Dynamische Architektur
Architektur vernetzt gestaltenDie Grenzen zwischen Architektur, Technischer Gebäudeausrüstung, Produktdesign und Informationstechnik sind mittlerweile fließend geworden und erfordern eine neue Gestaltungsphilosophie technischer und inhaltlicher Art. Wer aber gestaltet aktiv moderne technische Systeme, die in zunehmendem Maß integraler Bestandteil der Architektur werden?
Eine fragwürdige Grenze
Der Begriff Architektur geht im Kern auf zwei altgriechische Wörter zurück, aus denen er zusammengesetzt ist:
1. αρχη (archê: Anfang, Herrschaft, Ursprung) und
2. τεχνη (technê: Können, Kunst, Kenntnis, Geschicklichkeit] [1]
Der Begriff αρχη (archê) verkörpert dabei im Ursprung die philosophische Suche nach einem ersten Prinzip, mit dessen Hilfe alles Seiende nicht mehr mythologisch sondern rational (d. h. wissenschaftlich) erklärt werden kann.
Der Begriff τεχνη (technê) wird als vielfältiges menschliches Handeln verstanden, welches in über- und untergeordnete Ziele organisiert ist. An der Spitze steht ein letztes Ziel, nämlich das geglückte Leben des Einzelnen im Einheitsganzen der πολις [polis: Stadt, Staat, Stadtstaat]. Der Bedeutungsinhalt von Architektur ergibt sich demzufolge aus Fragestellungen formaler und inhaltlicher Art unter denen Bauwerke bzw. Städte mit Hilfe der Technik ihre reale Gestalt erhalten. Diesem Inhalt ist der Architekt vorrangig verpflichtet, wenn er als Entwurfsverfasser „für die Vollständigkeit und Brauchbarkeit seines Entwurfs verantwortlich“ [2] gemacht wird.
Mit der Trennung von Kunst und Wissenschaft im 17. und 18. Jahrhundert koppelt sich der Architekturentwurf weitestgehend vom naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt ab und überlässt dieses Gebiet den Ingenieuren. Der Mechanik des Isaac Newton folgen die Theorien der Thermodynamik und die der Elektrodynamik, aus denen schließlich die moderne Atom- bzw. Kernphysik hervorgehen. Diese Entwicklung bringt nicht nur eine Vielzahl bahnbrechender Erkenntnisse mit sich, sondern verursacht den enormen technischen Fortschritt, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Stichwort (Gebäude-)Technik zunehmend Einzug in die Bauprogramme erfährt. Die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft stellt sich insofern als eine Grenze dar, auf deren einen Seite Architekten für Form und Inhalt des Bauwerks verantwortlich sind, auf der anderen Seite Bau-, Maschinenbau-, und Elektroingenieure für den wissenschaftlich gesicherten Stand der Technik.
Methoden der integralen Planung
Wenn aber das Bauwerk heute in zunehmendem Maße unter komplexen thermodynamischen Gesichtspunkten gestaltet werden muss, wird diese Grenze unscharf. Und wenn über automatische Systeme nahezu jeder Teil eines Bauwerks elektrodynamisch vernetzt bzw. in Bewegung gesetzt wird, ist die Grenze obsolet geworden. Die MBO trägt zwar scheinbar den veränderten Rahmenbedingungen des Architekturentwurfs Rechnung, denn „hat der Entwurfsverfasser auf einzelnen Fachgebieten nicht die erforderliche Sachkunde und Erfahrung, so sind geeignete Fachplaner heranzuziehen“. Der Entwurfsverfasser bleibt aber trotzdem „für das ordnungsgemäße Ineinandergreifen aller Fachplanungen verantwortlich.“
Was im Einzelnen unter Fachplanung im Hochbau zu verstehen ist, lässt sich sehr gut anhand der HOAI 2009 ablesen. Neben der Objektplanung des Architekten und so genannten Beratungsleistungen wie z. B. die Thermische Bauphysik, werden als eigentliche Fachplanungen zum einen die Tragwerksplanung und zum anderen die Fachplanung der Technischen Ausrüstung differenziert. Wie ist aber das von der MBO geforderte, „ordnungsgemäße Ineinandergreifen“ genau zu verstehen? Nur als eine organisatorische Aufgabe die der Architekt unter dem Stichwort Integrale Planung als eine Art Organisationsfachmann lösen kann? Über welche substantiellen Methoden erhalten Bauwerke letztlich ihre reale Gestalt?
Die integrale Zusammenarbeit von Architekten erfolgt in erster Linie durch einen Vorentwurf des planenden Architekten. Aus methodischer Sicht erhalten hier die technischen Systeme der (Bau-)Technik mit Hilfe von Bauzeichnungen eine erste einfache symbolische Struktur bzw. Form. Eine klassische Dreitafelprojektion oder ein 3D-Volumenmodell sagen aber nur sehr wenig über die technischen Systeme der (Gebäude-)Technik aus. Hier ist das Funktionsschema bzw. Prinzipschaltbild (Bild 2) die Methode, mit deren Hilfe diese Systeme eine erste symbolische Struktur bzw. Form erhalten. Und genau an diesem Punkt entsteht ein gewisses Vakuum im klassischen Architekturentwurf. Denn dieser Teilbereich eines Bauwerks beinhaltet nicht nur die oben genannten Prinzipien der Thermodynamik, sondern auch die der Elektrodynamik. Deshalb will auch dieser Teilbereich eines Bauwerks nicht nur integral organisiert sondern formal und inhaltlich gestaltet werden, um damit die Einheit eines Bauwerks überhaupt verantworten zu können.
Ein erstes Prinzip der Gestaltung
Es ist in der Vergangenheit originäre Aufgabe des Architekten gewesen, ein erstes Prinzip zu bilden, unter dem alle technischen Systeme zu einer formalen- und funktionalen Einheit gestaltet werden können. Unter dem Begriff Technik ist deshalb heute eine Datenleitung genauso zu subsumieren wie ein Mauerstein. Selbstverständlich bleibt die Form als gestaltete Summe aller Räume das Substantielle, aber sie ist anderer Art geworden: Die Form ist nicht mehr ein statisches, räumliches Gebilde, sondern ein dynamischer, lebendiger Organismus. Sie ist Gegenstand von Kunst und Wissenschaft (Bild 3). Die Grenze zwischen beiden Bereichen ist nichts Gegebenes, wie ein kurzer Blick in die Vergangenheit des Bauens zeigt:
Die formale und inhaltliche Gestaltungskraft eines bildenden Künstlers können durchaus einhergehen mit einem naturwissenschaftlicher Forschergeist und dem Erfindungsreichtum eines Ingenieurs. Als Architekt und Ingenieur verkörpert der Baumeister der Renaissance einen Gestaltertypus den ein ganz bestimmtes Lebensgefühl leitet: Eine starke Faszination für technischen Fortschritt mit dem Menschen im Mittelpunkt aller Überlegungen. Dieser Gestaltertypus wird wieder dringend für die Aufgaben des 21. Jahrhunderts gebraucht. Das setzt allerdings voraus, das wir im Prinzip wieder „näher an eine Theorie über das Menschsein herankommen, die den Arten von Bewusstsein und Selbstbewusstsein gerecht wird, die für uns als kulturelle und nicht nur natürliche Wesen spezifisch sind.“ (Robert Brandom)
Hintergrund
Technologische Vielfalt, sowie die digitale Vernetzung aller Gewerke ermöglichen völlig neue Vorgehensweisen und Lösungsansätze am Bau. DIAL setzt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Herausforderung einer neuen Betrachtungsweise des Bauens auseinander und richtet den Fokus speziell auf den Grenzbereich zwischen Architektur und Technik. Dabei erfolgt die Betrachtung aller technischen Systeme nicht mehr isoliert voneinander sondern Gewerke übergreifend und vernetzt. ⇥n
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