Hygienelüftung für Wohnungen
Autorenkorrektur auf Basis neuer ErkenntnisseDurch den VW-Skandal richtet sich das Augenmerk verstärkt auf die Schadstoffbelastung in verkehrsreichen Gebieten. Das Umweltbundesamt schätzt den Anteil der verkehrsnahen Stationen mit NO2-Grenzwertüberschreitungen im Jahr 2015 auf ca. 60 % [1]. Die jährliche Auswertung von NO2 (Stickstoffdioxid) [2] macht die Unterschiede zwischen städtischem, vorstädtischem und ländlichem Gebiet mit den Meßstationsarten Verkehr, Hintergrund und Industrie deutlich. Auf dieser Grundlage ist ein „Mehr“ an Außenluftvolumenstrom kritisch zu sehen.
„Die Außenluftqualität kann näherungsweise berücksichtigt werden. Für die Außenluft als Zuluft wird im Normalfall ein Wert von 400 ppm zugrunde gelegt. In verkehrsreichen Gebieten empfiehlt sich ein Wert von 600 ppm zu verwenden.“
Hierzu möchte der Autor korrigieren:
Jüngste Untersuchungen, z. B. auch von Greenpeace in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg [3 und...
„Die Außenluftqualität kann näherungsweise berücksichtigt werden. Für die Außenluft als Zuluft wird im Normalfall ein Wert von 400 ppm zugrunde gelegt. In verkehrsreichen Gebieten empfiehlt sich ein Wert von 600 ppm zu verwenden.“
Hierzu möchte der Autor korrigieren:
Jüngste Untersuchungen, z. B. auch von Greenpeace in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg [3 und 4] oder die TV-Sendungen bei Arte [5] und ZDF [6], haben gezeigt, dass in verkehrsreicher Umgebung die Außenluft u.a. durch Feinstaub, Stickstoffdioxid und Benzol teilweise in unzulässiger Weise belastet ist. Die Überschreitung der Grenzwerte für NO2 in deutschen Städten ist so hoch, dass die EU-Kommission ein Mahnschreiben am 18.6.2015 an ein Bundesministerium zur Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens veranlasst hat. Anfang Februar 2016 hat die EU-Kommission aufgrund der neuen Abgastestmethode eine 2,1fache Grenzwertüberschreitung von NOx bei Neufahrzeugen mit knapper Mehrheit auf Druck der Autoindustrie genehmigt. Die Universität Bern [7] stellte dagegen statistisch signifikant fest, dass an einem Wohnort in der Nähe von Autobahnen oder großen Straßen Kinder ein bis zu doppelt so hohes Risiko an Leukämie zu erkranken haben. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes gibt es in Deutschland jährlich im Schnitt rund 47.000 vorzeitige Todesfälle infolge der zu hohen Feinstaubbelastung. Die Europäische Umweltagentur gibt für das Jahr 2012 10.400 vorzeitige Todesfälle durch die NO2-Belastung an [8].
Es ist also anzunehmen, dass bei einem hohen CO2-Wert in verkehrsreichen Gebieten auch andere gesundheitsgefährdende Schadstoffe in der Luft enthalten sind. Der vorgeschlagene Einsatz von 600 ppm als Zuluftkonzentration würde einen höheren Volumenstrom ergeben, der bei ungefilterter Außenluft in solchen Fällen zu einer Verschärfung der Situation beitragen könnte, was besonders für die üblichen Abluftanlagen nach DIN 1946-6 oder DIN 18017-3 gilt. In der Nähe von Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen sollte man daher die Wohnraumlüftung mit freier Nachströmung überdenken, solange die Politik keine effektiven Schritte gegen die Schadstoffbelastung durch Autoabgase unternimmt (vgl. [9]). Denkbare lüftungstechnische Maßnahmen wären z. B.:
Zufuhr gefilterter Außenluft mit einem geeigneten Filter. Die DIN EN 13779 für Nichtwohngebäude sieht bei schlechter Außenluftqualität (ODA-Wert) bessere Filtertypen vor. Warum sollte das bei der Wohnraumlüftung anders sein? Empfohlene Filterklassen sind auch in der VDI 6022 enthalten.
Reduzierung der Außenluftmenge auf Mindestlüftung (4 l/(s Pers.)) statt der doppelt so hohen Nennlüftung oder nur auf Lüftung zum Feuchteschutz.
Bedarfsregelung in jedem Raum. Insbesondere die Regelung mit einem CO2-Sensor sollte entsprechend ergänzt werden. Die Regelung darf nicht dazu führen, dass bei höheren CO2-Konzentrationen in der Außenluft der Volumenstrom angehoben wird, wenn zu vermuten ist, dass mit den höheren CO2-Konzentrationen auch gesundheitsgefährdende Schadstoffe enthalten sind. Dabei wird angenommen, dass CO2 auch ein Indikator für Autoabgase ist. Vorteilhafter wäre natürlich ein entsprechender Mischgas-Außensensor.
Ansaugung nur von der straßenabgewandten Seite.
Nur früh morgens lüften, kurz vor der Rush Hour.
Luftreinigungsgeräte aufstellen.
Die beiden letzten Punkte beziehen sich auf Räume, die nur die Möglichkeit einer Fensterlüftung haben.
Mit diesen Maßnahmen verbundene Mehrkosten sind der aktuellen Umweltbelastung geschuldet. Weiterhin besteht noch Forschungsbedarf, inwieweit und unter welchen Umständen sich die Schadstoffe im Raum von selbst abbauen. Dazu wäre es notwendig, dass verstärkt in Wohnungen zu verschiedenen Zeiten gemessen wird.
Aufgrund vorgenannter Untersuchungen kann nicht immer gewährleistet sein, dass das Lüften mit Außenluft gesundheitlich zuträglich ist. Der planende Ingenieur muss seinen Auftraggeber auf diesen Umstand hinweisen.
Literatur
[1] Luftqualität 2015. Vorläufige Auswertung. www.umweltbundesamt.de/publikationen/luftqualitaet-2015 [2] Jährliche Auswertung NO2 (Stickstoffdioxid) - 2015. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/2294/publikationen/no2_2015.xlsx [3] Michael Weiland, 04.10.2015: Dicke Luft in deutschen Städten www.greenpeace.de/themen/energiewende/fossile-energien/dicke-luft-deutschen-stadten [4] Greenpeace misst viel zu hohe Stickstoffdioxid-Werte. rbb-online.de > Politik [5 Dicke Luft – Wenn Städte ersticken. TV-Sendung bei ARTE am 26.01.2016 um 20:15 Uhr [6] Die Abgaslüge. TV-Sendung im ZDF-Magazin Frontal21 am 16.02.2016 um 21:00 Uhr [7] AKR, Universität Bern, 04.11.2015: Autobahnen steigern Krebsrisiko bei Kindern. Größeres Leukämierisiko durch Verkehrsabgase an Wohnorten neben stark befahrenen Straßen. www.scinexx.de: Das Wissensmagazin [8] Europäische Umweltagentur: http://www.eea.europa.eu/de/pressroom/newsreleases/zahlreiche-europaeer-sind-immer-noch/vorzeitige-todesfaelle-durch-luftverschmutzung [9] Im Kern gesund. 10 Maßnahmen für eine gesunde Mobilität in Deutschlands Stadtzentren. Greenpeace e.V. V.i.S.d.P.: Daniel Moser. www. greenpeace.deJetzt Artikel freischalten:
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