Zertifizierungssysteme im Vergleich

Betrachtung und Vergleich der Beurteilungsparameter

Wer ein Gebäude zertifizieren lassen möchte, hat die Auswahl zwischen einer enormen Vielfalt an Zertifizierungssystemen, von denen jedes seiner ganz eigenen Herangehensweise an die Aufgabe folgt. Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den am besten bekannten Systemen zu veranschaulichen, hat die Swegon Air Academy ein Buch mit dem Titel „Simply Green – Eine Kurzanleitung zu Umwelt- und Energie-Zertifizierungssystemen für zukunftsfähige Gebäude“ (tab 10 2013, Seite 4) herausgegeben.

Zertifizierungssysteme für Gebäudelassen sich anhand der jeweils zugrunde liegenden Perspektive in zwei Haupttypen unterteilen: die holistische Perspektive und die spezifische Perspektive. Der erste Typ umfasst Systeme der Nachhaltigkeitszertifizierung, die – wie der Name bereits andeutet – oft eine große Anzahl von Aspekten mit einbeziehen, angefangen von der Wahl der Baumaterialien und der Entsorgung von Bau­ab­fall, bis hin zur Entfernung des betreffenden Gebäudes zur nächstgelegenen Haltestelle für öffentliche Verkehrsmittel. Man könnte auch sagen, solche Systeme quantifizieren den gesamten Ökologischen Fußabdruck eines Gebäudes, was natürlich lobenswert sein kann. Allerdings besteht das Risiko, dass gewisse Aspekte, wie beispielsweise die Energie­sparleistung, von anderen Aspek­ten überschattet werden; und das ist ein Nachteil. Bei einem Energiezertifizierungssystem, das einer spezifischen Perspektive unterliegt, würde die Energiesparleistung natürlich nicht unter den Scheffel fallen. Auf der anderen Seite wäre dies aber auch der einzige Aspekt, der in Betracht gezogen würde, wenn auch oft in Kombination mit bestimmten Kriterien für das Gebäudeklima. Energiezertifizierungssysteme werden deshalb oft auch als „Einzelaspektsysteme“ angesehen.

Auf die Frage, welcher Typ von Zertifizierungssystem oder welches spezifische System denn nun das Beste sei, gibt es keine generelle Antwort. Dies hängt von der Perspektive ab, die der jeweilige Grundstückseigen­tümer ausgewählt hat, und auch von weiteren Faktoren, wie beispielsweise den Vorteilen, die aus der Zertifizierung selbst gezogen werden können, dem Land, in dem das betreffende Gebäude steht, den Kosten des Zertifizierungsprozesses usw.

Bei einem kurzen Blick auf die in dem Buch beschriebenen Systeme der Umweltzertifizierung zeigen sich Gemeinsamkeiten, etwa in der Wahl der Parameter, die eine Auswirkung auf die Umwelt haben. Allerdings zeigt eine etwas genauere Betrachtung, dass eine Anzahl der Systeme auch signifikante Unterschiede aufweisen, beispielsweise darin, wie verschiedene Parameter bewertet und gewichtet werden; also welche Bedeutung einem bestimmten Parameter im Vergleich zu den anderen Parametern beigemessen wird. Die Gewichtung kann auf zwei unterschiedliche Arten erfolgen: Entweder wird ein Gewichtungsfaktor auf einen individuellen Parameter (oder abhängig von der in einem bestimmten System benutzten Bewertungsmethode, auch auf eine ganze Kategorie von Parametern) angewendet oder eine große Anzahl von Parametern wird im Rahmen jener Kategorien ausgewertet, auf die der Systementwickler den größten Schwerpunkt legen will. Manche Systeme haben einen klareren Schwerpunkt als andere, und es ist außerdem interessant festzustellen, wie sich geografische und kulturelle Gegebenheiten in diesen Schwerpunkten widerspiegeln können. Beispielsweise zeigt sich Indiens IGBC-System sehr stark von der prekären Trinkwassersituation beeinflusst, die im Umfeld mehrerer Großstädte auf dem indischen Subkontinent existiert. Das japanische CASBEE-System ist wiederum weitaus spezifischer, wenn es um die Anforderungen und Maßnahmen zur Minimierung von Erdbebenschäden geht. Dieses System legt außerdem großes Augenmerk auf sogenannte „Lichtverschmutzung“ , was höchst wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass dies z. B. in Tokyo ein höchst aktuelles Problem ist. Ein europäisches Beispiel, das regionale und kulturelle Aspekte illustriert, ist das Schweizer Energiezertifizierungssystem Minergie, welches in erster Linie – und nicht ganz unerwartet – als eine qualitativ hochwertige Marke „Made in Switzerland“ vermarktet wird.

Ein Weg, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Systemen zu veranschaulichen, wäre, sie in einer Tabelle zusammenzufassen und so zu verdeutlichen, welche Parameter jedes dieser Systeme berücksichtigt. Leider wäre eine solche Tabelle kaum überschaubar, es sei denn man würde die Systeme und deren umweltbezogene Parameter zunächst in einige gemeinsame Kategorien „hineinzwängen“. Das ist es denn auch, was wir in der gezeigten Tabelle versucht haben, um so die Unterschiedlichkeiten zwischen den verschiedenen Systemen zu veranschaulichen. Es gilt jedoch zu beachten, dass eigentlich keines der aufgeführten Umweltzertifizierungssysteme entsprechend der Kategorien (linke Spalte)in der Tabelle aufgegliedert ist. Da es bislang aber keine allgemein anerkannte Aufstellung von Umweltparametern gibt, müssen diese Überschriften genügen. Dennoch sollten vier Punkte beachtet werden:

1) Selbst wenn ein System tatsächlich einige derselben Kategorien wie in der Tabelle benutzt, bedeutet dies nicht zwingend, dass diese Überschriften auch immer die gleichen Parameter mit einschließen. Das lässt sich anhand des Umweltparameters „Legio­nella“ demonstrieren, der sich bei manchen Systemen unter der Kategorie Innenraumklima befindet, bei anderen dagegen unter der Kategorie Wasser. In der Tabelle ist der Para­meter in der Kategorie Wasser kategorisiert. 

2) Der Grund dafür, dass so viele Parameter des deutschen DGNB-Systems in der Kategorie Andere (Others) endeten, ist, dass dieses System großes Gewicht auf Fragen des Planungs- und Bauprozesses legt. Diesen Parametern wurde hier jedoch keine individuelle Beurteilungskategorie zugeteilt, weil sie in den anderen Systemen nicht klar abgegrenzt sind.

3) Systeme mit einem großen Anteil an Pflichtparametern (denen keine Punkte zuerkannt werden) sind zu einem gewissen Grad falsch dargestellt. Dies trifft besonders im Falle von LEED zu, welches die Beurteilungskategorien Abwassermanagement und Bauphase berücksichtigt, diese allerdings als Pflichtmaßnah­men ansieht. Das bedeutet, dass diesen Parametern in der Tabelle keine Punkte zugeteilt sind, was so interpretiert werden könnte, dass sie in LEED eine geringere Bedeutung hätten. Dies ist in Wirk­lichkeit aber nicht der Fall.

4)Einige der in der Tabelle aufgeführten Zertifi­zie­rungssysteme sind in Sub­sys­teme aufgegliedert, z. B. Wohngebäude und Geschäfts­ge­bäude, bei denen die jeweils angewandten Parameter und beurteilten Anforderungen variieren können.

Die in die Tabelle aufgenommenen Untersysteme werden jedoch als repräsentativ für ihre jeweiligenZertifizierungssysteme angesehen.

Gemeinsam ist dabei allen, dass sich die Systeme zwar auf (einzelne) Neubauten anwenden lassen, jedoch nicht auf ganze Stadtteile. Die aufgeführten Subsysteme sind etwa:

BREEAM Europe Commercial 2009 – Office ,
LEED 2009 für Neubauten und Großrenovierungen – Commercial, 
Green Star Office,
HQE International,
CASBEE für Neubauten,
IGBC Green Home.

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