Neubau mit „Betreutem Wohnen“

Mit Wärmepumpen zu niedrigeren Mietnebenkosten

Die demografische Entwicklung ist deutlich: Die Gesellschaft altert. Damit wächst überproportional der Bedarf an entsprechendem Wohnraum. Wie der als nachverdichtender Neubau in einer bestehenden Bebauung vorbildlich geschaffen werden kann, zeigt ein Projekt der „Pforzheimer Bau & Grund GmbH“: Das Objekt ist so konzipiert, dass es Lebens­situationen übergreifend über viele Jahre hinweg eine Heimat bietet. Zugleich stellt die Energie sparende Bauweise mit der Nutzung von Geothermie sicher, dass die gerade im Alter schwerwiegenden Mietnebenkosten sehr niedrig ausfallen.

Gewachsene städtische Quartiere zu arrondieren, ist für Bauherren wie Planer und Architekten eine Herausforderung. Dies gilt besonders, wenn außerdem der „gesellschaftliche Mikrokosmos“ eingefangen und in einem Bauwerk mit differenzierten Nutzungen und Qualitäten widergespiegelt werden soll. Die „Pforzheimer Bau & Grund GmbH“ (www.pforzheimer.de) stand im Westen der Stadt vor genau dieser Aufgabenstellung. Gelöst wurde sie zusammen mit „Freivogel Architekten“ (www.freivogel-architekten.de) in einer Weise, die auch energetisch als zukunftsweisendes Bauen anzusehen ist: Es entstand ein offen...

Gewachsene städtische Quartiere zu arrondieren, ist für Bauherren wie Planer und Architekten eine Herausforderung. Dies gilt besonders, wenn außerdem der „gesellschaftliche Mikrokosmos“ eingefangen und in einem Bauwerk mit differenzierten Nutzungen und Qualitäten widergespiegelt werden soll. Die „Pforzheimer Bau & Grund GmbH“ (www.pforzheimer.de) stand im Westen der Stadt vor genau dieser Aufgabenstellung. Gelöst wurde sie zusammen mit „Freivogel Architekten“ (www.freivogel-architekten.de) in einer Weise, die auch energetisch als zukunftsweisendes Bauen anzusehen ist: Es entstand ein offen gestalteter, dreigeschossiger Baukörper mit 4100 m2 Bruttogeschossfläche, der formal wesentliche Elemente der umgebenden Bebauung aufgreift. Die barrierefreie, halböffentliche Erschließungszone ist dabei die verbindende Klammer zwischen Alt und Neu. Im Haus selbst sind zwölf barrierefreie Wohnungen sowie 24 Einheiten für betreutes Wohnen vorgesehen. Ihre Anbindung zum Beispiel an den zentralen Gemeinschaftsraum orientiert sich an der körperlichen Leistungsfähigkeit der Bewohner.

Genau so durchdacht wie den architektonischen Rahmen hat die „Pforzheimer“ das energetische Konzept aufgestellt. Lothar Hein, Fachwirt Facility Management und maßgeblich an der Entwicklung des Projektes beteiligt, hält das gerade bei solchen Objekten für unabdingbar: „Zum überwiegenden Teil werden Mietnebenkosten mittlerweile von den Aufwendungen für Wärme und Warmwasser dominiert. Das heißt für uns als Pforzheimer Bau & Grund, dass dieser Aspekt für unsere Kunden, unsere Mieter einen genau so hohen Stellenwert haben muss wie das Wohnen selbst.“

Die erste Konsequenz daraus: eine sehr genaue Betrachtung des Baukörpers im Hinblick auf Transmissionswärmeverluste. Die zweite: ein genaues Abwägen, mit welcher regenerativen Anlagentechnik der dann noch anstehende Wärme- und Warmwasserbedarf zu decken ist.

 

Der Baukörper und die Dämmung

Schlanke, geradlinige Architektur wie bei diesem Pforzheimer Bauprojekt ist nicht nur eine gestalterische Komponente des Zeitgeistes, sondern zugleich ein energetischer Kunstgriff: Je weniger fragmentiert die Gebäudehülle ist, umso kompakter ist der Bau – und umso geringer sind die Abstrahlverluste. Vor allem, wenn gleichzeitig ein 28 cm starkes Wärmedämmverbundsystem an den geschlossenen Wandseiten der Nord- und der Südfassade aufgebracht sowie das Flachdach begrünt wurde.

Architekt Jochen Freivogel begründet die Maßnahme: „Das Wärmedämmverbundsystem auch auf die beiden weiteren Fassaden auszudehnen, hätte energetisch kaum noch etwas gebracht. Sie bestehen überwiegend aus Fensterflächen. Eine ergänzende Wanddämmung hätte also nur geringe Effekte gehabt, aber die Investitionskosten aufgrund der Kleinteiligkeit überproportional in die Höhe getrieben.“ Stattdessen wurde generell eine drei Scheiben-Wärmeschutzverglasung installiert und auf entsprechend luftdichte, wärmebrückenfreie Übergänge zum Mauerwerk geachtet. Im Gesamtergebnis ergab sich damit für das Haus ein Energieniveau knapp über dem zur Bauphase relevanten KfW 40-Standard.

 

Die Anlagentechnik

Die Wärmeerzeugung

Durch diesen bauseitigen Wärmeschutz kann die errechnete Heizlast völlig problemlos über nur zwei Erdwärmepumpen mit jeweils 24 kW Leistung und zwei je 1000 l fassende Pufferspeicher abgedeckt werden. Der dafür notwendige Energielieferant findet sich dabei optimal platziert direkt unter dem Fundament des Gebäudekomplexes: 18 bis zu 80 m tief in das Erdreich eingelassene Doppel-U-Sonden stellen so viel Erdwärme zur Raumbeheizung bereit, dass nur noch 25 % als elektrische Antriebsenergie für die Erdwärmepumpen zugeführt werden müssen.

Im Sommer dienen dieselben Erdsonden wiederum im umgekehrten Prozess zur Wärmeabfuhr, denn über die integrierte „natural cooling“-Funktion werden die Erdwärmepumpen „geotherm exclusiv“ (www.vaillant.de) im Umkehrprozess zur Raumtemperierung eingesetzt. Gleichzeitig regeneriert sich auf diese Weise der Boden deutlich schneller, als wenn Wärme nur entzogen würde. Der aus Lös und Verwitterungslehmen bis hin zu Festgestein aus Muschelkalk bestehende Boden kann also dauerhaft eine Entzugsleistung zur Verfügung stellen, die den Wärmebedarf selbst in extrem kalten Wintermonaten deutlich übersteigen dürfte.

 

Die Wärmeverteilung

Um diesen gerade in hoch gedämmten Gebäuden sehr willkomme­nen Effekt der kombinierten Wärmeverteilung/Temperierung nutzen zu können, zahlt sich die für Erdwärmepumpen ohnehin bevorzugte Installation eines Flächentemperiersystems doppelt aus. Im Neubau der „Pforzheimer Bau & Grund“ wurden knapp 1300 m2 davon in sämtlichen Wohn- und Gemeinschaftsräumen verlegt – dank geeigneter Bodenaufbauten sogar unter Parkett.

Mit einer Vorlauf-/Rücklauf­temperatur von 35/32 °C gefahren und über Raumthermostate gesteuert, sorgt der Selbstregeleffekt dieser Wärmeverteilung in Verbindung mit der guten Dämmung der Gebäudehülle selbst bei stark schwankender Außentemperatur immer für ein angenehm-gleichmäßiges Temperaturniveau in den Räumen.

Umgekehrt steigt im Sommer bei starker Sonneneinstrahlung trotz der großen Fensterflächen aufgrund der Wärmeschutzverglasung die Innentemperatur nur so langsam an, dass die Flächentemperierung dies in Kühlfunktion ebenfalls nahezu unspürbar auffangen kann. Im Vergleich zu nicht temperierten Räumen sind auf diese Weise bis zu
3 K geringere Raumtemperaturen zu erzielen.

Für den hinreichenden Luftaustausch sorgt während der Heiz- wie der Temperierphasen im gesamten Gebäude eine kontrollierte Wohnungslüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.

 

Dezentrale Warmwassererzeugung

Die hohe Effizienz der Wärmeerzeugung mit möglichst reduzierter Zufuhr elektrischer Hilfsenergien führte dazu, dass bei der Planung des Neubaus die Frage der Warmwasserbereitung mit einer dezentralen Lösung beantwortet wurde. Alle 24 Wohneinheiten sind daher mit Durchlauferhitzern ausgestattet. Über die vollelektronische Leistungs- und Wassermengenregelung der „VED E exclusiv“-Geräte steht beim Öffnen der Zapfstellen unmittelbar Warmwasser auf Wunschtemperatur zur Verfügung, ohne dass es selbst bei großen Zapfmengen zu unkomfortablen Temperaturschwankungen kommt.

Im Gegensatz zur zentralen Warmwasserversorgung reduzierten sich damit außerdem nicht nur die Investitionskosten, sondern es wurde zugleich ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Trinkwassergüte geleistet: Unabhängig von der Intensität der Nutzung ist aufgrund der kurzen Leitungswege vom Warmwasserbereiter zur Zapfstelle das stagnierende Volumen so gering, dass es nicht verkeimen kann. Zudem fallen die Betriebskosten niedriger aus, da im Gegensatz zur zentralen Versorgung auf eine Zirkulation mit permanenter Pumpenleistung verzichtet werden kann.

 

Photovoltaik

Nachhaltiges Bauen – im Sinne der Bewohner, im Sinne der Quartierentwicklung, aber auch im ökologischen Sinne – geht für die Verantwortlichen der „Pforzheimer“ aber noch weiter, so Lothar Hein (dayu auch ein Interview auf der folgenden Seite): „Nachdem wir das Haus so Energie sparend konzipiert und die Wärmeversorgung überwiegend regenerativ aufgestellt hatten, war weitgehende Klima-Neutralität unser nächstes Ziel.“

Komplettiert wurde die Anlagentechnik daher durch eine auf dem Gebäudeflachdach montierte Photovoltaikanlage mit 30 kWp Leistung. Unter durchschnittlichen klimatischen Bedingungen des Standortes reicht das in etwa aus, um die elektrische Antriebsenergie für die Wärmepumpen abzudecken.

 

Nachhaltiges Bauen

Wie konzeptionell überzeugend, aber auch wie im Ganzen nachhaltig dies Projekt der„Pforzheimer Bau & Grund GmbH“ ist, dokumentiert unter anderem der „Deutsche Bauherrenpreis“ als Auszeichnung. Zugleich würdigt er das energetische Konzept, das in seiner abgestimmten Individualität ein Zeichen setzt: Gedacht, entworfen und letztlich realisiert wurde hier ein Ansatz, der konsequent zukunftsweisende Ökologie mit der Rentabilität der Ökonomie auf eine Stufe stellt – und so zum Maßstab erfolgreichen wohnungsgesellschaftlichen Bauens im Bestand werden könnte.

Kurzinterview


Lothar Hein, Fachwirt Facility Management und Leiter der Technischen Abteilung bei der „Pforzheimer Bau & Grund GmbH“, zeichnete als Projektsteuerer und Bauleiter für die Entwicklung und Realisierung des neuen Gebäudekomplexes verantwortlich. Im Interview geht er auf das Bau- und Wohnmodell ein:


TAB: Was gab den Ausschlag, das Karree im Pforzheimer Westen in der jetzt realisierten Variante zu entwickeln?

 

Lothar Hein: Seit Jahren im Bestand der „Pforzheimer“ sind in dem Karree in der Vergangenheit einige Objekte verkauft, andere abgerissen worden, so dass deutliche Lücken in einem ansonsten recht verdichtet bebauten Umfeld entstanden. Das war einerseits eine Herausforderung, andererseits aber auch die Chance, über eine detaillierte Analyse die denkbaren Varianten möglicher Nutzung durchzuspielen – und letztlich daraus das Modell des generationenübergreifenden Wohnens zu projektieren.

 

TAB: Generationen- und an der Biberstraße zugleich sogar Milieu-übergreifendes Wohnen – läuft das nicht dem gesellschaftlichen Trend zur Bildung homogener Gruppen entgegen?

 

Lothar Hein: In der Tat war der Start des Projektes durch die Nähe zu den Einfamilienhäusern in der Nachbarschaft anfangs nicht unproblematisch. Das hat sich aber mit Fortschreiten der Baumaßnahme, als die gelungene Integration des großen Baukörpers in die Umgebung deutlich wurde, schnell gelegt. Vor allem, weil gleichzeitig mit dem generationenübergreifenden Wohnen die Menschen über wechselnde Lebensphasen hinweg in ihrem angestammten Quartier bleiben können und so beispielsweise gewachsene Nachbarschaftsbeziehungen weiter bestehen.

 

TAB: Welchen Stellenwert bekommt das in jeder Hinsicht nachhaltige Bauen zukünftig für Wohnungsbaugesellschaften wie die „Pforzheimer“?

 

Lothar Hein: Die Resonanz auf dieses Projekt zeigt, wie wichtig solches Bauen sowohl für die Region als auch für die „Pforzheimer“ als Wohnungsbaugesellschaft wird: Angesichts der demografischen Entwicklung sind wir gezwungen, den Objektbestand aus den 50er und 60er Jahren schrittweise weiter zu entwickeln, damit er vermietbar bleibt. Das kann durch umfassende Sanierungen oder Verbesserungen der Infrastruktur, zum Beispiel den Anbau von Aufzügen, geschehen. Wo das nicht ausreicht, muss ein Gebäude gegebenenfalls auch abgerissen werden, um Platz für zukunftsträchtigere Objekte zu schaffen. Welche Variante gewählt wird, ist dabei im Einzelfall zu betrachten – und immer auch eine Herausforderung für die Architekten und Planer. Denn sie müssen die Wege aufzeigen, wie solch ein Bestandsumbau einerseits behutsam vorgenommen werden kann, andererseits aber auch die wirtschaftlichen Notwendigkeiten genauso berücksichtigt werden wie die sozio-kulturellen Einflussfaktoren.

 

TAB: Das heißt, Bauen ist und bleibt ein spannender Prozess. Wir bedanken uns für das Interview.

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