Regenwasser in der Industrie
Sparpotentiale bei Ressourcen, Energie und BetriebskostenWährend es im Wohnhaus bei der Regenwassernutzung meist um den Ersatz von Trinkwasser bei Toilettenspülung und bei Bewässerung geht, sind in der Industrie die Verwendungsmöglichkeiten infolge der großen Dachflächen vielfältiger. Allein bei Kühlung mit Regenwasser anstelle von Trinkwasser entstehen mehrfach Vorteile. Die Gebühr für das Trinkwasser und für die Ableitung von Niederschlagswasser entfällt. Regenwasser muss nicht enthärtet bzw. entsalzt werden und spart so weitere Betriebskosten für Aufbereitung von Trinkwasser und für Ableitung von Abwasser. Darüber hinaus bedeutet die Vermeidung der damit verbundenen Stoffströme und der erforderlichen Energie praktizierter Umwelt- und Klimaschutz.
Strom- und Wassergebühren sparen
Wenn Trinkwasser zur Kühlung verdunstet werden soll, wie früher auch bei Frei Lacke, muss ein wartungsintensiver Aufbereitungsprozess vorgeschaltet werden, der sowohl Geld als auch Nerven kostet. Hans-Peter Frei kann ein Lied davon singen. Der gelegentliche Ausfall der Enthärtungsanlage hat jedes Mal zu einem teuren Stopp der Produktion geführt. Insbesondere in Zeiten der Hochkonjunktur war es Stress pur für Hans-Peter Frei, auf Instandsetzung dieser Anlage zu warten und neben den Extrakosten für den Service auch die ohnehin hohen Betriebskosten der Enthärtung bzw. Entsalzung von Trinkwasser zahlen zu müssen. Heute, nach Umbau der Technik in Eigeninitiative, spart der Lackhersteller sechs verschiedene Kostenkomponenten:
Die Investition in die Regenwassertechnik sei relativ gering gewesen, da Filter, Speicher, Pumpen und Armaturen bzw. Leitungen in der benötigten Größenordnung einfache Standardware seien und die Montage von werkseigenem Personal erledigt werden konnte – so Hans-Peter Frei rückblickend. Seiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass in allen Industriebetrieben kombinierte Energie- und Wasserkonzepte realisiert werden. Bei Modernisierungs- und Umbaumaßnahmen bieten sich die besten Chancen, weiß er aus Erfahrung.
Projektziel: Heizöl sparen
Mit dem ersten Öko-Audit 1996 begann Emil Frei Lacke in Döggingen/Schwarzwald, die Produktion zu optimieren und in den Folgejahren in diesem Sinne die Gebäudetechnik zu verbessern. Regenwasser von den Dächern dient seit mehr als 15 Jahren zur Kühlung und zur WC-Spülung. Während der Planung des neuen Logistikzentrums im Jahr 2009 wurden zusätzlich verschiedene Heizsysteme durchgerechnet. Der Löschwassertank ist nun Teil eines ausgeklügelten Systems im Keller des Gebäudes. Hier befindet sich auch die Heizzentrale mit einer Wasser-Wärmepumpe und einem Wärmetauscher. Er entzieht dem Zisternenwasser, das in unterschiedlichen Prozessen in der Pulverlackproduktion auf 18 °C erwärmt wurde, Wärme bis auf 15 °C. Gleiches geschieht mit dem Rücklauf des 30 °C warmen Kühlwassers aus der Flüssiglackproduktion. Auf 40 °C erwärmtes Wasser verlässt den Wärmetauscher und sorgt im Winter für angenehme Arbeitstemperaturen in den Räumen. Umgekehrt sorgt das System im Sommer für die Kühlung der Räume und ganzjährig für die Kühlung von Maschinen. „Bis 0 °C Außentemperatur müssen wir überhaupt nicht mehr mit Öl zu heizen“, freut sich Geschäftsführer Hans-Peter Frei. „Für uns ist das eine wirtschaftliche und nachhaltige Investition“. Allein in den ersten sechs Betriebsmonaten hat die von ihm konzipierte Technik schon 42 421 l Heizöl oder umgerechnet 23 331 € eingespart. Die Anlage wird sich voraussichtlich nach fünf Jahren amortisiert haben.
Zielsetzung Regenwasserbewirtschaftung
Das auf den Dachflächen anfallende Regenwasser wird bei Hüttinger Elektronik in Freiburg in einer 300 m³ großen Zisterne gespeichert und in Kühltürmen eingesetzt. Martin Lienhard, Leiter der technischen Abteilung beim Speicherlieferant Mall GmbH in Donaueschingen, spricht von einer Synergie aus Regenwasserbewirtschaftung und Energieeinsparung: „Der Verzicht auf die sonst übliche Kältemaschine spart elektrische Energie.“ Bei der Raumluftkühlung bedeutet das nach Angabe des Betreibers eine Reduktion von umgerechnet 318 t CO2, entsprechend 56 664 l Heizöl pro Jahr. Bei der Produktionskühlung mit erhöhter Temperatur und ebenfalls dem Verzicht auf eine Kältemaschine ist das Äquivalent 551 t CO2 entsprechend 98 147 l Heizöl. So lassen sich durch das Kühlen mit Regenwasser Kosten für Trink- und Abwasser und darüber hinaus Ausgaben für Energie sparen – und die damit einhergehende Klimabelastung vermeiden.
Als ideal gilt die Kombination von Regenwasserteich und Photovoltaik. Die Solar-Fabrik in Freiburg bewirtschaftet seit 15 Jahren 100 % des Niederschlags auf dem eigenen Grundstück. Ein Teil davon ist die Umwälzanlage mit Wasserlauf und Teich direkt vor der Südfassade des Verwaltungsgebäudes, zu beiden Seiten des Haupteingangs. Die Wasserfläche wirkt als Spiegelteich. Sie reflektiert das Sonnen- und Himmelslicht in das verglaste Bauwerk. Dabei erhalten die Photovoltaikmodule in der Fassade mehr Einstrahlung. Zugleich erhöht die Verdunstung entlang der Fassade die Stromausbeute, da die Stromerzeugung in kühlerer Umgebung höher ist – ein Synergieeffekt aus Regenwasserbewirtschaftung und Energieproduktion.
Baugenehmigungsbedingte Regenwassernutzung
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT) und der Deutsche Arbeitgeberverband (BDA) haben 1999 zusammen einen Neubau am Mühlendamm in Berlin-Mitte bezogen. 100 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Die gesammelten Niederschläge werden ganzjährig im Gebäude für die Toilettenspülung im nicht öffentlichen Bereich genutzt. Außerdem wird der Feuerlöschvorrat für die Sprinkleranlage damit gewährleistet.
Zahlen zum Kosten-/Nutzen-Verhältnis der Anlage liegen nicht vor. Davon war die Entscheidung zum Einbau der Regenwasserbewirtschaftung bei diesem Verwaltungsgebäude wahrscheinlich nicht abhängig. Vielmehr war die Rückhaltung und Nutzung eine Bedingung, um überhaupt hier bauen zu dürfen. Ebenso verhält es sich bei den großen Liegenschaften am Potsdamer Platz, die Sony und Daimler-Chrysler damals in Auftrag gegeben hatten – oder bei der Nürnberger Versicherung in der City von Nürnberg. Auch Wisch in Staaken ist ein solches Beispiel, bei dem man die Investition in eine Regenwassertechnik unter Baukosten verbucht hat und sich damit eine Amortisationsrechnung erübrigt. Betriebskosten werden unter diesen Voraussetzungen vom ersten Tag an gespart.
Literaturempfehlung
[1] Regenwasserbewirtschaftung und Niederschlagswasserbehandlung, Planerhandbuch. (Hrsg.:) Mall GmbH, Donaueschingen, 2014. [2] Ratgeber Regenwasser, für Kommunen und Planungsbüros. Rückhalten, Nutzen, Versickern und Behandeln von Regenwasser. (Hrsg.:) Mall GmbH, Donaueschingen, 5. Auflage, 2014.Jetzt Artikel freischalten:
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