Covid-19 treibt TGA-Branche an

Orchestrierung der Gewerke im Corona-Behandlungszentrum

In nur vier Wochen steuerte der aus dem Ruhestand zurückgekehrte Albrecht Broemme die Planungen und Bauausführungen für das Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße (CBZJ) auf dem Berliner Messe­gelände. Es galt, alle Gewerke und Fachgebiete in kürzester Zeit zu orchestrieren.

So waren die raumlufttechnischen Anlagen „hygienisch“ zu ertüchtigen, Zu- und Abluftleitungen mit Revisionsklappen nachzurüsten, die Leitungsoberflächen von innen zu reinigen, und über 8 km Kupferrohr für Sauerstoffleitungen zu verlegen. Die tab-Redaktion war im Mai vor Ort und konnte exklusiv erste technische Einblicke erhalten.

Mit seiner Lebenserfahrung aus seiner Zeit als Landesbranddirektor und THW-Präsident meisterte Albrecht Broemme auch diese „Krisen“-Situation. „Es ist wichtig, dass wir auch das Behandlungszentrum als Zivilschutzeinrichtung vorhalten und ertüchtigen. Wenn wir es nicht benötigen, umso besser für die Bevölkerung“, so der Projektleiter und Vorstandsvorsitzende Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e.V.

Das Coronavirus „SARS-CoV-2“ mit dem klinischen Erkrankungsbild „Covid-19“ verbreitete sich mit einer bisher nicht vorstellbaren Geschwindigkeit über die Atemwege. Krankenhäuser und Unikliniken gerieten in der Coronawelle immer mehr unter Druck. Das CBZJ soll die Berliner Krankenhäuser mit bis zu 1.000 Betten entlasten, falls diese wegen der Corona-Pandemie an ihre Be­las­tungs­grenze kommen. Für die Umbaumaßnahmen der Hallen 26 und 25 sind rund 60 Mio. € veranschlagt. Der Baustart des CBZJ auf dem Messegelände erfolgte am 1. April 2020. Bereits am 11. Mai 2020 vermeldete Dilek Kalayci, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, die bauliche Fertigstellung. Die endgültige Abnahme und Betriebserlaubnis fanden am 20. Mai 2020 statt. Als Zivilschutzeinrichtung war keine bauaufsichtliche Abnahme erforderlich, jedoch vom Gesundheitsamt die Überprüfung als Krankenhaus.

Bauen von oben

nach unten

„Auch wenn das Behandlungszentrum nicht in Betrieb gehen sollte, wurde unser Konzept auch international nachgefragt. Keiner käme auf die Idee, bei rückläufigen Fallzahlen an Bränden auf die Feuerwehr zu verzichten“, so Albrecht Broemme.

„Nach den negativen Erfahrungen in medizinischen Einrichtungen in Italien lag die Vermutung aller Beteiligten nahe, dass die Raumlüftung hohe Anforderungen zu erfüllen hat. In Halle 26 wurden daher die vorhandenen acht raumlufttechnischen Anlagen mit 1.006.000 m³/h „hygienisch“ instandgesetzt. Damit die bestehenden Zu- und Abluftleitungen genutzt werden können, mussten sie mit 300 Revisionsöffnungen in 7 m Höhe nachgerüstet werden. Mit Robotern wurden dann die Leitungen mit insgesamt ca. 120.000 m2 Oberfläche von innen gereinigt und ab Fertigstellung in einem vierwöchigen Turnus auf Staubfreiheit kontrolliert“, beschreibt Albrecht Broemme. Zur Bereichsunterscheidung wurde der Fußboden mit hygienischem Linoleum in drei unterschiedlichen Farben ausgelegt. Die Messehalle 26 ist mit 377 Allgemeinpflegeplätzen (grün) und 111 Beatmungsplätzen (blau) zur Intensivpflege ausgelegt. Die zentrale Sauerstoffversorgung mit 6 km Kupferrohr zur Beatmung erfolgt über einen 40 t Tank (tiefkalt verflüssigt) mit angeschlossener Reserve vor Halle 26b. Für die Medien konnten die vorhandenen Installationskanäle im Boden aus hygienischen Gründen grundsätzlich nicht für die Installa­tio­nen genutzt werden. Sauerstoff- und IT-Leitungen wurden daher auf 1.000 Einzeltraversen vorgefertigt und in einer Höhe von 4,50 m befestigt. Für die Brandschutzplanung zeichnete hhpberlin verantwortlich. Dabei galt es, in sieben Wochen die Rauchfreiheit unterhalb 4 m Höhe mit Luftwechselraten für 45 min zur Evakuierung zu rea­li­sie­ren.

Zeitplan erfüllt – Kosten gesenkt

Im Vergleich: Bei der Einrichtung eines üblichen Krankenhauses würden ca. 120 Mio. € anfallen. Das CBZJ wird schätzungsweise 60 Mio. € kosten. Möglich wird dies durch teilweise reduzierte Fläche, die die RKI- Mindestanforderungen erfüllen müssen. Ebenso sei der Nachhaltigkeits­aspekt ein wichtiger Punkt. Vieles ist gemietet, wie die rund 230 Container, das Mobiliar und die Traversen. Beim Rückbau fallen 5 % an Abfall und 5 % Recycling an, so erste Schätzungen. „Durch Miete und Weiternutzung des medizinischen Inventars werden 90 % der Einrichtung wiederverwertbar sein“, so Albrecht Broemme.

Uwe Manzke, Freier Journalist, IWP Wissenschaftsredaktion, 10207 Berlin

Info

Bautafel

Betreiber des CBZJ:
Städtische Krankenhauskonzern Vivantes

Ausführung/Planung:

Architekten Heinle, Wischer und Partner, Freie Architekten

Fachplaner Technische Gebäudeausrüstung (TGA) Genius Ingenieurbüro (Sanitär, Wärme, Starkstrom, Fernmeldetechnik)

pro engineering (Lufttechnische Anlagen)

Brandschutzsachverständige hhp berlin

 

Halle 26: 488 Betten

20 km Netzwerkkabel

110 km Elektroleitungen

1,4 km Wasserleitungen: 800 m Trinkwasserleitungen, 600 m Abwasserleitungen

raumlufttechnische Anlagen mit 1.006.000 m³/h „hygienisch“ instandgesetzt

Zu- und Abluftleitungen mit 300 Revisionsöffnungen, in 7 m Höhe nachgerüstet

insgesamt ca. 120.000 m³ Oberfläche von innen gereinigt

8 km Sauerstoffleitungen, davon zur Beatmung 6 km Kupferrohr verlegt

3 km Traversen (1000 Einzeltraversen)

11.080 m Linoleum

11.690 m2 Fläche

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