Serielles Sanieren mit Energiesprong

Ein Verfahren aus Holland etabliert sich in Deutschland

Das Energiesprong-Prinzip soll die Taktzahl bei der energetischen Sanierung des Gebäudebestands voranbringen. Die Mittel hierfür sind industrielle Vorfertigung von Fassadenelementen, komplette PV-Dächer sowie Module für die technische Gebäude-ausrüstung. Daraus ergeben sich Kostenvorteile und kurze Bauzeiten vor Ort. Wo liegen Chancen für Fachplaner?

Deutschland hat sich mit der Energiewende viel vorgenommen: Bis 2045 soll das Land klimaneutral sein. Eine große Herausforderung ist das nicht nur für Industrie, Verkehr und Energiewirtschaft, sondern auch für den Gebäudesektor. Ab 2020 bis 2030 müssen die CO2-Emissionen um 44 % sinken – in Absolutzahlen von rund 120 auf rund 67 Mio. t CO2 pro Jahr. Um das zu schaffen, braucht es mehr Tempo bei der Sanierung des Bestands: Jedes Jahr müssten 2 % des Bestandes energetisch saniert werden, die Quote liegt derzeit gerade mal bei der Hälfte.

Doch wie soll die Sanierungsrate angesichts von steigenden Materialpreisen und Fachkräftemangel beschleunigt werden? Ein wichtiger Baustein kann das serielle Sanieren nach dem Energiesprong-Prinzip werden, das derzeit in mehreren europäischen Ländern an Fahrt aufnimmt und dessen Marktentwicklung in Deutschland von der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) koordiniert wird.

Die Idee, die aus den Niederlanden stammt und übersetzt „Energiesprung“ bedeutet, verändert den Sanierungsprozess grundlegend. Statt wie bislang einzelne Häuser aufwändig und monatelang einzeln zu sanieren, wird neu gedacht. Ein digitalisierter Bauprozess, vorgefertigte Elemente für Fassade, PV-Dach, Haustechnik und ein innovatives Finanzierungsmodell ermöglichen es, Gebäude deutlich schneller als bisher auf einen „NetZero“-Standard zu bringen. Sie erzeugen dann im Jahresmittel so viel erneuerbare Energie, wie für Heizung, Warmwasser und Strom benötigt wird.

Gigantische Potenziale für die serielle Sanierung

Das Potenzial ist groß: Die dena schätzt, dass rund 500.000 kleinere bis mittlere Mehrfamilienhäuser der 1950er bis 1970er Jahre mit 3 Mio. Wohnungen für die jetzt gestartete Pilotphase in Frage kommen. Von den rund 15 Mio. Einfamilienhäusern sind rund 4 Mio. grundsätzlich für eine serielle Sanierung geeignet, dazu kommen Nichtwohngebäude.

Verändern werden sich allerdings nicht nur die Gebäude: „Ein neu gedachter Bauprozess hat natürlich auch Auswirkungen auf Bauplaner und Architekten“, sagt Kristina Zimmermann, Teamleiterin Marktentwicklung Energiesprong bei der dena. „Sie werden weniger projektbezogen arbeiten, sind dafür mehr in Konzept- und Produktentwicklung sowie Auswahl und Beurteilung dieser Produkte eingebunden.“ Die Entwicklung gehe in Richtung automatisierter Planung, bei der den Planenden prüfende und kommunikative Rollen zukommen, so Zimmermann.

Neue Aufgaben für Fachplaner

Das bedeutet allerdings nicht, dass Architekten und Bauingenieure weniger wichtig werden. Im Gegenteil: „Zur Planung und Durchführung einer seriellen Sanierung braucht es die Expertise und Fähigkeiten von Fachplanenden in allen Prozessschritten“, betont Kristina Zimmermann. Grundlagenentwicklung, Auswahl geeigneter Objekte und Portfolioanalyse, Erstellen und Durchführen funktionaler Ausschreibungen, Anbieterauswahl, Konzeptvergleiche, Bauleitung und Unterstützung bei der Digitalisierung von Beständen sind mögliche Aufgabenfelder für diese Berufsgruppe im entstehenden Markt für serielle Sanierungslösungen.

Damit ergeben sich neue Rollen für Planende – sowohl auf Seiten der Bau- als auch der Gebäudewirtschaft: Beim auftraggebenden Wohnungsunternehmen können sie das Gesamtprojekt steuern. Zudem beurteilen sie Konzepte und Angebote der Bauseite zu Machbarkeit, Qualität und Ästhetik. Auf Bauseite wiederum können Planende bei der Auswahl optimal zueinander passender Bauteile, Elemente oder Dienstleistungen beraten und übernehmen die Koordination der verschiedenen Unternehmen und Gewerke.

Ebenfalls gut vorstellbar ist die Bauleitungsrolle: Planende entwickeln und optimieren Prozesse und arbeiten so am Produkt- und Lösungsbaukasten für skalierbare Sanierungen auf den „NetZero“-Standard. Architektinnen und Architekten sind zudem bei der Produktentwicklung gefragt – es soll möglich sein, Funktionalität, Standardisierung mit Design zu verbinden. „Das sehen wir auch schon in der aktuellen Pilotphase“, betont Kristina Zimmermann und fügt hinzu: „Auch zukünftig wird es trotz vieler Standardisierungen Gestaltungsspielräume geben, die genutzt werden können.“

Kurzinterview

tab fragt nach beim Architekten Klaus Zeller

„Nicht nur dämmen, sondern auch gestalten“, lautet ein Statement von Dipl.-Ing. Architekt Klaus Zeller, geschäftsführender Gesellschafter der Zeller Kölmel Architekten in Köln, der hier über seine Erfahrungen mit Energiesprong berichtet.

tab: Herr Zeller, Sie setzen mit Ihrem Architekturbüro das Energiesprong-Projekt in Köln um, bei dem ein Wohnhaus aus den 60-er Jahren mit vorgefertigten Elementen saniert und mit erneuerbaren Energien auf den „NetZero“-Standard gebracht wird. Was hat Sie daran gereizt?

Klaus Zeller: Wir wollten die Chance nutzen, an einem Projekt mitzuwirken, das über die Architektur hinausweist. Spannend war dabei die Kombination aus seriell und energieneutral: Ein Haus energetisch zu sanieren und dabei im Baukasten Schritte und Lösungen zu etablieren, um in einen seriellen Rhythmus zu kommen, Skalierungseffekte zu erreichen und Preise konkurrenzfähig zu machen.

 

tab: Welche Rolle sehen Sie für Planende bei seriellen Sanierungen? Welche neuen Perspektiven ergeben sich?

Klaus Zeller: Normalerweise gibt es für Architekten und Planer kaum Möglichkeiten, Produkte zu entwickeln. Die Gestaltung eines einmalig verwendeten Bauteils ist für den Bauherrn extrem teuer. Ein Produkt mit serieller Komponente wie beim Energiesprong-Prinzip hat den Reiz, dass man technisch und ästhetisch optimierte Lösungen entwickeln kann, obwohl die sich erst ab einer höheren Stückzahl rechnen. Ein vorgefertigtes Fassadenelement zum Beispiel, das auf unterschiedliche Gebäude anpassbar ist und dabei in seinem System gleich bleibt. Oder Fenster, die technisch richtig viel können, und sie gleichzeitig mit ästhetischen Aspekten beim Fensterbrett oder der neuen Fensterlaibung zu kombinieren. Am Ende soll das Haus ja nicht nur weniger Energie verbrauchen, sondern auch optisch gewinnen.

 

tab: Welche Vorteile sehen Sie denn beim seriellen Sanieren aus gestalterischer Sicht?

Klaus Zeller: Der Gebäudebestand in Deutschland ist gestalterisch oft schwach, weil er unter schwierigen Bedingungen nach dem Krieg schnell hochgezogen wurde. Bei vielen Gebäuden haben wir deshalb jetzt die Chance, sie nicht nur aus rationalen Gründen zu dämmen, sondern sie sogar besser zu gestalten. Und wenn sich das multiplizieren lässt, ist es besonders interessant. Innovation passiert ja durch das Argument der Stückzahl: Der Hersteller überlegt sich: Was kriege ich verkauft? Wenn ich Chance auf einen größeren Absatzmarkt habe, investiere ich mehr in die Produktentwicklung.

 

tab: Wie können Fachplaner das serielle Sanieren noch weiterentwickeln?

Klaus Zeller: In erster Linie durch das Wissen um die heterogene Ausgangssituation und die unterschiedlichen Voraussetzungen des Gebäudebestands. Architekten und Planer haben die Expertise, wie man den Spagat schafft, trotz serieller Lösungen lebendige Straßenzüge zu schaffen. Die Architekten sind die Richtigen, um dafür neue und gangbare Wege aufzuzeigen. Dafür braucht es allerdings nicht nur Know-how, sondern auch verlässliche Unterstützung aus der Politik und Bauherren, die das Ziel der Klimaneutralität teilen und Teil des Optimierungsprozesses werden wollen. Der klimaneutrale Gebäudebestand bis 2045 ist kein Selbstläufer, hier liegt die Latte unglaublich hoch.

Das gilt auch für das serielle Sanieren. Dass man viel effizienter sein kann, was Geschwindigkeit, Materialeinsatz und Qualitätssicherung angeht, wissen wir von allen seriell gefertigten Produkten. Gleichzeitig aber hat nichts so wenige Wiederholungen wie ein Haus. Das serielle Verfahren auf Gebäude – also meist Prototypen - anzuwenden, ist sehr spannend und eine große Herausforderung.

Kontaktmöglichkeiten

So können Sie mitmachen!

Sie möchten mehr über serielle Sanierungen nach dem Energiesprong-Prinzip erfahren? Oder stehen Sie schon in den Startlöchern und möchten ein Gesamtprodukt für serielle Energiesprong-Sanierungen entwickeln? Ob etabliertes Planugsbüro, Architekturbüro oder Start-up – wenden Sie sich an info@energiesprong.de. Termine für unsere Kick-off-Workshops für Wohnungswirtschaft, Politik und Bauwirtschaft finden Sie auf der Internetseite www.energiesprong.de .

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