Die Qualität von Bauprojekten wird maßgeblich in der frühen Projektphase bestimmt. Gerade in der Definition von Anforderungen liegt jedoch eine zentrale Herausforderung: Projektbeteiligte müssen komplexe, interdisziplinäre Inhalte strukturiert, vollständig und zugleich entscheidungsfähig formulieren. In der Praxis führt dies häufig zu unklaren Leistungsbildern, iterativen Nachschärfungen sowie zu erhöhten Kosten- und Terminrisiken.
Zu Beginn des Prozesses werden Nutzungsanforderungen und organisatorische Rahmenbedingungen strukturiert erfasst und für die weitere Planung aufbereitet.
Bild: Define & Deliver / konektor.com
Anforderungsdefinition durch KI-Agenten
Hier setzt die Einbindung Künstlicher Intelligenz an: Durch den gezielten Einsatz von KI-Agenten können Teilprozesse der Anforderungsdefinition von spezialisierten digitalen Experten übernommen werden. Diese Agenten bearbeiten klar abgegrenzte Aufgabenstellungen und liefern strukturierte Ergebnisse.
Mensch evaluiert und steuert
Qualitätsanforderungen an Gebäude und Infrastruktur lassen sich frühzeitig definieren und in den weiteren Planungsprozess integrieren.
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Im Unterschied zu klassischen digitalen Werkzeugen agieren KI-Agenten nicht nur unterstützend, sondern übernehmen eigenständig klar abgegrenzte Aufgabenbereiche. Sie sind auf spezifische Fragestellungen trainiert, etwa auf die Erstellung von Raumprogrammen, die Definition von Ausbauqualitäten oder Kosten- und Terminableitungen, und liefern dabei konsistente Ergebnisse. Der Mensch bleibt zentraler Entscheidungsträger, greift jedoch erst nachgelagert ein, indem er Ergebnisse validiert und strategische Anpassungen durchführt. Dadurch verschiebt sich die Rolle des Experten von der manuellen Erstellung hin zur qualifizierten Bewertung und Steuerung.
Simultane integrale Anforderungserstellung
Ein wesentlicher Vorteil dieses Ansatzes liegt in der Parallelisierung und Spezialisierung von Aufgaben. Während in traditionellen Prozessen Anforderungen häufig sequenziell und isoliert entwickelt werden, können KI-Agenten unterschiedliche Aspekte gleichzeitig bearbeiten und miteinander verknüpfen. So entsteht frühzeitig ein Gesamtbild, das funktionale, qualitative und technische Anforderungen integriert zusammenführt.
Paradigmenwechsel der Vergabe
Für den Vergabeprozess ergibt sich daraus ein grundlegender Paradigmenwechsel: Bieter reagieren nicht mehr auf unvollständige oder interpretationsbedürftige Leistungsbeschreibungen, sondern entwickeln auf Basis klar definierter Anforderungen konkrete Angebotsmodelle. Diese sind vergleichbar, überprüfbar und direkt bewertbar. KI kann hierbei wiederum unterstützend eingesetzt werden, um Angebote automatisiert zu analysieren und Abweichungen transparent zu machen.
Konkrete Auswirkungen auf die TGA
Anforderungen an Ausstattung und Qualitätsniveau können für einzelne Gebäudebereiche differenziert festgelegt werden.
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Für die Technische Gebäudeausrüstung ergibt sich insbesondere durch die Bereitstellung eines konsistenten IFC-Modells ein wesentlicher Mehrwert. Da sämtliche Anforderungen bereits strukturiert im Modell hinterlegt sind, können TGA-Planer und ausführende Unternehmen unmittelbar darauf aufbauen und ihre Fachmodelle ohne Medienbrüche entwickeln. Anstelle einer Überführung von textlichen Leistungsbeschreibungen in planbare Inhalte steht damit von Beginn an eine modellbasierte Arbeitsgrundlage zur Verfügung.
Praxisbeispiel: „Define & Deliver“
Am Beispiel der von der Formitas mitentwickelten App „Define & Deliver“ wird deutlich, wie sich solche Agenten systematisch in den Gesamtprozess integrieren lassen. Die App macht sich gezielt den Ansatz von KI-Agenten zunutze, indem die Gebäudekonfiguration durch mehrere spezialisierte Agenten erfolgt, die jeweils klar abgegrenzte Aufgaben übernehmen.
Aus den definierten Anforderungen entsteht ein datenbasiertes Raumprogramm als Grundlage für Planung, Ausschreibung und Vergabe.
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- Räumliche Basis: Der erste KI-Agent übersetzt die Nutzungsanforderungen des Bauherrn in eine strukturierte Raumkonfiguration. Auf Basis von Angaben zu Nutzerzahlen, Organisationsstrukturen und funktionalen Zusammenhängen entwickelt er ein belastbares Raumprogramm mit definierten Raumtypen und Flächen. Dadurch wird aus einer zunächst abstrakten Beschreibung der Nutzung eine konkretisierte, räumlich fassbare Grundlage. Diese dient als Ausgangspunkt für alle weiteren Planungsschritte.
- Integration konkreter Anforderungen: Nach einer Validierung und Anpassung dieser Grundlage baut ein zweiter KI-Agent auf dieser Raumstruktur auf und überträgt qualitative Zielsetzungen systematisch in konkrete Anforderungen. Vorgaben zu Komfort, Nachhaltigkeit oder technischen Standards werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern gezielt auf die einzelnen Räume angewendet und weiter ausdifferenziert. Das Ergebnis ist eine konsistente Verknüpfung von funktionalen und qualitativen Anforderungen, die insbesondere für die technische Planung und spätere Ausschreibung eine hohe Aussagekraft besitzt.
- Analyse der Auswirkungen auf Kosten und Zeitplan: Der dritte KI-Agent unterstützt den Entscheidungsprozess durch kontinuierliche Rückkopplung. Er analysiert die Auswirkungen von Anpassungen in der Konfiguration in Bezug auf Kosten und Realisierungszeiträume und macht diese unmittelbar transparent. Dadurch werden Zielkonflikte frühzeitig sichtbar, und der Bauherr kann fundierte Entscheidungen treffen, bevor sich diese in späteren Projektphasen kostenintensiv auswirken.
Im Zusammenspiel dieser spezialisierten KI-Agenten entsteht schrittweise ein stabiles datenbasiertes Gebäudemodell, das als Fundament für die anschließende TU-Vergabe (Totalunternehmer) dient. Das Beispiel „Define & Deliver“ verdeutlicht damit, wie KI nicht nur einzelne Arbeitsschritte optimiert, sondern ganze Prozesslogiken neu strukturiert. Insbesondere im Kontext von Ausschreibungen und Vergaben entsteht so eine belastbare, transparente und datenbasierte Grundlage, die sowohl die Planungsqualität als auch die Effizienz der Projektabwicklung nachhaltig verbessert.
Restrukturierung von Prozesslogiken
Insgesamt zeigt sich, dass der Einsatz von KI-Agenten die Vergabe- und Angebotsphasen grundlegend verändert. Die Aufteilung komplexer Aufgaben in spezialisierte, automatisierbare Teilprozesse ermöglicht eine neue Qualität der Anforderungsdefinition. Der Mensch bleibt integraler Bestandteil des Prozesses, agiert jedoch stärker als steuernde und validierende Instanz.
