„Stuttgarter Bücherwürfel“

Elektro- und Medientechnik für die neue Bibliothek Stuttgart

Stuttgart 21 ist ein deutschlandweites Gesprächsthema. Im Gegensatz zur Diskussion um den Hauptbahnhof findet der Neubau der Stadtbibliothek am Mailänder Platz fast nur in der Fachöffentlichkeit Beachtung. Dabei ist das Gebäude sehenswert und insbesondere die Elektro- und Medientechnik eine nähere Betrachtung wert.

Der Startschuss für den Bau der neuen Bibliothek Stuttgart auf dem Gelände hinter dem Hauptbahnhof – dem Areal von Stuttgart 21 – erfolgte im Herbst 2008. Ende Oktober feierte das fast würfelförmige Gebäude mit einer Kantenlänge von 44 m und einer Höhe von 40 m seine Einweihung. Die Bibliothek mit einer Grundfläche von 20 200 m2 ist eines der ersten Gebäude des neu entstehenden Europaviertels von Stuttgart. Rund 500 000 Medieneinheiten – Bücher, CDs und DVDs – sind dort untergebracht. Fast 80 Mio. € betrugen die Baukosten.

Maßgeblich am Bau des aus Südkorea stammenden Kölner Architekten Eun...

Der Startschuss für den Bau der neuen Bibliothek Stuttgart auf dem Gelände hinter dem Hauptbahnhof – dem Areal von Stuttgart 21 – erfolgte im Herbst 2008. Ende Oktober feierte das fast würfelförmige Gebäude mit einer Kantenlänge von 44 m und einer Höhe von 40 m seine Einweihung. Die Bibliothek mit einer Grundfläche von 20 200 m2 ist eines der ersten Gebäude des neu entstehenden Europaviertels von Stuttgart. Rund 500 000 Medieneinheiten – Bücher, CDs und DVDs – sind dort untergebracht. Fast 80 Mio. € betrugen die Baukosten.

Maßgeblich am Bau des aus Südkorea stammenden Kölner Architekten Eun Young Yi entworfenen Gebäudes, war die Conplaning GmbH Ulm/Neu-Ulm beteiligt: Das Ingenieurbüro war für die Planung der Elektroinstallation und Medientechnik in dem beeindruckenden Bauwerk verantwortlich.

 

Das Gebäude

Tagsüber ein monolithischer Kubus, nachts eine überdimensionale Lichtskulptur – so zeigt sich Stuttgarts neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Noch steht sie fast allein auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, wo derzeit das Europaviertel entsteht. Das Städtebauprojekt ist Teil des Zukunftsprojekts Stuttgart 21.

Das Innere des Gebäudes verblüfft die Besucher. Klar geordnet und mit einem Minimum an Materialien ausgestattet, bilden die Buchrücken die einzigen Farbakzente im Inneren des Hauses. Im Kern befindet sich das „Herz“ der Bibliothek, ein vier Stockwerke hoher Raum von 14 m Höhe, Breite und Tiefe, dessen Wände kleine Fenster zieren. Kein Buch ist hier zu sehen, und auch nichts anderes – der Raum ist bis auf ein in den Boden eingelassenes Wasserspiel leer. Erhellt wird das Rauminnere von einem Feld aus Glasbausteinen in der Decke.

Unterhalb dieses Raumes befindet sich ein stufenweise abgesenkter Veranstaltungssaal für bis zu 300 Personen, darüber ein trichterförmiges Atrium, das von fünf Galerieebenen umgeben ist. Diese weiten sich von unten nach oben immer weiter auf und werden von einem Glasdach begrenzt. Die unteren vier Galerien dienen als Lesesäle; auf der obersten sind die Gra­fo­thek, eine Kunstbibliothek und das Café angeordnet. Von hier aus gelangen die Besucher über eine Treppe auf die Dachterrasse.

Die Erschließung zwischen den einzelnen Lesegalerien erfolgt über paarweise gedreht angeordnete Freitreppen, die als fließende Flanierwege konzipiert sind. Das Bibliotheksgebäude selbst kann von allen vier Seiten betreten werden. In der ringförmig ausgebildeten Eingangshalle sind die Information und die Medienrückgabeautomaten der Buchsortieranlage untergebracht, deren Funktionsablauf durch Glaswände betrachtet werden kann. In den darüberliegenden Geschossen, die den zentralen Raum umschließen, befinden sich die Musikbibliothek im ersten Obergeschoss, im zweiten die Kinderbibliothek und im dritten Literatur zu Philosophie, Psychologie, Medizin und anderen Wissensgebieten.

 

Fassaden als Teil der TGA

Die Bibliothek ist von einer Doppelfassade umschlossen. Die innere Fassade ist als Pfosten-Riegel-Konstruktion ausgebildet, die äußere besteht aus 9 x 9 m großen, quadratischen Fassaden­fel­dern aus hellgrauem Sichtbeton, die mit Glasbausteinen bestückt sind. Damit schottet sich die Bibliothek nach außen ab. Im Inneren jedoch offenbart das Material seine Qualitäten. Denn die Glasbausteine lassen zwar viel Licht bis in das tiefe Gebäudes hinein, verhindern aber die Durchsicht, so dass nichts die Auf­merk­samkeit der Leser beeinträchtigt. Außerdem verfügen sie über zahlreiche positive Eigenschaften hinsichtlich des Schall-, Wärme- und Brandschutzes, sind durchbruchsicher und bieten einen hohen Schutz vor Einbruch.

Im Fassadenzwischenraum befinden sich bewegliche Sonnen­schutzlamellen, ein Blendschutz und schmale Gänge. Von hier aus erlauben regelmäßig angeordnete Fassadenöffnungen die Aus­sicht auf die Stadt. Auch die natürliche Belüftung der angren­zenden Räume wird durch diese Gänge optimiert. Nachts wird der Fassadenzwischenraum beleuchtet.

Das Glasdach über dem Atrium sorgt für viel Tageslicht auf den Lesegalerien. Bewegliche Lamellen gewähren den notwendigen Son­nen­schutz und nehmen zusätzlich Photovoltaikelemente auf.

 

Elektro- und Medientechnik

Conplaning konnte bereits 2005 den Wettbewerb der Elektro­fach­planer aus 45 Bewerbern für sich entscheiden. Rund 6 Mio. € wurden allein für die Elektroinstallationen im Gebäude veranschlagt. Bis zur Inbetriebnahme wurden für elektrische Leitungen und Fernmeldeeinrichtungen 436 km Kabel verlegt, 2350 Beleuchtungskörper und 605 Brandmelder installiert sowie zusätzlich 150 km Kabel für EDV-Einrichtungen verbaut.

Das Gebäude wurde mit moderner Elektro- und Medientechnik ausgestattet. So wurde von den Ingenieuren aus Ulm darauf geachtet, dass sich die Besucher auf 16 verschiedenen 65 “-Plasmabildschirmen im Erdgeschoss über Fachbereiche, Buchtitel oder Veranstal­tungen informieren können. Die ansprechende Ausleuchtung des Gebäudes erfolgt unter dem Aspekt einer möglichst hohen Energieeffizienz. So wird die Beleuchtung über eine spezielle Technik (DALI, digital adressable lighting interface) gesteuert, bei der einzelne Leuchten direkt und je nach Zweck, schaltungs- und dimmtechnisch zugeschaltet werden.

Die Sicherheit der literari­schen Schätze wird gewährleis­tet durch die Installation einer Brandschutz- und Einbruchmel­deanlage sowie einer Video­über­wachungsanlage und Beschallungsanlage für Durchsagen und Alarmierung.

Lichttechnik und Verschattung

Stockwerk für Stockwerk begleitet den Besucher ein spezielles Beleuchtungskonzept, das auch Aspekte der Energieeffizienz berücksichtigt. Bei strahlendem Sonnenschein verhindert eine Sonnenschutzanlage, die zentral und dezentral geregelt werden kann, dass den Lesefreudigen zu heiß wird. Zusammengeführt sind alle elektrotechnischen Einrichtungen in KNX/EIB-Systemtechnik, die gewerkeübergreifend alle gebäudetechnischen Funktionen regelt. Auf diese Weise setzt der „blaue Würfel“ Zeichen für moderne Technik und Architektur in Stuttgart.

Mediensteuerung

Am Beispiel des im UG befindlichen teilbaren Saales wird im Folgenden die Medientechnik ausführlicher betrachtet.

Der Saal 1/1 wurde mit zwei Video- und Datenprojektoren ausgestattet. Bei Nutzung der geteilten Räume wird der zur Wand hin angebrachte Projektor das Bild auf der geteilten Projektionswand projizieren. Werden Saal 1/1 und 1/2 zusammen genutzt können die Projektionswände zusammengesetzt und ein größeres Bild kann mit dem mittig angebrachten Projektor projiziert werden. Die Projektoren sind in einem Deckenlift montiert und sind bei Nichtgebrauch fast unsichtbar mit Hilfe der Deckenlifte in die Decke eingefahren.

Es wurden digitale Einspeisepunkte für Medientechnik mit den Anschlüssen HDMI, Stereo Audio, CompositVideo/S-Video/Component-Video, Audio SPDIF, USB HID für Maus und Tastaturanschluss eingesetzt.

Die Mikrofonanlage besteht aus zwei drahtlosen Handmikrofonen und zwei drahtlosen Taschensendern die mit Ansteckmikrofonen eingesetzt werden. Für den lückenlosen Empfang der Mikrofone wurden zwei Sende- und Empfangsantennen angebracht. Zudem können acht Tischmikrofone eingesetzt werden. Die Mikrofone werden über Bo­dentanks angeschlossen.

Zur Beschallung des Saals 1/1 wurden 14 Zwei-Wege-Deckeneinbaulautsprecher eingesetzt, die eine klare und deutliche Sprach­wiedergabe und eine gute Musik­beschallung gewährleisten.

Die Bedienung der medientechnischen Anlage erfolgt über Touchpanel. Für die Videoübertragung ist eine Domekamera mit Schwenk/Neige­funktion in der Decke ins­tal­liert. Diese Kamera kann von der Regie bedient werden und wird zur Über­tragung einer Ver­anstaltung an die 16 Moni­to­re am Herz und, oder zur Über­tragung in das Cafe im 8. OG genutzt.

Die medientechnische Anlage verfügt über eine automatische Signalerkennung die eine einfache Bedienung der Anlage gewährleistet. Wird an einem Anschlusspunkt ein Gerät Video/DVD oder Laptop angeschlossen, schaltet die Anlage automatisch ein, fährt den Projektor mit Hilfe des Deckenlifts aus der Decke und dimmt/schaltet die Beleuchtung auf einen voreingestellten Wert für eine Präsentation.

Mit dem Touchpanel können die voreingestellten Werte geändert werden und an die entsprechende Situation angepasst werden. Ebenfalls können durch die Anbindung an EIB/KNX übergreifende Funktionen wie die Beleuchtung und die Klimatisierung im Raum gesteuert und geregelt werden.

Bei Sprachveranstaltungen oder Lesungen kann mit dem Touchscreen die Lautstärke der einzelnen Mikrofone und auch die Zuspielung einer Audioquelle und die Beleuchtung individuell geregelt werden.

Die zweite Saalhälfte, Saal 1/2 ist identisch aufgebaut. Erfolgt eine gemeinsame Nutzung der Saalhälften, wird der zweite Projektor, der sich im Saal 1/1 mittig befindet, aktiviert. Die Anschlusspunkte können dann gemeinsam genutzt werden.

Beide Touchscreens sind in Funktion und verwalten den gesamten Saal. Die Lautsprecher werden zusammengeschaltet, somit ist eine gleichmäßige Beschallung über die gesamte Fläche gewährleistet. Durch die individuelle Programmierung der Medientechnik kann über eine Kreuzschiene mit dem Touchpanel jeder Anschlusspunkt auf jeden Projektor geschaltet werden. Daher ist es möglich, zwei Projektoren mit unterschiedlichen Signalen zu speisen.

Den zwei Sälen sind zwei Vorführräume zugeordnet, die grundsätzlich identisch aufgebaut sind. In einem Vorführraum befindet sich in einem Gestellschank das übergeordnete Basis-System zur Verwaltung und Ergänzung der Gesamtsysteme von Vorführraum 1 und 2. Gleichfalls ist das Room-Viev-Programm auf einem PC installiert, damit eine Statusüberwachung der einzelnen Räume möglich ist. Des weiteren befinden sich Matrixmischer für die Mikrofon- und Audioanlage, DVD/VHS Kombination als Abspielgerät und TV-Empfangsteil, Audioverstärker, Antennensplitter, DVB-C Tuner und ein Touchpanel als Tischversion und ein Funk-Touchpanel im Vorführraum. Für die Beschallung des Vorführraumes sind zwei Lautsprecher als Tischversion eingesetzt. Der Vorführraum hat eine Telefon- und EDV-Anbindung.

Die Bedienung der medientechnischen Anlage ist ebenfalls mit den Touchpanels im Vorführraum möglich. Alle Zuspieler, Empfangs­teile und die Domecamera lassen sich bedienen. Alle Mikrofone können abgemischt und mit anderen Audioquellen gemischt werden. Bei der Nutzung des Saals im Gesamten hat der Vorführraum erste Priorität, solange dieser besetzt ist. Über die Touchpanels im Vorführraum lassen sich auch die Verbindungen zu den anderen Empfängern (16 Monitore am Herz im EG und in die Cafeteria im 8. OG und zu den zwei LCD-Monitoren beim Hausmeisterbüro herstellen. Für die Verbindung zum Herz (Raum AR 2) stehen vier Leitungswege zur Verfügung. Es besteht eine Funkanbindung für das Funk-Touchpanel auch im EG damit auch Vorort die Szenarien der Monitore am Herz gesteuert werden können.

Fazit

Werner Rall, bis zum 31. März 2011 Geschäftsführer der Conpla­ning GmbH (www.conplaning.de) und Projektleiter, ist stolz auf die Mitwirkung an diesem heraus­ragenden Bauwerk: „Wir freuen uns, dass wir an diesem modernen, zukunftsweisenden Projekt beteiligt sind, das über viele Jahre die Stuttgarter Stadtland­schaft prägen wird.“

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