Kommentar

Die Zukunft der TGA-Branche – ein Blick in die Glaskugel

Die wirtschaftliche Lage der TGA-Branche ist momentan sehr positiv – viele Betriebe sind voll ausgelastet. Trotzdem sollten wir mit offenen Augen durchaus kritisch in die Zukunft schauen. Selbst bei Vollauslastung gelingt es den meisten Betrieben derzeit nicht, eine Marge in der Höhe zu erzielen, die dem großen Risiko unserer Branche angemessen wäre. Der Grund dafür ist der sehr ausgeprägte Preiswettbewerb.

Niedriges Zinsniveau fördert die Bautätigkeit

Der gute Markt wird momentan vom niedrigen Zinsniveau getragen. Das äußert sich in einer sehr starken Bautätigkeit, die sich jedoch vorwiegend auf den Bereich des Wohnungsbaus und die Sanierung von Bestandswohngebäuden beschränkt. Der öffentliche Bau und die Industrie agieren eher verhalten, was sicherlich auch den momentan sehr niedrigen Energiepreisen geschuldet ist.

Neue Mitbewerber

drängen in den Markt

Schauen wir in die Glaskugel, so würde ich die Zukunft der TGA wie folgt sehen: In den nächsten Jahren werden der Wohnungsbau und der Sanierungsmarkt irgendwann gesättigt sein. Ob die Blase platzt oder die Luft langsam entweicht, bleibt abzuwarten. In jedem Fall wird diese Sättigung auch direkte Auswirkungen auf unsere Branche haben.

Insbesondere den kleinen, handwerklich organisierten Betrieben wird ein großes Stück des Auftragskuchens wegbrechen. Diese kleineren Betriebe haben bereits jetzt schon in ihren Kerntätigkeitsfeldern mit Mitbewerbern zu kämpfen, an die vor einigen Jahren niemand gedacht hat. Hierzu zähle ich insbesondere die bundesweit aufgestellten Betriebe, die im Internet massiv den Heizkesseltausch im Ein- und Zweifamilienhaus bewerben. Auch die Energieversorger werden immer mehr als Volldienstleister die Montage und den Betrieb der Kleinkessel und Mikro-KWK-Anlagen übernehmen. Die Industrie hat erkannt, dass eine direkte Ansprache des Endkunden sinnvoll ist, da die Marketingschwäche des Handwerks für die Industrie das vertriebliche „Bottle Leg“ darstellt. Hier bleibt abzuwarten, ob der klare zwei- oder dreistufige Vertriebsweg die nächsten fünf bis zehn Jahre überlebt. Es wird sich zeigen, ob und in welcher Form diese kleineren Betriebe die nächsten Jahre nach dem Bauboom schultern. Ich sehe die Situation eher kritisch.

Fachkräftemangel bleibt größte Herausforderung

Doch auch wir, die größeren, industriell und ingenieurtechnisch geprägten Firmen der Branche, haben Probleme, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen werden. Die größte Herausforderung ist der Fachkräftemangel. Das Handwerk hat seinen Anteil daran, dass unsere TGA-Branche für Berufseinsteiger wenig attraktiv wirkt: Eine Kampagne mit dem Titel „Volles Rohr“ trägt dazu bei, dass die Branche nachhaltig über Jahre weiter mit dem Fäkalwort assoziiert wird.

Wir müssen die Komplexität, Breite und Bedeutung der TGA für die Energiepolitik nach außen transportieren, um Schulabsolventen für eine Ausbildung zu gewinnen. Darüber hinaus haben wir die Aufgabe, unseren jungen Mitarbeitern Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten und sie an unsere Unternehmen zu binden.

Veränderungen und

Chancen durch BIM

Auch technische Herausforderungen erwarten uns in den kommenden Jahren. Das Thema „Building Information Modeling (BIM)“ wird die TGA nachhaltig und massiv in allen Prozessen verändern – von der Vergabe bis zur Abnahme. Mit BIM werden wir aber auch die Chance erhalten, uns von den kleineren Betrieben abzusetzen.

Schlüsselbranche der Energiewende

Mein Fazit lautet daher: Die TGA wird als Schlüsselbranche der Energiewende in den nächsten Jahren ihre Bedeutung im Bauprozess weiter ausbauen. Wir dürfen jedoch aufgrund der aktuellen, guten wirtschaftlichen Situation den kritischen Blick in eine Zukunft mit vielen Aufgaben, Veränderungen, aber auch Chancen nicht vergessen.

Der Kommentar gibt die

Meinung des Autors wieder.

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