BIM-Fachkongress mit rund 100 Fachleuten

TGA.Digital: Praxisnahe Potenziale des digitalen Bauens

Die Baubranche steht unter massivem Veränderungsdruck. Verursacht wird er auf der einen Seite durch Fachkräftemangel, explodierende Kosten und steigende regulatorische Anforderungen. Auf der anderen Seite will die ungebrochene Nachfrage nach Wohnraum und Infrastruktur, etwa Rechenzentren oder im Bereich Energie- und Logistik, bedient werden. Digitales Bauen ist ein zentraler Ansatz, den daraus entstehenden Handlungsdruck durch effizientere und nachhaltigere Prozesse auf der Baustelle abzufangen. Entsprechend groß war angesichts dieser Dynamik und der notwendigen Anpassungsprozesse das Interesse an der vierten Auflage von „TGA.Digital – Der BIM-Fachkongress zur Zukunft des Bauens” in der „Viega World“ in Attendorn-Ennest.

Durch die abwechslungsreiche Mischung aus Keynotes, Vorträgen und Expertentalks unter Einbeziehung des Publikums gab es im Rahmen von „TGA.Digital – Der BIM-Fachkongress zur Zukunft des Bauens“ viel Raum, die Zukunft des digitalen Bauens aus unterschiedlichsten Perspektiven zu beleuchten.
Bild: Viega

Durch die abwechslungsreiche Mischung aus Keynotes, Vorträgen und Expertentalks unter Einbeziehung des Publikums gab es im Rahmen von „TGA.Digital – Der BIM-Fachkongress zur Zukunft des Bauens“ viel Raum, die Zukunft des digitalen Bauens aus unterschiedlichsten Perspektiven zu beleuchten.
Bild: Viega
Rund 100 Fachplaner, Fachhandwerker, Investoren, Betreiber und Architekten folgten der Einladung durch das BIM Center Aachen und Viega, um sich über die Anforderungen zu informieren, die digitales Bauen für den Arbeitsalltag der am Bau Beteiligten bedeutet und wie daraus echte Wettbewerbsvorteile entwickelt werden können.

Daniel Quick, Viega Vice President Product Management Europe und Member of the EU-Board, sah als Gastgeber zur Eröffnung des Fachkongresses die hohe Teilnehmerzahl „als ein deutliches Signal dafür, wie sehr Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Produktivität die gesamte Branche umtreiben. Diese Herausforderungen kann niemand allein lösen. Wir brauchen partnerschaftliche Lösungen über alle Gewerke und Disziplinen hinweg und dafür den kontinuierlichen, offenen Dialog. Genau das bildet dieser Fachkongress ab: Planer, Handwerk, Industrie, Investoren und Software-Anbieter tauschen hier anhand konkreter Praxisprojekte wertvolle Erfahrungen aus und sorgen für Impulse, aus denen sich zugleich immer wieder neue und spannende Kooperationen ergeben.“

Dynamische Entwicklung betrifft alle Baubeteiligten

Zuerst wurde die Integrale Planung mit der Arbeitsmethodik Building Information Modeling (BIM) für öffentliche Infrastrukturprojekte mit Millionenvolumen eingefordert. Seit 2025 werden über den „Masterplan BIM für Bundesbauten“ diese Aufträge ab etwa 500.000 € BIM-gerecht ausgeschrieben. Mit der EU-Gebäuderichtlinie als Stufenmodell kommen die digitale Planung und das digitale Bauen ab 2028 bzw. 2030 dann in der gesamten Baubranche an: Für die systematische Dokumentation der umweltrelevanten Eigenschaften der eingesetzten Bauprodukte wird das Arbeiten mit BIM für jeden TGA-Fachplaner und planenden Fachhandwerker zwingend notwendig.

In dem thematisch dichten Programm des vom BIM Center Aachen und Viega gemeinsam durchgeführten Fachkongresses stand daher im Fokus, wie digitales Planen und Bauen mit BIM im Tagesgeschäft möglichst schnell und wirtschaftlich sein Potenzial entfalten kann.

Erfahrungen aus konkreten Praxisbeispielen

Der inhaltlichen Zielsetzung und dem logischen Ablauf einer integralen Planung folgend stellte entsprechend der Themenkomplex „Digitales Bauen in der Praxis: entscheidende Erfolgsfaktoren in der Planung“ den Einstieg in den Fachkongress dar. Keynote-Speaker Tobias Waltl, Geschäftsführer und Vorstand der WMM Group AG (Mindelheim), griff dabei auf einen ebenso umfangreichen wie praxisnahen Erfahrungsschatz zurück, denn binnen weniger Jahre hat er einen klassischen Handwerksbetrieb zu einem digitalen Systemanbieter des Modulbaus (in Ziegelbauweise) entwickelte. Die Schilderung dieses Transformationsprozess mit zahlreichen Beispielen aus dem Baualltag zeigt jedem Besuchenden des Fachsymposiums, wie Vergleichbares auch im eigenen Unternehmen möglich sein kann und worauf bei der Umstellung auf die digitale Zukunft besonders zu achten ist.

Die intensive Einbeziehung des Publikums über Diskussionsrunden gehört zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren von „TGA.Digital – Der BIM-Fachkongress zur Zukunft des Bauens“, da so auch spezielle Fragen rund um die digitale Zukunft des Bauens qualifiziert beantwortet werden können.
Bild: Viega

Die intensive Einbeziehung des Publikums über Diskussionsrunden gehört zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren von „TGA.Digital – Der BIM-Fachkongress zur Zukunft des Bauens“, da so auch spezielle Fragen rund um die digitale Zukunft des Bauens qualifiziert beantwortet werden können.
Bild: Viega
Durch die Schilderung seiner Erfahrungen gab Tobias Waltl gleichzeitig Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH) Marc Christoph als Geschäftsführer der Unternehmensgruppe W. Hundhausen Bauunternehmung GmbH (Siegen), TGA-Fachplaner Maximilian Brunner von Projekt-HLS GmbH & Co. KG (Weiden in der Oberpfalz) und Jonas Kreis, Director Business Development Industrial bei Viega (Attendorn), eine Überleitung, diese Ansätze auf weiter ausdifferenzierte Aufgabenstellungen zu übertragen: Ob schlüsselfertiges Planen und Bauen mit Betonfertigteilen, die Konzeption möglichst energiesparend funktionierender TGA-Systeme für Gewerbe- und Bauprojekte der öffentlichen Hand oder die spezifischen Anforderungen, die an Sonderbauten (wie z. B. Rechenzentren) gestellt werden – der Anspruch, integrale Planung und Bauen mit BIM in konkrete Objekte umzusetzen, fand hier eine die gesamte Branche umfassende Resonanz.

Wie aber gelangen digitale Modelle auf die Baustelle, und wie können sie dort effektiv genutzt werden? Dieser Frage widmete sich der Themenblock „Digitales Bauen in der Praxis: Umsetzungen und Rahmenbedingungen von der Ausführung bis zum Betrieb“. Bastian Danzebrink, General Manager von Hilti Niederlande B.V., beschrieb z. B. detailreich, wie sich die digitale Arbeitsmethodik in dem weiter entwickelten Markt des Nachbarlandes durchgesetzt hat und welche Rahmenbedingungen dafür von der Ausführung bis zum Betrieb nötig sind. Was aber auch hierzulande bereits möglich ist, demonstrierte Nils Blome, Geschäftsführender Gesellschafter der Blome GmbH & Co. KG (Bad Wünnenberg-Haaren), der aktuell ein Hochhaus in Böblingen seriell saniert und modernisiert. Ein anschauliches Praxisbeispiel, das zugleich deutlich machte, dass serielles Sanieren über die Fassade hinaus auch im Gebäude für die TGA funktioniert.

Inwieweit die Voraussetzungen dafür von innen heraus, durch den Anbieter selbst, entwickelt werden müssen, war wiederum Thema von Bauingenieur Dr. Kai Oberste-Ufer von dormakaba (Ennepetal). Das Unternehmen hat für Gewerbeobjekte komplexe Zugangslösungen um objektspezifische Zusatzfunktionen erweitert, die als eigenständiges Ökosystem innerhalb des digitalen Bauens funktionieren. In verschiedenen Workshops konnten sich die Teilnehmenden des Fachkongresses auch in kleiner Runde anhand viel diskutierter Fragestellungen der integralen Planung oder des Bauens mit BIM intensiv austauschen.
Bild: Viega

In verschiedenen Workshops konnten sich die Teilnehmenden des Fachkongresses auch in kleiner Runde anhand viel diskutierter Fragestellungen der integralen Planung oder des Bauens mit BIM intensiv austauschen.
Bild: Viega

KI bringt nächsten Schub in der Planung

Die vorgestellten Praxisanwendungen der integralen Planung mit BIM vertiefend war der zweite Veranstaltungstag des Fachkongresses zwei Themenkomplexen gewidmet, die mit dem Stichwort „digitales Bauen“ mittlerweile fast untrennbar verbunden sind:

  • der Vorfertigung von TGA-Baugruppen als Antwort auf den Produktivitätsdruck und
  • Künstliche Intelligenz (KI) sowie Softwarelösungen, die Schnittstellen als Schlüsselfaktor der Transformation richtig nutzen.

Stichwort Vorfertigung: Durch Standardisierung, industrielle Fertigung und modulare Systeme eine höhere Produktivität, eine bessere Qualität und planbarere Prozesse auf der Baustelle zu erhalten sei ein wichtiger Ansatz, dem Kostendruck, dem Fachkräftemangel sowie den engen Zeitplänen auf den Baustellen zu begegnen und Bauzeiten zu verkürzen. Für Vorfertigung die Konzepte aus der Industrie einfach zu kopieren, funktioniert dabei aber nicht, machte Dipl.-Ing. Matthias Reitemeyer, Vice President Global R&D der Mahr GmbH (Göttingen) in seiner Keynote deutlich. Denn vom Einzelstück über das System zur Serienfertigung gebe es bei aller Standardisierung immer noch viele Punkte, in denen sich Industrie und Bau grundlegend unterschieden. Dennoch sei es unerlässlich, dass die gesamte Baubranche und insbesondere die TGA zunehmend in systemischen Ansätzen statt in Einzellösungen denke, um die Vorteile von Gleichteilen, Wiederholbarkeit und Prozessintegration vollständig zu nutzen.

Wie das bei typischen Bauprodukten funktionieren kann, zeigten im Anschluss Handwerksmeister Christoph Ulland anhand seiner neu gegründeten Modularis GmbH (Ahaus) gemeinsam mit Jaroslaw Siwiecki von E3D Ingenieurgesellschaft mbH (Aachen) und Christian Tuschen, Geschäftsführer der Prefab TGA GmbH (Kleve): Über digitale Planung und industrielle Fertigung sowie viel Praxiserfahrung befassen sich die Unternehmen mit vorgefertigten Energie- und Versorgungssysteme für Wohnungsbau, Gewerbe und kommunale Projekte, die Prefab TGA zudem mit einbaufertigen Steigeschächte, Versorgungstrassen und Vorwandregistern.

In seinem Vortrag sprach Dr. Christian Waluga der Linear GmbH über die Bedeutung von KI in der TGA-Planung und wann diese sinnvoll eingesetzt werden sollte.
Bild: tab

In seinem Vortrag sprach Dr. Christian Waluga der Linear GmbH über die Bedeutung von KI in der TGA-Planung und wann diese sinnvoll eingesetzt werden sollte.
Bild: tab
Dass für den Übergang zum integralen Planen und Bauen letztlich immer qualifizierte Datengrundlagen und Schnittstellen-offene Softwarelösungen die unverzichtbare Grundlage sind – diesen Schlusspunkt setzten Dr.-Ing. (Wirt.-Ing. Bau) Nicolas Pauen als Geschäftsführer der E3D Ingenieurgesellschaft mbH (Aachen) sowie Dr. Christian Waluga, Geschäftsführender Gesellschafter des Softwareanbieters Linear GmbH (Aachen) unter das Tagungsprogramm. KI gilt dabei als Treiber dafür, dass das „I“ in BIM endlich aktiv genutzt werden kann: Sie hilft, Medienbrüche zu vermeiden, Daten durchgängig zu nutzen und Prozesse effizient zu vernetzen. Denn gerade, weil durch die rasante Entwicklung von KI die Frage in den Vordergrund rückt, wie KI-basierte Schnittstellen zu Planungsaufgaben aussehen können, seien sauber definierte Prozesse und klare Verantwortlichkeiten zwingend notwendig. Daten, Software und digitale Schnittstellen mit Überleitung ins handwerkliche Tun werden also alle am Bauprozess Beteiligten künftig noch deutlich stärker beschäftigen als bisher.

„Einflussgrößen auf das Bauen […] konkret greifbar“

Mit der Mischung aus Keynotes und Fachvorträgen, Networking und Fachausstellung, Podiumsdiskussionen, interaktiven Workshops sowie ergänzenden Expertentalks haben das BIM Center Aachen und Viega unter der Moderation der promovierten Umweltwissenschaftlerin Dr. Ines Marbach einmal mehr der Branche eine Möglichkeit zur Standortbestimmung gegeben, wie weit das digitale Bauen mit BIM schon in der Praxis angekommen ist und wo für die jeweiligen Akteure noch ganz individueller Handlungsbedarf besteht. Denn Planung wird zum Engineering, Entscheidungen müssen früher fallen, die Vorfertigung nimmt zu, und KI funktioniert nur mit sauberen Daten und klaren Prozessen.

„Als besonders wertvoll hat sich dabei die abwechslungsreiche Mischung aus Fachinformationen und praktischen Erfahrungsberichten erwiesen, denn so wurden die entscheidenden Einflussgrößen auf das Bauen von Morgen für wohl jeden der Teilnehmenden konkret greifbar. Und zwar unabhängig von der Frage, ob das berufliche Tätigkeitsfeld im Bereich des Planens, Bauens oder Betreibens von Gebäuden lag. Zusätzlich konnten an diesen zwei Tagen über die vielen Gelegenheiten zum Kennenlernen und zum Austausch neue Netzwerke entstehen, das sich zweifellos ganz im Sinne der Kollaboration beim Bauen mit BIM noch in zukünftige Bauprojekte auswirken wird“, fasste Daniel Quick in seinem Resümee zusammen.

Thematisch passende Artikel:

Entwicklungsperspektiven für das digitale Bauen

Mehr als 100 Fachbesucherinnen und Fachbesucher informierten sich dort zwei Tage lang über den aktuellen Stand der Digitalisierung im Bauwesen. Das Programm umfasste Keynotes, Fachvorträge,...

mehr

BIM-Schulungsangebot „TGA.Digital“

Die Baubranche wird mit einer weitreichenden Digitalisierung des gesamten Bauprozesses verbunden sein – von der Planung über die Bauausführung bis hin in den Betrieb. TGA-Planungsbüros sind...

mehr

Systematischer Einstieg in digitale Zukunft des Bauens

Mit „TGA.Digital“ hat Viega ein Veranstaltungskonzept entwickelt, das Fachplaner und planende Fachhandwerker bei diesem Change-Prozess begleitet und ihnen über individuelle Seminare den...

mehr
Ausgabe 03/2023

TGA als Strukturgeber des Bauens

Schulungscenter als BIM-Referenzobjekt

Die „Viega World“ ist das neue, rund 12.000 m2 große Schulungscenter des Unternehmens am Hauptstandort in Attendorn. Da das bisherige Seminargebäude an seine Kapazitätsgrenzen stieß, entschloss...

mehr

Expertenforum zum Forschungsprojekt „Energie.Digital“ zu TGA und BIM

Erkenntnisse für die Beschreibung von gebäudetechnischen Informationen

Im Rahmen des Expertenforums zum Forschungsprojekt „Energie.Digital“ zeigten die Projektbeteiligten, wie sich gebäudetechnische Informationen ganzheitlich in BIM abbilden lassen und wie mit Hilfe...

mehr