. Mit dem entstandenen praxisorientierten und zeitgemäßen Berechnungsverfahren kann damit im Zuge weiterer Novellierungen der EnEV auf das nur abschätzende Benchmarkverfahren verzichtet werden.
In der DIN V 18599-6 [5] sind die beschriebenen Wohnungskühlsysteme nach Bild 1 eingeteilt. Der Fokus liegt danach auf technischen Lösungen die in Verbindung mit klassischen Heiz- oder Lüftungssystemen realisiert werden. Typische Lösungen stellen z. B. die Nutzung von Heizwärmepumpen als Kältemaschine, aber auch die passive Kühlung (u.a. Erdsonden, Erdreich-Wärmeübertrager, ventilatorgestützte Nachtlüftung) dar. Weiterhin werden natürlich auch klassische Kühlsysteme, wie Kompressionskältemaschinen und Split-/Multisplitgeräte abgebildet.
Nutzungsprofil Sommer für Wohngebäude
Für die Bilanzierung der Kühlung von Wohngebäuden wird ein Nutzungsprofil Sommer benötigt, welches in DIN V 18599-10: 2011 [10] beschrieben wird:
Auslegung im Kühlfall: qi,c,max = 26 °C
MFH: qI = 90 Wh/m²d
Ankühlung versus Vollkühlung
Ein wesentlicher Unterschied zur Kühlung im Nichtwohngebäude stellt die oft eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Wohnungskühlsysteme (z.B. bei passiver Kühlung) dar. Um diese zu berücksichtigen, werden ein Teilkühlfaktor fc,part und ein Ankühlfaktor fc.limit eingeführt. Ersterer beschreibt nach DIN V 18599-6 den Fall, dass nicht die gesamte Nutzfläche eines Gebäudes gekühlt wird:
fc,part = ⇥(2)
mit
fc,part Teilkühlfaktor
AN,c gekühlte Nutzfläche (nach Auslegung) in m2
AN Nutzfläche in m2
Der Ankühlfaktor berücksichtigt, dass nicht alle Wohnungskühlsysteme für eine komplette Deckung des monatlichen Nutzkältebedarfs ausgelegt werden. Dies kann nach DIN V 18599-6 sowohl durch eine Beschränkung bei der Kälteerzeugung (z. B. Erdreich-Zuluft-Wärmeübertrager oder ventilatorgestützte Nachtlüftung) oder auch bei der Kälteübergabe bzw. -verteilung (z. B. Luftkühlsysteme oder Fußbodenkühlung) bedingt sein:
fc,limit = min (fc,limit,g; fc,limit,ced)⇥(3)
mit
fc,limit Ankühlfaktor
fc,limit,g Ankühlfaktor durch Leistungsbegrenzung bei der Kälteerzeugung
fc,limit,ced Ankühlfaktor durch Leistungsbegrenzung bei der Kälteübergabe und -verteilung
Mit Ankühlsystemen wird das Ziel verfolgt, die Raumtemperaturen im Sommerfall zu senken, ohne garantierte Verhältnisse (z. B. Einhaltung der Kategorie A nach [6] unabhängig von den Lastverhältnissen) anzustreben. Eine generelle Klassifizierung der globalen thermischen Behaglichkeit nach [6] kann bei der Ankühlung nicht oder nur teilweise erreicht werden. Die aus dem Kühlkonzept resultierenden thermischen Verhältnisse im Raum (insbesondere die Unterschiede im Raumtemperaturniveau) lassen sich beispielhaft am vertikalen Lufttemperaturverlauf verdeutlichen (Bild 2). Eine Vollkühlung erfolgt hingegen mit dem Ziel, auch bei höheren Lasten definierte Behaglichkeitsverhältnisse zu erreichen und muss dazu aus anlagentechnischer Sicht über entsprechende Leistungsreserven verfügen.
Eine Ankühlung kann das Ergebnis einer begrenzten Kühlleistung (z. B. Kälteerzeugung durch freie Kühlung oder Kälteübergabe durch Heizkörper als Kühlfläche) sein. Tabelle 2 zeigt für ausgewählte Systemkonfigurationen zur aktiven Wohnungskühlung die im Rahmen der DIN V 18599-6 maximal anzusetzenden Kälteleistungen.
Bei passiven Kühlsystemen ist die verfügbare Kühlleistung im Regelfall von der Dimensionierung der zu Grunde liegenden Anlagentechnik abhängig. So lässt sich beispielsweise für Sole-Wasser-Wärmepumpen mit Erdsonden auf Basis typischer Auslegungsparameter und thermodynamischer Randbedingungen ein Verhältnis von (passiver) Kühlleistung und (aktiver) Heizleistung bestimmen:
Qc,max ≈ 0,455 · Qh,max⇥(4)
mit
Qc,max maximale passive Kühlleistung einer Sole-Wasser-Wärmepumpe in kW
Qh,max maximale Heizleistung einer Sole-Wasser-Wärmepumpe in kW
Im Ergebnis aus diesen Ergebnissen ergibt sich ein Ankühlfaktor in Abhängigkeit von
Beispielhaft für ein neu errichtetes Einfamilienhaus zeigen Tabelle 3 für aktive Kühlung und Tabelle 4 für passive Kühlung die Ankühlfaktoren nach DIN V 18 599-6. Erreicht der Ankühlfaktor den Wert 1, kann mit dem betreffenden System eine Vollkühlung realisiert werden, der Nutzkältebedarf wird komplett gedeckt. Bei Ankühlfaktoren kleiner 1 kann der Nutzkältebedarf entsprechend anteilig gedeckt werden.
Übergabe, Verteilung, Speicherung
Die Bilanzierung der Wärmeverluste Qrc und des Hilfsenergiebedarfs Wrc in den Prozessbereichen Übergabe und Verteilung folgt auch für die Wohnungskühlung den üblichen, aus DIN V 18599 bereits bisher bekanntenAlgorithmen, insbesondere in Analogie zu den Ansätzen aus Teil 7. Der Einsatz von Kaltwasserspeichern in Wohnungskühlsystemen ist gegenwärtig keine Standardlösung und wird deshalb in der DIN V 18599-6: 2011 [5] nicht beschrieben.
Sollen Kaltwasserspeicher in Wohnungskühlsystemen im Rahmen der DIN V 18599 energetisch bilanziert werden, so darf deren Bewertung nach physikalisch begründeten Algorithmen unter sinngemäßer Anwendung dieses Dokumentes vorgenommen werden.
Erzeugerkälteabgabe und Endenergiebedarf der Kälteerzeugung
Die Kälteabgabe der Wohnungskühlung wird unter Beachtung von Teilkühl- und Ankühleffekten des Kühlsystems sowie der Wärmeverluste bei Übergabe, Verteilung und Speicherung bestimmt:
Qrc,outg = Qrc,b · fc,part · fc,limit + Qrc,ce + Qrc,d + Qrc,s⇥(5)
Dabei ist
Qrc,b,mth Nutzkältebedarf (aus DIN V 18 599-2: 2011 [11])
fc,part Teilkühlfaktor
fc,limit Ankühlfaktor
Qrc,ce Wärmeverluste Kühlung der Übergabe
Qrc,d Wärmeverluste Kühlung der Verteilung
Qrc,s Wärmeverluste Kühlung der Speicherung
Daraus ergibt sich der jährliche Endenergiebedarf in Abhängigkeit von der Art der Kälteerzeugung. Für den Elektroenergiebedarf von Kompressionskältemaschinen bzw. von Wärmepumpen im Kältemaschinenbetrieb gilt nach DIN V 18599-6: 2011 [5]:
Qrc,f,electr,a = ⇥(6)
mit
Qrc,f,electr,a jährlicher Endenergiebedarf (elektrisch)
Qrc,outg,a jährliche Erzeugerkälteabgabe
EER Nennkälteleistungszahl
PLVav mittlerer Teillastfaktor
Beispielhaft für ein neu errichtetes Einfamilienhaus zeigt Tabelle 5 die aus den Standardwerten der DIN V 18599-6 resultierenden Jahresarbeitszahlen SEER (SEER = EER x PLVav).
Analog gilt für den Erzeugernutzenergiebedarf der Wärmeerzeugung von sorptiven Kältemaschinen nach DIN 18599-6: 2011.
Qrc,outg,therm,a = ⇥(7)
mit
Qrc,outg,therm,a jährlicher Erzeugernutzenergiebedarf (thermisch)
Qrc,outg,a jährliche Erzeugerkälteabgabe
z Nennwärmeverhältnis
PLVav mittlerer Teillastfaktor
Hintergrund der Kennwerte in DIN V 18 599-6: 2011
Festlegung von Lastprofilen
Zur Bewertung der Effizienz verschiedener Technologien ist es zunächst notwendig, die erforderliche Kühlleistung im zeitlichen Verlauf der Kühlperiode, idealerweise im Stundenschritt, zu kennen. Diese Information wird in der Regel mit Hilfe von Simulationsrechnungen für verschiedene Gebäudearten erzeugt. Die Berechnungen müssen dabei unter Beachtung unterschiedlicher baulicher und konstruktiver Gebäudeeigenschaften erfolgen, um den Einflüssen verschiedener Baualtersklassen gerecht zu werden. Inhaltlich wurde daher eine Klassifizierung nach dem Baualter bzw. indirekt dem Dämmstandard des Gebäudes vorgenommen (Tabelle 6).
Für jede Wohngebäudeklasse wurde darüber hinaus die Wirkung typischer Einflussgrößen wie Speicherfähigkeit, Fensterflächenanteil, Gebäudeorientierung, Art des Sonnenschutzes etc. untersucht. Es erfolgte eine Aufteilung in drei Gebäudekategorien (Tabelle 7), wobei für alle Varianten der sommerliche Wärmeschutz eingehalten wird.
Insgesamt zeigte sich, dass eine Unterscheidung von Baualtersklassen im normativen Verfahren notwendig ist, wobei die Erfüllung der WSchV 1995 [9] dabei als Grenzwert für die Gebäudezuordnung dient.
Neben den Gebäudeeigenschaften bestimmt aber auch die Gebäudenutzung den Kühllastverlauf. Im Kontext der EnEV werden Informationen zur Raumnutzung und damit verbundenen inneren Wärmequellen in DIN V 18599-10 [10] getrennt für Einfamilienhäuser (EFH) und Mehrfamilienhäuser (MFH) bereit gestellt. Dabei sind dort zunächst jedoch nur Tagesmittelwerte enthalten, weshalb eine Detaillierung in Stundenwerte erfolgen musste.
Im Weiteren wurde geprüft, inwieweit die unterschiedlichen Nutzungszonen eines Wohngebäudes zu einem gemeinsamen Nutzungsprofil zusammengefasst werden können, oder ob einzelne Nutzungsbereiche aus Sicht der Genauigkeit separat betrachtet werden müssen.
Im Wohnbereich sind folgende Räume zu betrachten:
die in die meisten Kühlkonzepte einbezogen werden. Die Zuordnung richtet sich dabei nicht immer nur nach den Nutzerforderungen, sondern auch nach der anlagentechnischen Raumzuordnung, da Anlagenkonzepte zur kombinierten Heizung und Kühlung (z. B. wasserbasierte Flächensysteme) in der Regel für den Heizfall konzipiert werden.
Im Rahmen dieser Untersuchung wurden die in DIN EN ISO 13791 (Anhang H)[7] für verschiedene Räume von Wohngebäuden angegebenen nutzungsspezifischen internen Wärmegewinne verwendet und um ein Belastungsprofil für Kinderzimmer sowie um Verdunstungseffekte ergänzt. Anhand der Einzelprofile wurden für EFH und MFH gemittelte Wohnungsprofile abgeleitet, welche im Tageswert mit den in [10] angegebenen Werten für interne Wärmequellen (45 Wh/m2d für Einfamilienhäuser und 90 Wh/m²d für Mehrfamilienhäuser) korrelieren. Die Nutzungsprofile wurden anhand von gemessenen Praxisdaten für zehn verschiedene Wohngebäude validiert und zeigten diesbezüglich eine gute Übereinstimmung.
Bild 3 zeigt den Verlauf der Tageslastgänge der inneren Wärmegewinne für die verschiedenen Nutzungen und das gemittelte Lastprofil exemplarisch für das Einfamilienhaus.
Unter Beachtung der beschriebenen Randbedingungen wurde für das Einfamilienhaus und das Mehrfamilienhaus eine Vielzahl von Kühllastprofilen ermittelt. Bild 4 zeigt die Häufigkeitsverteilung der Kühlstunden in EFH-Wohnräumen im Vergleich zur Gesamtwohnung exemplarisch für die Gebäudekategorie 2.
Prinzipiell zeigen alle Wohnräume wie auch das Gesamtgebäude (Wohnung) eine ähnliche Häufigkeitsverteilung der Kühlstunden. Im Ergebnis der Untersuchungen zeigte sich, dass auf eine raumweise Betrachtung verzichtet werden kann und das Wohngebäude somit auch bei der Bilanzierung der Kühlung als Einzonenmodell behandelt werden kann.
Kühlleistung
Nach Bild 4 tritt die größte Häufigkeit der Kühlstunden bei sehr geringer Kühllast und damit einem geringen Teillastverhältnis auf. Auch Kühlsysteme mit geringer Kühlleistung können in diesem Teillastbereich noch zur Einhaltung behaglicher Raumtemperaturen beitragen.
Der Maximalwert der Kühllast im Lastprofil entspricht rechnerisch der maximal bereit zu stellenden Kühlleistung. Kann das installierte Kühlsystem diese Leistung nicht vollständig zur Verfügung stellen, handelt es sich um ein Ankühlsystem. Das Leistungsdefizit kann dabei durch die begrenzte Kühlleistung (z. B. bei freier Luftkühlung über Erdreich-Wärmeübertrager) oder durch eine eingeschränkte Kälteübergabeleistung (z. B. kaltwasserdurchströmte Fußbodenheizungen) hervorgerufen werden. Tabelle 8 zeigt eine Systemübersicht für das Einfamilienhaus mit maximalen Heiz- und Kühlleistungen bei verschiedenen Dämmstandards und den im Wohnungsbau üblichen Kälteerzeugern und Kälteübergabe- und Verteilsystemen.
Mit steigendem Dämmstandard nähern sich Heiz- und Kühlleistung bei jeweils sinkenden Absolutwerten aneinander an, wodurch das Heiz-/Kühlleistungsverhältnis absinkt. Das führt insbesondere bei reversiblen Sole-Wärmepumpen mit Erdsonden oder Erdkollektoren zu Leistungsdefiziten im Kühlfall, da die relative Überdimensionierung der Entzugsleistungen aus dem Heizfall abnimmt. Bei Luftwärmepumpen ist dieser Effekt nicht so stark ausgeprägt, weshalb bei diesen Systemen wie bei den klassischen Split-, Multisplit-, Kompressions- und Sorptionskälteanlagen bei korrekter Auslegung von keiner Leistungsbegrenzung bei der Raumkühlung auszugehen ist. Reine luftbasierte Systeme hingegen sind aufgrund der planmäßigen Luftmengen bei einer nicht kühllastabhängigen Auslegung nach DIN 1946-6 in ihrer Erzeuger- und Übergabeleistung sehr stark begrenzt. Flächenkühlsysteme erreichen abhängig von der räumlichen Lage des Kühlsystems spezifische Kühlleistungen zwischen 20 und 45 W/m². Bei klassischen Ventilator-Konvektoren ist davon auszugehen, dass sie bei korrekter Auslegung die erforderliche Kühllast in allen Betriebspunkten decken können.
Teillastfaktoren
Die Effizienz einer Kältemaschine wird üblicherweise durch die Nennleistungszahl EER (energy efficiency ratio) beschrieben, die analog zum Wirkungsgrad das Verhältnis aus Nutzen (Kälteleistung) zu Aufwand (Antriebsleistung) bei Nennleistung darstellt. Die Nennleistung des Systems wird nur an sehr wenigen Stunden des Jahres tatsächlich benötigt. Kälteerzeugungssysteme im Wohngebäudebereich arbeiten gemäß Bild 4 die längste Zeit der Kühlperiode bei Teillast. Das bedeutet, dass die Kältemaschine in vielen Stunden des Jahres ihre Leistung stark drosseln muss, um die versorgten Räume nicht zu stark abzukühlen. Diese Funktion übernimmt eine integrierte Leistungsregelung, die stetig (z. B. bei einer Drehzahlregelung) oder stufig (z. B. bei taktendem Ein-Aus-Betrieb) ausgeführt sein kann. Je effizienter diese Leistungsregelung arbeitet, desto effizienter ist das Gesamtsystem. Um diesen Effekt im Bilanzverfahren abzubilden, wurde der mittlere Teillastfaktor PLVAV eingeführt. Multipliziert man diesen Teillastfaktor mit der Nennleistungszahl EER erhält man die Jahresleistungszahl SEER der Kältemaschine. Diese stellt analog zur Jahresarbeitszahl einer Wärmepumpe das Verhältnis aus jährlich bereitgestellter Nutzenergie und dafür benötigter Endenergie dar. Ein Kühlsystem mit hoher Energieeffizienz (geringem Endenergiebedarf) muss eine möglichst große Jahresleistungszahl SEER aufweisen. Um das zu erreichen, muss das System neben einer hohen Leistungszahl EER auch einen möglichst hohen Teillastfaktor PLV besitzen.
Der Teillastfaktor PLV berücksichtigt neben der Teillasthäufigkeit vor allem die Effizienz der Teillastregelung und gestattet damit einen Vergleich verschiedener Kältemaschinen mit unterschiedlichen Teillastregelarten. Eine Vielzahl von Teillastfaktoren bei unterschiedlichen Nutzungs- und Systemrandbedingungen enthält DIN V 18599-7: 2011 [8] im Anhang A. Diese sind für typische Nutzungsbedingungen in Nichtwohngebäuden ermittelt und für die Wohngebäudenutzung nicht repräsentativ. Anhand der für Wohngebäude typischen Lastprofile (Bild 4) und unter Berücksichtigung einer eventuellen Leistungseinschränkung der im Wohnbereich üblichen Übergabe- und Verteilsysteme wurden für aktive Kühlsysteme erstmalig Teillastfaktoren PLV für Wohngebäude ermittelt. Bild 5 zeigt die Teillastfaktoren von reversiblen Außenluft-Wasser-Wärmepumpen im Kühlfall exemplarisch für das Einfamilienhaus mit Wärmedämmstandard nach WSchV 1995 [9].
Die invertergeregelte Wärmepumpe weist generell höhere Teillastfaktoren im Kühlbetrieb auf und ist somit bei gleicher Nennleistungszahl EER energieeffizienter als die taktende Wärmepumpe. Bei geringen spezifischen Kühlleistungen des Übergabesystems von unter 20 W/m² muss die Leistungsabgabe der Wärmepumpe reduziert werden, was mit einer Effizienzreduzierung einhergeht. Dadurch sinkt der Ankühlfaktor unter den Wert von 1,0, da durch die Leistungsbegrenzung des Übergabesystems nicht mehr in der gesamten Kühlbetriebszeit die erforderliche Kälteleistung an den Raum abgegeben werden kann. Bild 6 zeigt den Verlauf des Ankühlfaktors in Abhängigkeit der Leistung des Übergabesystems exemplarisch für das Einfamilienhaus mit verschiedenen Wärmedämmstandards.
Der Ankühlfaktor beschreibt das Verhältnis der durch das eingesetzte Kühlsystem bereitgestellten Kühlenergie im Verhältnis zur insgesamt erforderlichen Kühlenergie als flächengewichteter Mittelwert aller Räume im EFH. Er ist in gut gedämmten Gebäuden nach EnEV2009 tendenziell etwas höher, da die etwas geringere Kühllast in der gesamten Kühlbetriebszeit insgesamt häufiger gedeckt werden kann als beispielsweise im weniger gut gedämmten Altbau.
Bei allen Systemen sinkt die übergebene Kühlenergiemenge bei sinkender Übergabeleistung stark ab. Bei reinen luftbasierten Systemen mit spezifischen Kühlleistungen von maximal 5 W/m² kann immerhin noch etwa die Hälfte der erforderlichen Kühlenergie bereit gestellt werden, da an sehr vielen Jahresstunden nur sehr geringe Kälteleistungen benötigt werden (Bild 4). Konventionelle Heizkörper, die zur Raumkühlung im Sommer verwendet werden, weisen eine spezifische Kühlleistung von ca. 2,5 W/m² auf und können etwa 30 % der erforderlichen Kühlenergie im Wohngebäude bereitstellen.
Fazit
Wie u.a. die Verkaufszahlen reversibler Wärmepumpen belegen, verlässt die Kühlung von Wohngebäuden in Deutschland in den letzten Jahren ihr Nischendasein. Als Gründe lassen sich gestiegene Nutzeransprüche an den Wohnkomfort oder die öffentliche Diskussion des Klimawandels in Verbindung mit dem subjektiven Empfinden besonders heißer Sommer in jüngerer Vergangenheit anführen. Dennoch ist in Deutschland derzeit kein generellerTrend zur Kühlung von Wohngebäuden festzustellen. Dafür sind neben den gemäßigten meteorologischen Bedingungen auch die baulichen Maßnahmen zum sommerlichen Wärmeschutz verantwortlich, die in jedem Fall einer Kompensation von Kühllasten mit technischen Anlagen vorzuziehen sind. Trotzdem können bei Neubauten im Wohngebäudebereich Kühllasten von etwa 30 W/m² entstehen. Diese werden immer häufiger zumindest anteilig durch technische Systeme gedeckt, die meist auch andere Funktionen (Heizung, Lüftung) im Gebäude übernehmen.
Die Bewertung der Wohnungskühlung erfolgt im Rahmen der EnEV bis heute (Stand EnEV 2009) mit einem Benchmarkverfahren direkt in der Verordnung, da eine Bilanzierung nach Normen bisher nicht möglich war. Mit der Fortschreibung der EnEV hat sich in der energetischen Bewertungeine interessante Entwicklung weg von einer Bonus-Regelung nach EnEV 2007 hin zu einer Malus-Reglung nach EnEV 2009 vollzogen. Gegenwärtig muss der Energieeinsatz für die Wohnungskühlung durch energetische Einsparungen in anderen Bereichen kompensiert werden. Mit der Fassung 2011 der DIN V 18599 wird erstmalig in Deutschland die normative Bilanzierung der Wohnungskühlung möglich. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Besonderheiten im Vergleich mit der Klimatisierung von Nichtwohngebäuden gelegt. Bedingt durch die wohnungstypische Kühlung, die oft als eine Zusatzfunktion bereits vorhandener Anlagentechnik (z. B. in Verbindung mit Wärmepumpen oder Lüftungsanlagen) realisiert wird, ergibt sich eine neue Definition des Kühlzieles. In DIN V 18 599-6: 2011 werden insbesondere Ankühl- und Teilkühleffekte beschrieben und quantifiziert, um verschiedenste Kühlsysteme aus Sicht der Energiebilanz sowie des thermischen Komforts vergleichbar zu machen. In DIN V 18 599-6: 2011 liegt das Augenmerk konsequenterweise auf diesen wohnungstypischen (Ankühl-) Systemen, ohne die klassische Kältetechnik zu vernachlässigen. Das normative Bilanzverfahren bietet damit die Chance, in Wohngebäuden mit effizienten Technologien und meist ohne größere zusätzliche Investitionen einen auskömmlichen Kühleffekt zu schaffen und gleichzeitig ineffiziente Systeme im Vorfeld zu lokalisieren.
Literatur
[1] Verordnung über energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende Anlagentechnik bei Gebäuden (Energieeinsparverordnung – EnEV) in der Fassung der Bekanntmachung vom 24. Juli 2007 [2] DIN V 4701-10:2003-08 Energetische Bewertung heiz- und raumlufttechnischer Anlagen – Teil 10: Heizung, Trinkwassererwärmung, Lüftung [3] Verordnung über energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende Anlagentechnik bei Gebäuden (Energieeinsparverordnung – EnEV) in der Fassung der Bekanntmachung vom 29. April 2009 [4] DIN V 18599-6: 2007-02 Energetische Bewertung von Gebäuden – Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Kühlung, Lüftung, Trinkwarmwasser und Beleuchtung –Teil 6: Endenergiebedarf von Wohnungslüftungsanlagen und Luftheizungsanlagen für den Wohnungsbau [5] DIN V 18599-6: 2011-12 Energetische Bewertung von Gebäuden – Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Kühlung, Lüftung, Trinkwarmwasser und Beleuchtung –
Teil 6: Endenergiebedarf von Lüftungsanlagen, Luftheizungsanlagen und Kühlsystemen für den Wohnungsbau [6] DIN EN ISO 7730: 2006-05 Ergonomie der thermischen Umgebung – Analytische Bestimmung und Interpretation der thermischen Behaglichkeit durch Berechnung des PMV- und des PPD-Indexes und Kriterien der lokalen thermischen Behaglichkeit [7] DIN EN ISO 13791:2005-02 Wärmetechnisches Verhalten von Gebäuden – Sommerliche Raumtemperaturen bei Gebäuden ohne Anlagentechnik – Allgemeine Kriterien und Validierungsverfahren [8] DIN V 18599-7: 2011-12 Energetische Bewertung von Gebäuden – Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Kühlung, Lüftung, Trinkwarmwasser und Beleuchtung –
Teil 7: Endenergiebedarf von Raumlufttechnik- und Klimakältesystemen für den Nichtwohnungsbau [9] Wärmeschutzverordnung (WärmeschutzV) in der Fassung der
Bekanntmachung vom 16. August 1994 [10] DIN V 18599-10: 2011-12 Energetische Bewertung von Gebäuden – Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Kühlung, Lüftung, Trinkwarmwasser und Beleuchtung –
Teil 10: Nutzungsrandbedingungen, Klimadaten [11] DIN V 18599-2: 2011-12 Energetische Bewertung von Gebäuden – Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Kühlung, Lüftung, Trinkwarmwasser und Beleuchtung –
Teil 2: Nutzenergiebedarf für Heizen und Kühlen von Gebäudezonen
Jetzt Artikel freischalten:
tab DIGITAL
14 Tage kostenlos testen
2,49 € / Woche*
Fachwissen jederzeit und überall.
Greifen Sie auf exklusive PLUS-Artikel und das komplette Online-Archiv zu und lesen Sie tab bequem im E-Paper-Format. Das digitale Abo für alle, die flexibel bleiben möchten.
Ihre Vorteile:
- Exklusive tab-PLUS-Artikel
- 6 E-Paper für mobiles Lesen
- Online-Archivzugang
*129,48 € bei jährlicher Abrechnung inkl. MwSt.
tab KOMBI
4,99 € / Woche*
Das komplette tab-Erlebnis – digital & gedruckt.
Für alle, die Fachinformationen auf allen Kanälen nutzen möchten: Kombinieren Sie Print und Digital, profitieren Sie von unseren Fachforen und präsentieren Sie Ihr eigenes Projekt.
Ihre Vorteile:
- Exklusive tab-PLUS-Artikel
- 6 Print-Ausgaben pro Jahr
- E-Paper für mobiles lesen
- Teilnahme an einem Fachforum
- Online-Archivzugang
- Veröffentlichen eines Projekts
*259,48 € bei jährlicher Zahlung inkl. MwSt. & Versand
