Für die Vernetzung offen

Wie ein Rathaus mit einem Netzwerk kommuniziert

Systemverteiler bilden den Kern der Gebäudetechnik des Neuen Rathauses von Pforzheim, das derzeit saniert wird. Die Automatisierungstechnik mit BACnet-Controllern bietet die Flexibilität, Offenheit und Interoperabilität, die nicht zuletzt mit Blick auf ein künftiges stadtweites Facility Management gefordert wird.

Das Neue Rathaus der international bekannten „Schmuckmetropole“ Pforzheim erfährt derzeit umfassende Sanierungsmaßnahmen, die Ende 2011 begonnen wurden und bis Ende 2015 andauern werden. Im Rahmen dieses Vorhabens wird auch die gesamte elektrotechnische Infrastruktur des Gebäudes erneuert. Daran beteiligt sind drei Pforzheimer Unternehmen: Mit der Planung und Ausschreibung der brandschutztechnischen Sanierung wurde das Planungsbüro für Elektrotechnik Volker Wörtz beauftragt. Eckert Elektro zeichnet für die Installation der Elektroanlagen verantwortlich, und ib company, Spezialist für liegenschaftsübergreifende Vernetzungen, liefert und errichtet die gesamte Gebäudeautomation.

Der „Solution-Provider“ von Wago wurde deshalb von der Stadt zusätzlich damit beauftragt, ein Konzept für ein stadtweites Fa­cility-Management-Netzwerk zu entwickeln. Pforzheim verwaltet über 250 Liegenschaften mit unterschiedlichen gebäude­technischen Anlagen. Das Problem: Bei diesen sind vielfach proprietäre Automationssysteme im Einsatz – mit den damit verbundenen Abhängigkeiten. Das Ziel ist eine Ver­einfachung auf der Feld-, Auto­mations- und Leitebene sowie eine Interoperabilität der Sys­teme. „Um den Wettbewerb nicht einzuschränken, haben wir uns bewusst gegen ein proprie­täres System entschieden“, erklärt Rainer Störzen­ecker, Bauherrenvertreter der Stadt Pforzheim.

Erfahrung und Flexibilität ausschlaggebend

Die Sanierungsarbeiten im Rathaus erfolgen in mehreren Bauabschnitten. Jan Kühner ist im Planungsbüro Wörtz zuständig für die Bauleitung vor Ort. Er schildert die Vorgehensweise: „Die in dem jeweiligen Sanierungsabschnitt liegenden Büros werden auf andere Räume innerhalb des Rathauses verteilt. Nach der Sanierung ziehen sie wieder an die alte Stelle zurück.“

Das modular aufgebaute und feldbusunabhängige „I/O-System 750“ bildet die Basis der neuen Gebäudetechnik. „Wago hat unterschiedliche Controllertypen im Programm, auch für Bacnet, und bietet zudem ein sehr gutes Preis-/Leistungsver­hält­nis. Durch die Modularität der Hardware sind die Systeme einfach erweiterbar. Ausschlaggebender Punkt war aber die langjährige Erfahrung von Wago in der Gebäudeautomation und die hohe Schnittstellenflexibilität der Produkte“, sagt Matthias Zeh, Geschäftsführer von ib com­pany.

Für das Neue Rathaus in Pforzheim wurden zwei Standardtypen von Systemverteilern definiert. Die Standardisierung erfolgte, um im Servicefall einen Verteiler schnell austauschen zu können. Sowohl Typ 1 als auch Typ 2 sind mit einem Bac­net-Controller sowie mit Dali- und EnOcean-Busklemmen aus­gestattet. Mit Typ 1 lässt sich zusätzlich die Temperatur steuern und regeln. Die Wago-Con­troller übermitteln zudem Störmeldungen, bereiten Daten von Elektro- und Wasserzählern auf und geben sie an das Gebäudeleitsystem weiter.

Wago hat 27 Systemverteiler vom Typ 1 und acht vom Typ 2 steckerfertig geliefert. Das „Winsta“-Steckverbindersystem von Wago gewährleistet einen schnellen und fehlerfreien Anschluss, da es optimal auf die Anforderungen in der Gebäudetechnik ausgelegt ist. Es macht die Elektroinstallation steckbar und dadurch sicher. Nach Abschluss der Sanierung werden die 35 Controller rund 10 000 Datenpunkte verwalten.

Dezentraler Aufbau

Die Systemverteiler, die jeweils sechs bis acht Büroräume verwalten, sind in den Etagendecken der Flure untergebracht. „In den Fluren wird die Beleuchtung präsenzabhängig gesteuert. Ist sie zu gering, kann zusätzlich über örtliche Taster das Licht von Hand geregelt werden“, erläutert Andreas Mürle.

Der System­inte­grator und Programmierer von ib company realisiert die Gebäudeautomation im Neuen Rathaus.

In den Büroräumen wird an jeder Decke ein Multideckensen­sor über Dali angesteuert. Der Wago-Controller liest den Hellig­keits­wert und die Präsenz per­ma­nent aus. Bei Betreten des Raums können die Beleuchtung per EnOcean-Taster eingeschaltet und die Helligkeit angepasst werden. Die Konstantlichtrege­lung reguliert das Licht am Arbeitsplatz permanent.

Wird keine Anwesenheit mehr festgestellt, schaltet die Beleuchtung selbstständig aus. Die Heizungsregelung wird ebenfalls über EnOcean realisiert. In jedem Raum ist ein entsprechender Regler vorhanden, der die Temperatur misst. An ihm kann auch eine Sollwertverschiebung vorgenommen werden.

Der Wago-Controller steuert dann die Heizungsventile an. Die Bacnet-Controller kommunizieren via Bacnet/IP über ein Ethernet-Netzwerk mit der Gebäudeleittechnik. Die Stadt Pforzheim setzt auf dieses Protokoll, um die gewünschte Interoperabilität zu gewährleisten und damit die leidige Schnittstellendiskussion zu beenden.

Übergreifendes Netzwerk geplant

Das Neue Rathaus ist zusammen mit vier weiteren Gebäuden Teil eines bis Ende 2014 laufenden Pilotprojekts für ein Facility-Manage­ment-Netzwerk. Kommuni­kationsbasis ist auch hier Bacnet/IP. Die Konzeption dafür stammt von ib company. Auf lange Sicht sollen alle Liegenschaften der Stadt miteinander vernetzt werden. Die Vorgabe sind nicht proprietäre Lösungen für die Gebäudeautomation, die eine größtmögliche Offenheit mit Blick auf wirtschaftliche Betriebs- und Unterhaltskosten bieten. „Wago stellt auf der Automationsebene alle Schnittstellen zu den Subsystemen auf der Feldebene und zur Leitebe­ne zur Verfügung“, betont Matthias Zeh.

Eine vergleichbare standort­weite Vernetzung setzt ib company aktuell bei einer großen baden-württembergischen Bank um. „Diese Referenz zeigt, dass das Ganze machbar ist. Auch hier ist viel Wago-Technik im Einsatz“, erklärt der ib-company-Geschaftsführer abschließend.

Tobias Hummel, Technischer Vertriebsberater, Wago Kontakttechnik GmbH & Co. KG

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