Integrale Planung

Im Gespräch mit Frank Lettmann

tab: Theorie und Praxis klaffen gerade noch bei Bauprojekten weit auseinander. Woran liegt das?


Frank Lettmann: Das liegt vor allem an der Diskrepanz zwischen dem, was geplant wird und dem, was dann später nach den Wünschen der Bauherren funktioniert. Diese entsteht durch die mangelnde Kommunikation aller am Bauprojekt Beteiligter. Damit meine ich nicht nur den mangelnden Austausch zwischen Architekt und Planer, sondern die gesamte Kommunikation vom Bauherren über den Planer, Architekten, Projektsteuerer, Fachplaner, Ausführenden und schlussendlich den Betreiber/Facility Manager. Diese mangelnde Kommunikation führte in den letzten fünf bis zehn Jahren dazu, dass Bauwerke errichtet wurden, die nicht funktionsfähig sind und auch bei Termin- und Kostentreue weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Ganz zu schweigen von vermeidbarem CO2-Ausstoß.

 
tab: Inwieweit erhöhen Richtlinien wie die EPBD der EU oder auch Label für nachhaltiges Bauen, wie das der DGNB, den Druck noch?


Frank Lettmann: Neue Richtlinien und auch Label wirken für mich erst einmal nach außen. Aktuell wird nicht selten bereits in der Planungsphase ein angestrebtes Label kommuniziert. Das ist für mich vor allem Marketing. Was die Richtlinien betrifft, so bin ich der Ansicht, dass es erst einmal gut ist, wenn die öffentliche Hand auf diese Weise den Druck erhöht und national wie international neue Ansätze pushen möchte. Klar ist aber auch, dass sich die integrale Planung innerhalb kürzester Zeit ohnehin durchsetzen wird. Dafür sind die Vorteile zu gravierend: richtig angewendet lässt sich fehlerfreier, schneller, günstiger und mit höherer Qualität bauen und das sollte unser aller Ziel sein. 


tab: Warum brauchen wir eine integrale Planung?


Frank Lettmann: Gebäude werden immer komplexer. Schlagworte wie BIM, „Smart Grids“ und „Smart Building“ prägen den Markt und zeigen, dass moderne und energieeffiziente Gebäude intelligent vernetzt und flexibel sein müssen. Hier kann nur echte und kontinuierliche Teamarbeit zum Ziel führen. Denn Gebäude sollen nicht nur schön, sicher und komfortabel sein, sie sollen darüber hinaus natürlich ressourcenschonend betrieben und möglichst wirtschaftlich und kosteneffizient errichtet werden können. „Integrale Planung“ ist also essentiell, um sich widersprechende Ziele und Wünsche in den Griff zu bekommen.


tab: Welche Ziele verfolgt die integrale Planung?


Frank Lettmann: Kernziel des Prozesses ist es, die unterschiedlichen Interessen und Perspektiven von Nutzern, Investoren und Öffentlichkeit in Balance zu bringen. In Summe soll also die Gebäudequalität über den gesamten Lebenszyklus hinweg optimiert werden. Integrale Planung ist der Schlüssel für zukunftsfähige Gebäude. Gebäude, die nicht nur nachhaltig im Sinne von Ressourcenschutz und Ökologie sind, sondern auch die Bedürfnisse der Nutzer im Auge haben. Ergebnis: Planungs- und Entwicklungsprozesse lassen sich wesentlich verkürzen, die Anzahl der Planänderungen verringern, Kosten reduzieren und in Summe die Qualität des Gebäudes steigern. 


tab: Wie sieht Ihrer Meinung nach das ideale Vorgehen bei der integralen Planung aus?


Frank Lettmann: Für mich umspannt integrale Planung den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Sie beginnt mit der Projektentwicklung und endet mit dem Abbruch. Architektur, Tragwerk, Haustechnik sind über zumeist komplexe Abhängigkeiten miteinander verwoben. Integrale Planung macht diese Abhängigkeiten transparent und optimiert sie simultan und iterativ. Das Integrale Planungsteam entwickelt gemeinsam mit dem Bauherrn ein ganzheitliches Konzept im Sinne einer nachhaltigkeitsorientierten Gesamtstrategie, um nicht nur die Funktionsfähigkeit eines Gebäudes sicherzustellen, sondern auch den Energieverbrauch und die Umweltbelastungen zu reduzieren und gleichzeitig Komfort und Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

tab: Warum sind viele Projektbeteiligte noch skeptisch, wenn es um eine integrale Planung geht?


Frank Lettmann: Hier gilt häufig noch, „jeder ist sich selbst der Nächste“. Wir haben noch nicht gelernt, integrativ, iterativ und simultan zu arbeiten. Alte und neue Welt treffen aufeinander und es ist noch nicht allen klar, dass es keinen Sieger geben wird. Ausgeschrieben wird häufig noch nach den alten Regeln, wonach die einzelnen Bauleistungen nach und nach im Laufe eines Projektes vergeben werden. Alle Beteiligten müssen ihre Rollen erst finden, weg von Definitionen wie, – ein Architekt hat die Aufgabe, die Ergebnisse der Fachingenieure in seine Planung einzuarbeiten (nach HOAI) hin zu der gemeinsamen, simultanen, gewerkeübergreifenden Erarbeitung innovativer und nachhaltiger Lösungen.

 
tab: In Bezug auf die Planung haben Sie einen Wunsch frei, welcher wäre das?


Frank Lettmann: Weniger Engstirnigkeit. Ohne einen integralen Planungsansatz ist kein lebenszyklusoptimiertes Bauen möglich. Hier wünsche ich mir von den Ausbildungsstätten bis hin zu den alteingesessenen Beteiligten eine von Grund auf geänderte Haltung der einzelnen Disziplinen zueinander. 


tab: Herr Lettmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

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