Elektroenergie als einzige Energieform
RLT-Anlagen in VerwaltungsgebäudenDer heutige Neubau von Büro- und Verwaltungsgebäuden stellt die planenden Architekten und Ingenieure vor besondere Herausforderungen. Für Zeiträume innerhalb der Nutzungsdauer des Objektes sind keine verlässlichen Prognosen über Preisentwicklung der Energieträger möglich. Allerdings ist abzusehen, dass die Umwelteinflüsse fossiler Energieformen zukünftig nicht mehr akzeptabel sind.
Extreme Investitionen in die Batterietechnik im Automobilsektor werden in Kürze die Preise der Elektroenergiespeicher fallenlassen. Weiter ausholen muss man nicht, um den absehbaren Einschienenbetrieb zur Versorgung von Gebäuden mit Elektroenergie zu prognostizieren.
Positive Erfahrungen mit solchen Konzepten liegen über mehrere Heiz- und Kühlperioden vor [1] und der reduzierte Technikeinsatz...
Extreme Investitionen in die Batterietechnik im Automobilsektor werden in Kürze die Preise der Elektroenergiespeicher fallenlassen. Weiter ausholen muss man nicht, um den absehbaren Einschienenbetrieb zur Versorgung von Gebäuden mit Elektroenergie zu prognostizieren.
Positive Erfahrungen mit solchen Konzepten liegen über mehrere Heiz- und Kühlperioden vor [1] und der reduzierte Technikeinsatz zeichnet sich ab. In der Investitionsentscheidung zwischen weniger Technik und mehr Hochwärmedämmung sollte immer im Hintergrund stehen, dass Elektroenergie auch in Zukunft teurer werden dürfte. Trotz kostenlosem Solar- sowie Windangebot werden neue Netze und Abgaben den Strompreis treiben.
Die Energieeffizienz der technischen Anlagen kann den weiter steigenden Energiekosten entgegenwirken. An die untere Grenze der heutigen Gebäude-U-Werte zu gehen, sichert auch zukünftig ein werthaltiges Objekt. Natürlich hat auch ein hochwärmegedämmtes Gebäude einen Wärmebedarf mit einem Lüftungsanteil.
Die Fensterlüftung verliert hier zugunsten der mechanischen Be- und Entlüftung. Höchste Wärmerückgewinnungsgrade sind nur mit zentralen Luftaufbereitungsgeräten erzielbar. Die Minimierung des technischen Aufwands an Gerätetechnik fordert die Minimierung der transportierten Luftmenge. Die Frage stellt sich: Ist mit der auf die Person bezogene, notwendige Außenluftmenge der Raum zu beheizen bzw. im Sommer zu kühlen?
Außenluftvolumenstrom und Wärmebedarf
Literaturstellen für notwendige Außenluftvolumenströme mit vergleichbarer Büronutzung werden in Bild 1 gezeigt. Immerhin wurden bereits 1826 von Tretgold und 1841 von Hoad Überlegungen zum Außenluftvolumenstrom angestellt. Unter Berücksichtigung der letzten Veröffentlichung in ANSI/ASHRAE Standard 62.1-2010 und einer Exponentialnäherung sind für weitere Betrachtungen 40 m³/(h Pers.) als unterer Wert angesetzt.
Für das Fassadensegment nach Bild 2 ist im Infokasten die flächenbezogene Raumlast dem Wärmeverlust der Gebäudefassade gegenübergestellt. Die Daten stammen aus einem realisierten Projekt [2]. Der Fokus lag auf dem hochwärmegedämmten Gebäude (30 cm Mineralwolle) und der Technikminimierung. Für ein charakteristisches Büro von ca. 24 m² und zwei Personen Besetzung genügt bereits die Beleuchtung von 12 W/m², um den Fassadenwärmeverlust auszugleichen. Wie der untere Teil der Aufstellung im Infokasten zeigt, sind mit dem Mindestaußenluftanteil von 40 m³/(h Pers.) die Fassadenwärmeverluste kompensierbar. Dabei ist immer vorausgesetzt, die Wärmerückgewinnung der zentralen Luftaufbereitung liegt in der Rückwärmezahl um 80 % (Rotationswärmetauscher). Die Beheizung des Gebäudes erfolgt dann über die RLT-Anlage mit dem personenbezogenen Außenluftanteil von ca. 3,4 m³/(hm²). Eine statische Heizung findet man in solchen Gebäuden zukünftig nicht mehr.
Schnelle innere Lastwechsel wie Lichtschaltungen erfordern schnell reagierende Luftströmungen zur Temperierung. Aus der Aufstellung geht hervor, dass selbst bei tiefen Außentemperaturen nur noch Kühlbedarf besteht. Die Frage stellt sich, ob bei sommerlichen Verhältnissen mit den kleinen Zuluftvolumenströmen ebenfalls die Raumtemperierung möglich ist.
Raumtemperierung im Sommer
In der Kühllastabschätzung gemäß Tabelle 1 ist der sommerliche Extremfall abgebildet. Die 27 W/m² sind mit dem Mindestaußenluftvolumenstrom von 80 m³/h (Winterfall) nicht behaglich abzuführen. Über eine Gebäudesimulation wurden daher verschiedene Einflussfaktoren wie Speichermassen oder Wärmedämmmdicken auf ihre Reaktion im Tagesgang der Raumtemperatur untersucht.
Die Erhöhung der Wärmedämmdicken auf die bereits genannten 30 cm verminderte die Wochenendabkühlung des Gebäudes um maximal 3 K. Mit der Erhöhung der Speichermassen konnte die Raumtemperaturdrift über den Tag gemindert werden. Im Polynom nach Bild 3 wurden ca. 2 K Raumtemperaturanstieg über 8 h zugelassen, wodurch die notwendige Kühlleistung nur auf 60 % ausgelegt werden musste.
Luftführung im Raum
Aus der Gebäudesimulation errechnete sich die notwendige Luftmenge für den ungünstigsten Raum bei der Einblastemperatur von +18 °C. Die Zuluftvolumenströme für die Zweipersonenbüros erhöhten sich von 80 auf 140 m³/h (Lw = 2/h). Vom Volumenstrom her existiert somit für ein Zweipersonenbüro ein Regelbereich von 80 bis 140 m³/h.
Es sollte für eine ganze Büroetage ohne Problem möglich sein, in Abhängigkeit der gemeinsamen Ablufttemperatur die gemeinsame Zulufttemperatur zu bestimmen, die im untersuchten Objekt nahezu im ganzen Jahr bei +18 °C lag.
Die guten U-Werte der Fassade und der äußere Sonnenschutz reduzieren die äußeren Einflüsse auf den Raum auf den Regelspielraum der Volumenstromänderung. Es zeichnet sich damit ein technisches System der Temperierung über die Be- und Entlüftungsanlage ab.
Die kleinen Volumenströme erlauben unkonventionell Luftführungssysteme in Analogie zur Verdrängungsströmung. In Bild 4 ist eine Strömungssimulation um einen Bodendrallauslass und die Raumtemperatursimulation für das Zweipersonenbüro dargestellt. Erkennbar ist der schnelle Geschwindigkeitsabbau um den Drallauslass und die ausgeglichene Temperaturverteilung in die Raumtiefe. Der Zuluftvolumenstrom verteilt sich somit sehr schnell im Raum und erreicht kaum Geschwindigkeiten über 0,1 m/s auf dem Weg zur Bodenabsaugung.
Die gesamte Technik im Doppelboden zu konzentrieren, schafft Freiraum zur Speichermassennutzung der Wände und Decken. Besonderes Augenmerk sollte auf die Schallabsorption evtl. mit zusätzlichen Absorptionsflächen im Raum gelegt werden, da sonst Schallwerte der Lüftungsanlage von 40 dB(A) schon störend wirken. Die Volumenstromregler der Einzelräume sind natürlich mit Schalldämpfern bestückt und arbeiten für die Zu- und Abluft synchron.
Regelstrategie
Aus der gemeinsamen Ablufttemperatur, z. B. einer Gebäudeetage oder einer Gebäudehimmelsrichtung, wird die Zuluft-
temperatur für diesen gesamten Strang bestimmt.
Die Raumtemperierung folgt recht einfach aus der Ablufttemperaturmessung im Einzelraum und der Volumenstrombeeinflussung der Zu- und Abluft. In Bild 5 ist die Regelstrategie noch um weitere Einflussmöglichkeiten ergänzt, sollten die Personenpräsenz, die Beleuchtung und Fensterkontakte eingebunden werden. Über KNX-Schnittstellen ist ein einfaches Bussystem realisierbar. Die Volumenstromregler sind nach unten auf den Mindestluftwechsel begrenzt. Der personenbezogene Luftvolumenstrom liegt zwischen 40 und 70 m³/h, was den Regelspielraum darstellt. Driften die Raumtemperaturen trotz Regelspielraum aus der vorgegebenen Bandbreite ab, wird die Zulufttemperatur über die entsprechende Zone korrigiert. Die vorab durchgeführte Gebäudesimulation liefert dafür die Werte der notwendigen Zulufttemperaturen. Sollte für Räume infolge unterschiedlichster Nutzung keine gemeinsame Zulufttemperatur gefunden werden bietet sich die weitere Zonenaufteilung an. Als Zone oder Regelzone fungiert ein Wärmetauscher, der unmittelbar von der Wärmepumpe beaufschlagt wird.
Zentrale Wärme-, Kälte- und Außenluftversorgung
Die Funktion heizen und kühlen mit einem Wärmetauscher mindert den Strömungsdruckverlust auf der Luftseite und reduziert den Elektroenergieeinsatz. Die Maxime „einfache Anlage mit geringen Investitionskosten und geringem Energieverbrauch“ sollte im Vordergrund stehen. Es fiel die Wahl auf Wärmepumpen in Außenaufstellung mit Kältemittelkreislauf und der wechselweisen Verdampfer-, Kondensatornutzungen. Bild 6 zeigt die Einbindung einer Wärmepumpe in das Funktionsschema der Gesamtanlage. Der Verdampfer/Kondensator ist in den Zuluftstrom einer Zone eingebunden und sichert ganzjährig die Zulufttemperierung. Aus der Umgebung wird Energie über den Verdampfer aufgenommen bzw. bei Kondensatornutzung abgegeben.
Das Luft-/Luftsystem ist mit Zusatzwärmetauscher im Heißgaskreis ebenfalls zur Warmwasserbereitung einsetzbar. Vorteilhaft ist der Einsatz von zwei Wärmepumpen je Regelzone zur feineren Regelabstufung und Überbrückung des ca. zehnminütigen Abtauvorgangs des Verdampfers (außen) im Heizbetrieb. Neue Wärmepumpenentwicklungen umgehen diesen Abtauvorgang durch vergrößerte Verdampfer und Heißgasspülungen bzw. zusätzliche PCM-Speicher. Die zentrale Luftaufbereitungseinheit besteht thermodynamisch nur aus der Wärmerückgewinnung. Zum Einsatz kommt ein Rotationswärmetauscher mit minimalem Druckverlust und Rückwärmezahlen größer 80 %. Gleichzeitig findet die Feuchteübertragung statt. Die 3 bis 4 K Wochenendauskühlung werden zum Wochenbeginn durch kurzen Umluftbetrieb über eine Umluftkammer im Zentralgerät angehoben. Insgesamt wurde Wert auf höchste Effizienz aller Komponenten gelegt, so dass der gegenwärtig aus dem öffentlichen Netz bezogene Strom kurzfristig durch Photovoltaikflächen mit Speichernutzung ergänzt oder ganz aufgebracht werden kann. In Bild 6 ist diese Einbindung schon skizziert. Wie die Luftverteilung in einer Büroetage aussieht, ist vor Montage des Doppelbodens im Bild 7 erkennbar. Der geringe Flächenverbrauch durch die Luftkanäle im Doppelboden schafft erheblichen Spielraum für sonstige Kommunikationstechnik oder Änderungen bei neuen Raumaufteilungen.
Zusammenfassung
Verwaltungsgebäude können zukünftig ohne Nutzung fossiler Energieträger betrieben werden. Die Be- und Entlüftungsanlage übernimmt dann neben der Außenluftversorgung und Schadstoffabfuhr die Heiz- bzw. Kühlfunktion. Das Ziel, trotzdem den technischen Aufwand an Anlagentechnik zu minimieren, ist im Vorfeld mit erhöhtem Ingenieureinsatz verbunden. Die Minderung äußerer Einflüsse auf das Gebäudeinnere durch Zusatzdämmung und Nutzung möglichst großer Speicherflächen zum thermischen Lastausgleich sollte Grundlage werden. Transportierte Luftmengen reduzieren sich etwas über den personenbezogenen Außenluftanteil. Luft-/Luft-Wärmepumpen temperieren den Zuluftstrom im Sommer und Winter einheitlich für das Gesamtgebäude oder bei keiner gemeinsamen Zulufttemperatur unterteilt in Zonen. Volumenstromregler sichern die Einzelraumregelung und gewährleisten den Mindestaußenluftvolumenstrom. Die Nutzung der Photovoltaik für die Anlagentechnik der TGA dürfte kurzfristig Realität werden.
Literatur
[1] W. Reichel, A. Bossow, Büroneubau DIAL – Vorstellung eines neuen Gebäudeklimakonzepts, TAB 4/2012, S. 58/61 [2] M. Stahl: TGA im neuen Hauptquartier der DIAL in Lüdenscheid, CCI, 25. Mai 2012, S. 13/15Jetzt Artikel freischalten:
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