Mieterstromprojekte
Umfassender Ansatz mit individuellen KonzeptenWenn es um die künftige Stromversorgung im Mehrfamilienhausbereich geht, lohnt es sich, einen Blick auf die Themen Eigenstromnutzung und Mieterstromprojekte zu werfen. Mehrere Projekte zeigen, dass nicht nur Immobilienbesitzer und Mieter davon profitieren können, sondern auch ein aktiver Beitrag zur Energiewende geleistet werden kann. Ob bei der Planung im Neubau oder bei einer Sanierung im Bestand – es gilt, viele Projektbeteiligte zu vereinen, um erfolgreich zu sein.
Fairness als Voraussetzung
Grundvoraussetzung für eine Win-Win-Situation bei Mieterstromprojekten ist der faire Umgang auf beiden Seiten. Während Immobilienbesitzer und Anlagenbetreiber als Stromversorger Mehreinnahmen erzielen können, senken Mieter ihre Stromkosten. Wie genau die Aufteilung des Kuchens ist, dazu gibt es keinen Standard. Im Gesetz zur Mieterstrom-Direktförderung ist festgehalten, dass der Strompreis mindestens 10 % unter dem lokalen Grundversorgungstarif liegen muss. Sind die Strompreise zu hoch, will kein Mieter mitmachen und sind die Investitionskosten für den Eigentümer zu...
Fairness als Voraussetzung
Grundvoraussetzung für eine Win-Win-Situation bei Mieterstromprojekten ist der faire Umgang auf beiden Seiten. Während Immobilienbesitzer und Anlagenbetreiber als Stromversorger Mehreinnahmen erzielen können, senken Mieter ihre Stromkosten. Wie genau die Aufteilung des Kuchens ist, dazu gibt es keinen Standard. Im Gesetz zur Mieterstrom-Direktförderung ist festgehalten, dass der Strompreis mindestens 10 % unter dem lokalen Grundversorgungstarif liegen muss. Sind die Strompreise zu hoch, will kein Mieter mitmachen und sind die Investitionskosten für den Eigentümer zu hoch, hat der keine Lust. Diese Tatsache macht Mieterstrom zu einer besonders fairen Art der Energieversorgung. Neben den Interessen von Immobilienbesitzern und Mietern müssen bei der Mieterstromplanung auch energie- und baurechtliche Anforderungen, technische Erfordernisse sowie Förderkriterien berücksichtigt werden. Es ist ein komplexes Gefüge unterschiedlicher Interessen, Anforderungen und lokaler Gegebenheiten, bei dessen Abwägung Mieterstrom-Dienstleister unterstützen.
Florian Henle, Geschäftsführer des Ökoenergieversorgers und Mieterstrom-Dienstleisters Polarstern, berichtet aus seiner Erfahrung. „Die 10-%-Regelung wäre nicht nötig, denn am Ende sind nur faire Mieterstromlösungen langfristig erfolgreich. Wer Mieterstrom als einseitiges Renditegeschäft sieht, verliert.“ Die Vorteile von Mieterstromprojekten zeigen einige aktuelle Beispiele:
Passivhaussiedlung in Berlin-Adlershof
Im Berliner Stadtteil Adlershof entsteht eine Passivhaussiedlung mit Plusenergiekonzept, bei dem die Mieterstromversorgung eine zentrale Rolle spielt. Auf den Dächern der drei Häuser sowie an einer Hausfassade wird eine PV-Anlage mit 73,02 kWp installiert. Sie versorgt ab Frühjahr 2018 insgesamt 38 Wohneinheiten mit rund 80 Bewohnern sowie 17 Ladestellen für Elektroautos und E-Bikes mit lokal erzeugtem Strom. Zusätzlich wird ein Batteriespeicher mit einer nutzbaren Speicherkapazität von 96 kWh installiert, um die Eigenversorgung mit Strom zu steigern.
„Unser Ziel ist es, durch den Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen beim Gebäude und durch intensive Nutzung der Sonnenenergie für Wärme und Strom, zu zeigen, dass ökologisches Bauen auch klare ökonomische Vorteile bei den Energiekosten bringt“, sagt Regina Weißkopf, Geschäftsleitung Newtonprojekt GbR. Die Umsetzung des Mieterstromprojekts übernimmt der Ökoenergieversorger und Mieterstromdienstleister Polarstern. Ergänzend wird eine Solarthermieanlage auf den Dächern für die Warmwasserversorgung installiert. Wird zu viel Wärme produziert, wird diese in das Fernwärmenetz des BHKW-Betreibers in Adlershof (BTB) eingespeist und dort bilanziell zwischengespeichert. Im Winter, wenn die Siedlung mehr Wärme benötigt als produziert wird, können die Bewohner dementsprechend Wärme aus dem Netz entnehmen.
Die Herausforderung in der Stromversorgung der Passivhaussiedlung bestand darin, das Mieterstromangebot wirtschaftlich attraktiv zu gestalten. „Aufgrund der KfW-40-Plus-Förderung des Gebäudes wird für den durchschnittlichen Verbrauch im Gebäude eine relativ große Photovoltaikanlage errichtet. Damit ist es wirtschaftlich noch einmal wichtiger, möglichst viel vor Ort erzeugten Strom auch vor Ort zu nutzen. Und das geht nur mit einem speziellen Mieterstromangebot“, erklärt Florian Henle.
Mit einem Zwei-Tarif-Modell werden die Bewohner motiviert, möglichst viel vor Ort erzeugten Strom zu nutzen. Sie bezahlen daher für Lokalstrom einen eigenen Mieterstromtarif, während sie für Strom aus dem öffentlichen Netz Ökostrom von Polarstern beziehen. Insgesamt liegen die Stromkosten der Bewohner damit 26 % unter dem lokalen Grundversorgertarif.
„Indem wir Stromerzeugung und -verbrauch mit ,Smart Metern‘ erfassen – und zwar für jede Erzeugungs- und Verbrauchsstelle –, haben die Bewohner am Ende einen individuellen Strompreis, der sich aus dem von ihnen genutzten Anteil Lokalstrom und dem Anteil Netzstrom zusammensetzt. Damit wird ein möglichst hoher Direktverbrauch direkt über den Strompreis belohnt“, bilanziert Florian Henle. Nach aktuellem Planungsstand werden insgesamt über alle Haushalte und Verbrauchsstellen betrachtet rund 70 % der vor Ort erzeugten Solarenergie auch vor Ort genutzt und werden daher als Direktverbrauch bilanziert.
Projekte der Bürger-Energie Unterhaching
Die Genossenschaft Bürger-Energie Unterhaching (BEU) realisiert derzeit zwei Mieterstromprojekte, eines in Unterhaching und ein anderes in der Nachbargemeinde Neubiberg. Beides sind Neubauten, die in 2018 fertiggestellt werden sollen.
Das erste Projekt, zwei Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 35 Wohnungen in Neubiberg, wird von der Baugesellschaft München Land (BML) errichtet. Es erhält eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 28 kW. Anlagenbesitzer und -betreiber ist die Bürger-Energie Unterhaching. Mieterstrompartner ist auch hier der Ökoenergieversorger Polarstern.
Im zweiten Projekt, das von der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Unterhaching (GWU) errichtet wird, werden ab Herbst 2018 in drei Mehrfamilienhäusern 70 Wohneinheiten und ein Kindergarten mit Mieterstrom vom eigenen Dach versorgt. Dazu wird von der Bürger-Energie Unterhaching eine Photovoltaikleistung mit insgesamt rund 98 kW Leistung installiert.
In beiden Mieterstromprojekten wird ein Autarkiegrad von rund 30 % erreicht, so dass die Mieter ihre Stromkosten verglichen zum Grundversorgertarif, um 16 % senken können. Die Bürgerenergiegenossenschaft erhält als Eigentümer und Betreiber der PV-Anlagen für beide Projekte die Mieterstrom-Direktförderung. „Die Mieterstrom-Direktförderung war für uns ein entscheidender Faktor zur Umsetzung des Projekts. Schließlich ist die Implementierung einer PV-Anlage zur Mieterstromversorgung mit deutlichem Mehraufwand verbunden, verglichen zur alleinigen Netzeinspeisung des erzeugten Stroms“, sagt Wilfried Taetow, Vorstand Technik bei der Bürger-Energie Unterhaching eG. Um trotz dieses Aufwands in der Planungs- und Bauphase Mieterstrom am Ende wirtschaftlich attraktiv umzusetzen, sei vor allem auch die individuelle Gestaltung der Mieterstromversorgung und die enge Zusammenarbeit mit Fachleuten wichtig. Daher stellt Wilfried Taetow fest: „Die nachhaltige Energieversorgung betrifft alle, vom Bauherrn über den Architekten bis hin zum Elektroplaner. Das kann nur funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen und die nachhaltige, bürgernahe Energieversorgung vorantreiben.“
Fazit
Mieterstromprojekte können sich zu einem wichtigen Element der Energiewende entwickeln. Dabei gilt es, die Interessen aller Beteiligten auf Seiten der Immobilienbesitzer sowie der Mieterseite zu berücksichtigen. Dabei ist die Mieterstrom-Direktförderung derzeit ein wichtiges Element, um den Mehraufwand bei der Umsetzung von Mieterstromprojekten abzudecken. Dabei gilt es, frühzeitig Technik und Wirtschaftlichkeit zu verbinden, um eine optimale Lösung des jeweiligen Projektes zu finden.
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