KWK in der Backstube

Wärme- und Stromversorgung im Familienbetrieb

Ressourcen sparen, Kosten senken und das Klima entlasten – mit clever vernetzten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und optimierten Prozessen erzeugt Bäckermeister Lüttel Strom und Wärme in einem Schritt. Für ihn bedeutet das eine Energiealternative, die sich rechnet.

Der Energiebedarf von Peter Lüttels Bäckereibetrieb in Lingen ist hoch. Der 36-Jährige führt das Unternehmen mit mehr als 100 Jahren Backtradition in der vierten Generation. Um das Stammhaus mit der Produktion, eine Filiale mit Café und Mit­tagstisch sowie das benachbarte private Wohnhaus sowohl kostengünstig als auch effizient und klimabewusst zu versorgen, hat der Bäcker vor zehn Jahren das Energiesys­tem auf Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) umgestellt. Seitdem erzeugt Peter Lüttel Strom und Wärme dezentral direkt am Ort des Verbrauchs. Mittlerweile sind drei Mikro-KWK-Anlagen „Dachs“ des...
Der Energiebedarf von Peter Lüttels Bäckereibetrieb in Lingen ist hoch. Der 36-Jährige führt das Unternehmen mit mehr als 100 Jahren Backtradition in der vierten Generation. Um das Stammhaus mit der Produktion, eine Filiale mit Café und Mit­tagstisch sowie das benachbarte private Wohnhaus sowohl kostengünstig als auch effizient und klimabewusst zu versorgen, hat der Bäcker vor zehn Jahren das Energiesys­tem auf Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) umgestellt. Seitdem erzeugt Peter Lüttel Strom und Wärme dezentral direkt am Ort des Verbrauchs. Mittlerweile sind drei Mikro-KWK-Anlagen „Dachs“ des Schweinfurter Herstellers SenerTec in den Standorten des Familienunterneh­mens in Betrieb, eine vierte Anlage ist bereits in der Planung.

Die Idee, eine ökologisch wie ökonomisch sinnvolle Alternative zum separaten Bezug von Strom aus dem zentralen Kraft­werk und Wärme aus dem Heizkessel umzusetzen, hatte Peter Lüttel schon, bevor er im Jahr 2000 sein eigenes Geschäft eröffnete: „Ich habe KWK als technikbegeisterter Junge auf einer Messe kennengelernt. Das ist mir im Gedächtnis geblieben“, erzählt er. Denn dass das Einsparpotential die Anfangsinvestition schnell kompensieren würde, war ihm klar.

Doch bis zur Umsetzung musste Peter Lüttel erst einmal Überzeugungsarbeit leisten, auch im eigenen Unternehmen. „Der erste ,Dachs’ ging auf meine Rechnung. ‚Wenn was schief geht, zahlst du das‘, hat mein Vater gesagt, und auch die SHK-Profis hätten mir lieber einfache Thermen aus ihrem Sortiment verkauft“, so Peter Lüttel.

 

Weniger Emission und niedrigere Kosten

Seine Beharrlichkeit zahlte sich aus: Der erste „Dachs“ wurde 2002 im Stammhaus des Be­triebs installiert und rechnete sich schnell. Peter Lüttel schätzt die Amortisationszeit der An­lagen in seinem Betrieb auf etwa dreieinhalb Jahre. Bereits zwei Jahre später kam eine zweite Mikro-KWK-Anlage hinzu und 2009 zog auch in die Filiale ein Kleinkraftwerk ein. Seinen Kollegen aus dem Bäckerhandwerk kann der Lingener Meister die dezentrale Ener­gielösung nur ans Herz legen: „Die Zahlen sprechen für sich. In der Bäckerei sparen wir mit beiden Anlagen gut 10 000 € Energiekosten im Jahr ein, in der Filiale weitere 5000 €“, so Peter Lüttel. Die Kosteneinsparungen berechnen sich aus der Differenz zwischen dem, was er tatsächlich zahlt, und dem, was ihn die gleiche Energiemenge ohne KWK-Technik kosten würde.

Alle Mikro-KWK-Anlagen des Bäckers werden mit Erdgas betrieben und sparen dadurch, dass sie den eingesetzten Brennstoff gleich zweifach nutzen, neben Energiekosten auch Emissionen ein. Ebenso ist der Einsatz von Flüssiggas, Heizöl und Biodiesel möglich. Gerade für Objekte mit einem konstant hohen Wärmebedarf lohnt sich die dezentrale Versorgung mit KWK-Technik.

Die ther­mische Energie wird über Wärmetauscher ausgekoppelt und der Versorgung mit Heizwär­me und Warmwasser zugeführt. Dadurch sinkt der Primärenergiebedarf gegenüber dem ge­sonderten Bezug von Strom und Wärme um gut ein Drittel, der CO2-Ausstoß reduziert sich um etwa 47 %.

 

Brauchwasser statt Strom – clevere Prozessoptimierung

Bei der Umstellung auf die innovative Technik konnte das bestehende Heizsystem weiter­genutzt werden. Als der zweite Dachs angeschlossen wurde, baute Peter Lüttel seine Wärmeversorgung allerdings zum Nahwärmenetz aus und versorgt nun auch das benach­barte Wohnhaus der Familie mit KWK-Wärme aus der Bäckerei. Damit die Anlagen so effizient wie möglich arbeiten und sich ihr Ertrag optimal nutzen lässt, sind zwei Puffer­speicher im Einsatz: Ein Speicher mit 600 l Fassungsvermögen bevorratet Warm­wasser für die Raumwärme, ein weiterer mit 150 l Volumen ist für die Bevorratung des Brauchwarmwassers zuständig. Die Speichertechnologien sind das Herzstück dezentraler Systeme. Sie machen die vor Ort erzeugten KWK-Erträge haltbar und optimieren dadurch die Leistung der Anlagen.

Peter Lüttels Bäckereibetrieb benötigt etwa 125 000 kWh Wärme und 100 000 kWh Strom im Jahr. Insgesamt deckt Peter Lüttel mit der KWK-Technik 95 % des Wärmebedarfs ab und erzeugt darüber hinaus 65 % des Stroms, den er benötigt, selbst. Von Energieversorgern und deren steigenden Preisen ist der Niedersachse als Selbstversorger dadurch unabhängiger.

Für etwaige Bedarfsspitzen ist zusätzlich ein Spit­zenlastkessel im Einsatz, der automatisch einspringt, wenn die Dachse einmal nicht aus­reichend Wärme liefern können. Über die Jahre hat der Bäcker sein Energiesystem immer wieder durchdacht und verbessert. So nutzt er mittlerweile die Abwärme der Anlagen nicht nur für Dusche und Raumheizung, sondern hat auch die energieintensiven Industriespül-, -wasch- und Kaffeemaschinen sowie die Garräume direkt an die KWK-Warmwasserver­sorgung angeschlossen.

Werden diese Energieabnehmer mit vorerhitztem Brauch­wasser statt mit Strom versorgt, sinken für Peter Lüttel die Kosten. Gleichzeitig las­tet er seine Mikro-KWK-Anlagen besser aus. Alle Anlagen laufen ganzjährig und werden regel­mäßig gewartet. Zuletzt hat Peter Lüttel auch die elektrisch beheizten Garräume an sein Nahwär­menetz angeschlossen und dadurch sein dezentrales Versorgungssystem weiter optimiert.

 

Elektroautos als nächtliche Stromabnehmer

Den Strom, den Peter Lüttel mit seinen Kleinkraftwerken erzeugt, nutzt er selbst. Von der Möglichkeit, die Energie gegen eine marktübliche Vergütung ins Netz des lokalen Versor­gers einzuspeisen, macht er keinen Gebrauch. Unabhängig davon erhält er aber wie jeder andere private oder gewerbliche Betreiber von KWK-Anlagen für jede erzeugte Kilowatt­stunde Strom einen gesetzlich festgeschriebenen Bonus von 5,11 Cent.

Im Sommer 2012 hob die Novelle des KWK-Gesetzes den Zuschuss für neu in Betrieb genommene Anlagen um weitere 0,3 Cent an. Damit soll die Attraktivität der Technik gesteigert werden. Seit April 2012 sind zudem über das ausführende Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhr­kontrolle (BAFA) wieder Förderzuschüsse möglich, die zusätzlichen Anreiz für die Investition in KWK schaffen.

Einen kleinen Teil seines selbst erzeugten Stroms musste Peter Lüttel in der Ver­gangenheit einspeisen: Für 9000 kWh gab es einfach keinen Abnehmer im Be­trieb. Da die Anlagen Strom und Wärme stets parallel erzeugen und die Bäckerei am späten Abend und in der Nacht nur wenig Strom benötigt, hat Peter Lüttel eine Lösung gesucht, mit der die Anlagen durchlaufen können und der Strom dennoch vor Ort genutzt werden kann, statt ins Netz zu fließen: „Das kommt in Zukunft nicht mehr vor, denn mit dem KWK-Strom, den wir nicht direkt nutzen können, laden wir nun abends unser Elektroauto auf.“ So lässt sich der Stromüberschuss sinnvoll zwischenspeichern. Zudem sind Elektrofahrzeuge mit emissionsarmem KWK-Strom doppelt klimafreundlich unterwegs.

An diesem Punkt will der Bäckermeister weiter ansetzen. Sein Ziel ist eine Elektroautoflotte mit drei Fahrzeugen bis Jahresende.

Fazit

Das unermüdliche Engagement des Jungunter­nehmers zahlt sich indes nicht allein in niedrigen Betriebskosten und vermiedenen Emissionen aus, sondern ist auch preisgekrönt: Im Wettbewerb „Grünes Haus 2012 – Industrie und Gewerbe“ zeichnete die Jury Peter Lüttels Bäckerei für die hervorragende Abwärmenutzung mit dem ersten Platz aus.

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