Brandschutz im Uniklinikum
Löschsystem für einen BettenneubauDie Universitätskliniken Gießen und Marburg zählen nicht allein wegen bedeutender medizinischer Leistungen zu den Vorzeigehäusern in Deutschland. Als nahezu einzige Einrichtung dieser Art befinden sie sich seit einigen Jahren nahezu vollständig in privater Trägerschaft. Im Rahmen der Übernahme der Einrichtungen vom Land Hessen hatte die Rhön-Klinikum AG umfangreiche Modernisierungen beschlossen und besondere Akzente im Brandschutz gesetzt.
In der Bundesrepublik finden derartige Feuerschutzmaßnahmen – im Gegensatz zu anderen Staaten – nicht so starken Niederschlag in staatlichen Verordnungen und Auflagen. Gleichwohl belegen Untersuchungen, dass in modernen Krankenhäusern nicht nur Patientenzimmer, sondern...
In der Bundesrepublik finden derartige Feuerschutzmaßnahmen – im Gegensatz zu anderen Staaten – nicht so starken Niederschlag in staatlichen Verordnungen und Auflagen. Gleichwohl belegen Untersuchungen, dass in modernen Krankenhäusern nicht nur Patientenzimmer, sondern insbesondere Technikbereiche, Nebenräume – zum Beispiel Wäschedepots – hohe Brandlasten aufweisen. Im Verbund mit weitläufigen Medientrassen, Schächten und Klimaanlagen können selbst kleine Entstehungsfeuer große Wirkung entfalten.
Jeder Betreiber einer Klinik hat somit eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber bettlägerig Kranken, die sich im Gefahrenfall nicht selbst in Sicherheit bringen können. Mehr als 500 Patienten können allein im zentralen Neubau des Hauses untergebracht werden. Mit einem Investitionsvolumen von rund 170 Mio. € ist am Standort Gießen ein modernes Gebäude entstanden, das aus insgesamt sechs Teilen besteht, die durch Achsen miteinander verbunden sind. Die Bruttogeschossfläche beträgt 95 000 m2, was einer Fläche von 13 Fußballfeldern entspricht. Zusätzlich befindet sich ein Helikopter-Landeplatz auf dem Dachgeschoss. Für den Brandschutz bedeutet dies Detailplanung, mit dem Ziel für alle Gebäudeteile ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten.
Planung der Löschanlagen
Zusammen mit den klassischen Meldeanlagen haben die installierten automatischen Feuerlöschsysteme die Aufgabe, im Fall des Falles die Flammen in kürzester Zeit zu detektieren und den Löschvorgang unmittelbar einzuleiten. Für die Umsetzung dieses Projektes haben die Fachplaner der Walusa Planungsgesellschaft mbH das Unternehmen HT Protect aus Sachsen ausgewählt. Dieses Unternehmen verfügt als einer von ganz wenigen der Branche über einschlägige Erfahrungen bei der Installation von Löschanlagen in Krankenhäusern. Ähnliche Projekte wurden von dem sächsischen Brandschutzexperten u.a. in Leipzig, Freiberg, Halle, Pirna und Remscheid erfolgreich realisiert. Zudem verfügt HT Protect als Errichter für Wasserlöschanlagen mit Schaumzumischung über die erforderlichen Zertifizierungen der Versicherungswirtschaft (VdS).
In Klinikgebäuden werden an die Löschanlage Ansprüche gestellt, die weit über die konventionellen Anforderungen hinaus reichen. Dies gilt insbesondere bei der Vermeidung von Fehlauslösungen. Um den geforderten hohen Sicherheitsstand zu gewährleisten, wurden in den insgesamt sieben Ebenen des Gebäudes mehr als 8500 Sprinkler installiert, davon allein mehr als 3000 in schwer zugänglichen Hohlräumen.
Alle verwendeten Sprinkler sind für die Gefahrenklasse OH 1 ausgelegt. Damit erfolgt die Auslösung des Löschvorgangs bei Temperaturen von mehr als 68 °C. Zusätzliche Sicherheit bieten in der Ebene 2 so genannte „Sicherheitsdoppelsprinkler“. In diesem Bereich wird mit Zytostatika gearbeitet, sehr sensible natürliche oder synthetische Substanzen, die das Zellwachstum beziehungsweise die Zellteilung hemmen. Sie werden vor allem zur Chemotherapie, teilweise auch bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen eingesetzt.
Die hier installierten „Preaction Sprinkler“ bestehen aus zwei im Abstand von ca. 130 mm konstruktiv miteinander verbundenen Sprinklern. Im Betriebszustand befindet sich in beiden Sprinklern kein Wasser, es wird durch mechanische Bauteile bzw. mittels eines Dichtelementes zurückgehalten. Die Folge: Beim Zerplatzen nur eines Sprinklers tritt kein Löschwasser aus.
Allerdings löst dieser Vorgang in der Überwachungszentrale eine Meldung aus, die zeitgleich in der Gebäudeleittechnik (GLT) aufgeschaltet wird. Der Löschvorgang selbst setzt erst dann ein, wenn beide Sprinkler auslösen. Auf diese Weise ist nahezu 100 %-ig sichergestellt, dass nicht durch eine zufällige mechanische Beschädigung des Sprinkler-Glasfässchens hochsensible Klinikbereiche beeinträchtigt werden.
In den übrigen Gebäudeteilen ist das Sprinklerrohrnetz mit einem konstanten Druck von ca. 7 bis 8 bar mit Wasser gefüllt. Öffnet ein Sprinkler, weil die definierte Temperatur überschritten wird, wird automatisch der Löschvorgang an dieser Stelle ausgelöst. Eine der Sprinklerpumpen wird zur Löschwasserversorgung automatisch gestartet und ein elektrisches Signal vom Alarmdruckschalter und dem Strömungsmelder auf die Brandmeldeanlage bzw. die Überwachungszentrale und weiter zur Gebäudeleittechnik geleitet. Zur bereichsweisen Alarmunterteilung stehen 32 Strömungsmelder in den entsprechenden Ebenen zur Verfügung, die von der Überwachungszentrale aus angesteuert und geprüft werden können. Auf diesem Weg wird zugleich sichergestellt, dass die internen und externen Rettungskräfte alarmiert werden.
Unterstützung bei Rauchbekämpfung
Bei allen untersuchten Bränden in Krankenhäusern wurde festgestellt, dass bei Bränden eine Verqualmung auftritt, die Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen gefährdet sowie die Arbeit der Rettungskräfte erschwert. Bei der Wasserverteilung eines Sprinklers erzeugen die kleinen Wassertröpfchen einen zusätzlichen Effekt. Sie verfügen über eine ausreichend große Oberfläche, um Qualme beziehungsweise einen erheblichen Anteil ihrer Bestandteile zu binden. Diese Reaktion kann zwar entsprechende technische Maßnahmen zur Entrauchung nicht ersetzen, wirkt aber am Brandherd unterstützend bei der Rauchbekämpfung.
Die Steuerung der Löschanalage erfolgt über sieben Alarmventilstationen in der Sprinklerzentrale, die in der Ebene 2 angesiedelt ist. Die Sprinklerpumpen werden aus unterschiedlichen hausinternen Netzen zuverlässig mit elektrischer Energie versorgt. Da eine Notstromversorgung im gesamten Klinikum für alle Eventualitäten ausgelegt ist, ist die Funktionalität zu jeder Zeit garantiert.
Die Versorgung der Löschanlage wird aus einem speziellen Wasservorratsbehälter (rund 115 m³ Nettoinhalt) mit einer redundanten Pumpenanlagen sicher gestellt und ist für eine Betriebszeit von 60 min ausgelegt. Dies reicht vollkommen aus, um den Zeitraum zwischen Brandentstehung und Eintreffen der Gießener Berufsfeuerwehr sicher zu überbrücken.
Keimfreiheit ist ein Muss
Selbst unter ungünstigsten Betriebsbedingungen darf keine Bakterienbrücke zwischen Sprinklerrohrnetz und Trinkwassersystem zustande kommen. Die zuverlässige Trennung zwischen Löschwasser- und Trinkwasserversorgung ist bei einer eventuellen Nachspeisung durch die öffentliche Wasserversorgung durch den separaten Löschwasserbehälter sichergestellt. Als Ergänzung zur bestehenden Wasserversorgung ist an der Außenwand neben dem Haupteingang Klinikstraße eine Feuerwehreinspeisung vorgesehen, welche direkt auf den Sprinklerverteiler wirkt.
„Hubschrauberlandeplatz“ mit Schaum gesichert
Landeplätze für Fluggeräte – in diesem Fall Hubschrauber – erfordern beim Brandschutz eine präzise Technik. Im Bedarfsfall muss sie rund um die Uhr ohne wesentliche Zeitverzögerung einsatzfähig sein. Eine weitere wesentliche Anforderung ist die Verfügbarkeit bei allen Wetterbedingungen, mithin auch bei extremen Minustemperaturen. Das Löschmittel muss dabei im Fall eines Unfalls – gegebenenfalls aber auch zu Vorbeugung bei kritischen Landesituationen – schnell für den gesamten Bereich des Hubschrauberlandplatzes aufgebracht werden können.
Der gut frequentierte Hubschrauberlandeplatz, an zentraler Stelle in das Klinikgelände eingegliedert, birgt unter dem Aspekt Brandschutz ein besonderes Brandrisiko. Die Klinikleitung hat ein spezielles Gutachten anfertigen lassen, um höchste Sicherheitsstandards für das Fluggerät auf dem Sonderlandeplatz zu gewährleisten. Hier wird der Feuerschutz – und damit auch für die umliegenden Gebäudeteile – durch eine Monitor-Schaumlöschanlage mit zwei ferngesteuerten Löschmonitoren sowie einem Wandhydranten sichergestellt. Die Steuerung der Löschmonitore erfolgt dabei manuell im Kontrollraum in der Ebene 6. Das Wasser-Schaumgemisch wird in der Technikzentrale unterhalb des Landeplatzes bereitgestellt. Beim Einzelbetrieb ist eine Ausstoßrate von 500 l Schaumlösung pro Minute an jedem Monitor möglich, hinzukommen weitere 250 l Schaum/Minute am Hydranten. Die Technik für Beschäumung ist so ausgelegt, dass im Falle eines Unfalles nicht beide Löschmonitore gleichzeitig betätigt werden können.
Um ausreichend Schaum erzeugen zu können, steht ein Wasservorratsbehälter mit einem Fassungsvermögen von rund 5000 l und automatischer Nachspeisung bereit. Zum Aufschäumen werden 500 l Schaummittel (Typ: AFFF) vorgehalten, die über ein Zumischsystem in das System eingespeist werden. Die Energieversorgung speist sich aus dem hausintern gesicherten Stromnetz. Zusätzlich kann die Feuerwehr Löschmittel einspeisen, das direkt auf das Zumischsystem wirkt.
Im betriebsbereiten Zustand liegt das – größtenteils im Freien – installierte Rohrnetz der Schaumlöschanlage oberhalb des Motorventils am Verteiler trocken und ist drucklos. Der Verteiler selbst ist mit Schaumlösung gefüllt und ein Membranausdehnungsgefäß gleicht eventuelle Schwankungen aus, so dass die Anlage jederzeit einsatzbereit ist.
Zukunftsweisende Technik im Dienst der Patienten
Medizinische Spitzenleistungen zusammen in Gebäuden, die ebenfalls über eine moderne Haustechnik verfügen, beides zusammen prägt das aktuelle Bild des Uniklinikums Gießen. Gerade auf dem Gebiet des Feuerschutzes präsentiert sich das Haus mit Vorreiterfunktion – im Interesse von Patienten und Mitarbeitern. Welche Folgen mangelnder Feuerschutz haben kann, wurde in einem anderen hessischen Klinikum deutlich. Wegen mangelhaften Brandschutzes mussten zeitweise Brandwachen aufgestellt werden, um den Betrieb in diesem Krankenhaus aufrecht zu erhalten.
Literatur
[1] Technischer Brandschutz, ecomed
[2] Angewandte Sicherheitstechnik, ecomed Verlag
[3] Bundesverband Feuerlöschgeräte und -Anlagen (bvfa): Stationäre automatische Feuerlöscheinrichtungen im Krankenhaus
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