Ein Leitfaden für die Energiewende
Energienutzungsplan für die Stadt Regensburg„Die Energiewende soll den Menschen Spaß machen“, sagt der Regensburger Bürgermeister Jürgen Huber. Viel Positives hat sie bereits für Regensburg gebracht. Insbesondere einen innovativen Energienutzungsplan (ENP), der von der Ingenieurgesellschaft Team für Technik erstellt wurde und nun nach und nach umgesetzt wird. Die Realisierung des Energienutzungsplans wird von der Energieagentur Regensburg gesteuert.
Der Beitritt zum Klimabündnis der Europäischen Städte und der Beschluss des Umweltausschusses über energieoptimierte Bauleitplanung waren wichtige erste Schritte. Aufklärungsaktionen, Förderprogramme, Modellprojekte und Konzepte für Neubaugebiete folgten. Strategische Maßnahmen wie die Gründung der Energieagentur – gemeinsam mit dem Landkreis – haben den Klimaschutz systematisiert und verstetigt.
Aufbauend auf diesen Aktivitäten beschloss...
Der Beitritt zum Klimabündnis der Europäischen Städte und der Beschluss des Umweltausschusses über energieoptimierte Bauleitplanung waren wichtige erste Schritte. Aufklärungsaktionen, Förderprogramme, Modellprojekte und Konzepte für Neubaugebiete folgten. Strategische Maßnahmen wie die Gründung der Energieagentur – gemeinsam mit dem Landkreis – haben den Klimaschutz systematisiert und verstetigt.
Aufbauend auf diesen Aktivitäten beschloss die Stadt Regensburg die Erstellung eines Energienutzungsplans. Von April 2013 bis April 2014 erarbeitete das Ingenieurbüro Team für Technik (Ingenieure für Energie- und Versorgungstechnik) diesen Plan unter Beteiligung städtischer und externer Fachstellen.
Mit dem Energienutzungsplan steht der Stadt nun ein informelles Planungsinstrument zur Analyse der Energieversorgung und der Klimaschutzpotentiale, zur Maßnahmenkoordination und zur Entwicklung von Umsetzungskonzepten im Sinne einer Gesamtstrategie zur Verfügung.
Grundlagen des ENP
Eine zentrale Grundlage des Energienutzungsplans (ENP) sind kommunale Strukturdaten, denn Stadtbezirke können sehr unterschiedlich sein: Zum Beispiel die Innenstadt – dicht bebaut, Wohn- sowie Mischnutzung und viele öffentliche Einrichtungen. Ein Gegenbeispiel dazu ist der Bezirk Galgenberg: Als Universitäts- und Hochschulstandort ist er stark geprägt durch Bildung, Forschung und Kultur. Wieder andere Bezirke haben dagegen eine höhere Gewerbe- und Industrienutzung. Diese unterschiedlichen Strukturen haben Auswirkungen auf die Energieversorgung.
Der ENP unterscheidet die Verbrauchergruppen Haushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen. Die Unternehmen prägen den Energieverbrauch in Regensburg stärker als in den meisten Städten. Hier gibt es das höchste Verhältnis von Erwerbstätigen zu Einwohnern unter allen Großstädten in Bayern. Entsprechend wichtig ist diese Verbrauchergruppe für den ENP.
Regensburg ist die am besten erhaltene mittelalterliche Großstadt in Deutschland, die Altstadt sogar UNESCO-Welterbe. Der Denkmalschutz ist ein allgegenwärtiges Thema und begrenzt im Altstadtbereich zum Beispiel das Solarenergiepotential und die Möglichkeiten der energetischen Gebäudesanierung.
Analyse des Energieverbrauchs
Zur Analyse des Wärmeverbrauchs im Stadtgebiet wurde im ENP ein Wärmekataster erstellt. Es erfasst einen Jahreswärmebedarf von 1.605 GWh. Davon entfallen 11 % auf denkmalgeschützte Gebäude. Erste Schätzungen ergeben, dass der maßgebliche Beitrag zur Energieeinsparung im nicht denkmalgeschützten Bestand erbracht werden muss. Der Stromverbrauch im Jahr 2012 lag in Regensburg bei 1.236 GWh. Davon entfielen 9 % auf selbst verbrauchten Strom aus dezentralen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und 91 % auf Stromlieferungen aus dem Netz.
Die in Regensburg zugelassenen KFZ erreichten im Jahr 2012 eine Fahrleistung von ca. 1,8 Mrd. km. Dafür wurden etwa 1.239 GWh Energie im Verkehr verbraucht.
Die Analyse der Verbrauchergruppen zeigt, dass die Regensburger Unternehmen mit 55 % deutlich über die Hälfte der Energie verbrauchen. Auf die privaten Haushalte entfallen 37 %. Öffentliche Einrichtungen (einschließlich sozialer und konfessioneller) verbrauchen 7 % der Energie.
Analyse der Strom- und Wärmeerzeugung
Nach dem Verbrauch analysiert der Energienutzungsplan die Strom- und Wärmeerzeugung – unter den Blickwinkeln „Erneuerbare Wärme“, „Erneuerbarer Strom“ und „fossil befeuerte Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen“.
Im Jahr 2012 wurden in Regensburg 80,7 GWh erneuerbarer Wärme erzeugt. Im selben Zeitraum wurden 113 GWh an erneuerbarem Strom erzeugt – etwa 9 % des Stromverbrauchs. Über die Hälfte der erneuerbaren Stromerzeugung kam aus den Wasserkraftwerken am Oberen Wöhrd. Etwa 20 % des erneuerbaren Stroms wurden in vier größeren Biomethan-BHKW des lokalen Versorgers REWAG erzeugt. Photovoltaik steuert 16 % bei, Klärgas- und Deponiegas-BHKW zusammen 7 %. Das Windrad am Mühlberg erzeugt 0,5 % des erneuerbaren Stroms.
CO2-Minderungspotentiale
CO2-Emissionen können durch Einsparmaßnahmen, effizientere Bereitstellung oder den Einsatz erneuerbarer Energien gesenkt werden. Das Potential für Kohlenstoffdioxid-Minderungen durch Energieeinsparung liegt in Regensburg für Nichtwohngebäude und Prozessenergie bei etwas über einem Drittel des heutigen Verbrauchs und für Wohngebäude etwas darunter.
Im Abschnitt zur Effizienzsteigerung bei der Energiebereitstellung identifiziert der Energienutzungsplan vier größere gewerblich-industrielle Abwärmepotentiale, die genauer untersucht werden sollen. Diese vier Anwendungsfälle sind eine Abwärme-Einspeisung in ein Nahwärmenetz, die Versorgung einer Schule aus einem Nachbarbetrieb, ein Wärmeverbund im Gewerbegebiet und die Versorgung einer dörflich geprägten Siedlung aus einem nahegelegenen Betrieb.
Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)
Kraft-Wärme-Kopplung ist eine Effizienztechnologie, die den Energieinhalt von Brennstoffen besser ausnutzt als die getrennte Strom- und Wärmeerzeugung. Größere Einzelverbraucher und Wärmenetze können KWK-Anlagen oft sinnvoll einsetzen. Für einen wirtschaftlichen Betrieb von Wärmenetzen ist ein Mindest-Wärmebedarf pro versorgter Flächeneinheit erforderlich, ab dem eine Prüfung einer wärmenetzgebundenen KWK-Versorgung in Frage kommt.
Solarenergie
Unter den erneuerbaren Energien hat die Solarenergie in Regensburg das größte ungenutzte Potential – trotz Solaranlagenverbot in der Altstadt. Dieses Potential wurde in mehreren Szenarien untersucht: In einem Szenario wird etwa zunächst das Potential zur solarthermischen Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung ermittelt und anschließend das Photovoltaikpotential der verbleibenden geeigneten Dachflächen. Daraus ergeben sich ein Solarthermiepotential von 136 GWh/a und ein Photovoltaikpotential von 375 GWh/a.
Bioenergie
Das lokale Bioenergiepotential ist in Regensburg durch die städtische Situation eher gering – geringer als die derzeitige Bioenergieerzeugung. Es wird also schon heute Biomasse zur energetischen Verwertung von außerhalb eingeführt. Deshalb gibt es bilanziell auf diesem Weg kein zusätzliches CO2-Minderungspotential. Allerdings könnten interkommunale Brennstoffkonzepte die Rolle der regionalen Bioenergie weiter ausbauen, indem Umlandregionen mit „übrigem“ Bioenergiepotential zur Versorgung von städtischen Energieverbrauchern beitragen.
Oberflächennahe Geothermie
Oberflächennahe Geothermie und Umweltwärme sind vor allem im Neubau und in sanierten Gebäuden eine gute Wärmequelle. Ein Sonderfall ist hier Wärme aus Abwasser in der Kanalisation. Es erreicht üblicherweise ganzjährig zuverlässig Temperaturen über 10 °C und eignet sich bei ausreichendem Durchfluss deshalb gut als Wärmequelle für Wärmepumpen. Grundlage der Potentialermittlung im Energienutzungsplan sind alle Kanäle mit Trockenwetter-Durchfluss über 15 l/s. Das Potential ist, bezogen auf den Gesamtbedarf, klein, allerding durchaus im Gigawattstunden-Bereich und unter geeigneten Bedingungen eine vielversprechende, lokal bereits erprobte Nischentechnologie.
Wasserkraft
Das Wasserkraftpotential ist in Regensburg weitgehend ausgeschöpft. Einzig ein neues Schleusenkraftwerk könnte möglicherweise zusätzliches Potential bedeuten. Es ist aber für eine abschließende Beurteilung noch nicht hinreichend untersucht.
Konzept- und Maßnahmenentwicklung
Zentrale Ergebnisse des ENP sind Konzepte und Maßnahmen. Sie wurden aus den vorbereitenden Analysen und den Ergebnissen einer von Team für Technik geleiteten Fachworkshop-Reihe vom Dezember 2013 entwickelt. Die Ergebnisse verteilen sich auf fünf Handlungsfelder: „Strategie und Koordination“, „ENP Wärme und Kraft-Wärme-Kopplung“, „ENP Strom“, „Vernetzung und Beteiligung“ sowie „Detailstudien“.
Das Handlungsfeld „Strategie und Koordination“ greift Ideen aus den Fachworkshops und dem Entwicklungsprozess des ENP auf. Diese verbessern die Abstimmung und Steuerung von Projekten und helfen, frühzeitig Aspekte der Energieplanung in übergeordnete Vorhaben einzubeziehen. Maßnahmen sind zum Beispiel die Einrichtung eines Energieforums als Steuerungsgremium, die Formulierung eines Leitbildes, quantitative Klimaschutzziele und Meilensteine sowie eine systematische, frühzeitige Verzahnung von Bauleitplanung und Energieplanung. Das zweite und dritte Handlungsfeld bilden den ENP im engeren Sinne. Das Handlungsfeld „ENP Wärme einschließlich ENP KWK“ identifiziert grundsätzlich für Wärmenetze geeignete Gebiete. Es zeigt auch Gebiete mit hohem theoretischen Wärme-Einsparpotential auf und gibt Handlungsempfehlungen für konkrete Energieträger. Das Handlungsfeld „ENP Strom“ untersucht Standorte für erneuerbare Stromerzeugungsanlagen.
Ein flankierendes Handlungsfeld heißt „Vernetzung und Beteiligung“. Es bündelt bestehende Ansätze mit Initiativen aus den Fachworkshops – etwa die Initial-Energieberatung für Wohngebäude oder den Aufbau einer Bioenergiebörse, von Energieeffizienz-Netzwerken und eines Energiebildungszentrums.
Das abschließende Handlungsfeld schlägt vertiefende „Detailstudien“ vor. Zum Beispiel Quartierskonzepte für ausgewählte Standorte, ein Teilklimaschutzkonzept für ein konkretes Industriegebiet und Liegenschaftsenergiekonzepte.
Umsetzung
Auch das beste Konzept muss erst umgesetzt werden, bevor es den Klimaschutz und die Energiewende voranbringen kann. Aus Kapazitätsgründen ist es der Stadt Regensburg nicht möglich, alles gleichzeitig zu erledigen. Sie setzt deshalb Schwerpunktthemen:
Die genannten Themen werden in verschiedenen Arbeitsgruppen vorangebracht, die mit Sachverständigen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung bestückt sind. Den Arbeitsgruppen ist ein „Lenkungs- und Beratungsgremium“ übergeordnet, in dem wichtige Akteure und Entscheidungsträger der „Energiewende“ aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen vertreten sind. Ziele dieses Gremiums sind insbesondere die Bündelung von Kompetenzen, die Beseitigung von Umsetzungshemmnissen sowie die Vorbereitung bzw. das Treffen von Entscheidungen.
Der gesamte Prozess der Umsetzung des Energienutzungsplans ist zunächst bis zum Jahr 2018 angelegt und wird von der Energieagentur Regensburg gesteuert. Die Energieagentur qualifiziert sich für diese Aufgabe durch ihre fachliche Kompetenz und aufgrund des breit gefächerten Mitgliedernetzwerks an Unternehmen, Institutionen und Persönlichkeiten, das in den vergangenen Jahren von der Agentur aufgebaut wurde. Viele Akteure, die bei der Umsetzung des ENP mitwirken müssen, sind bereits in der Energieagentur Regensburg organisiert. Die Verantwortlichen sind sich darüber im Klaren, dass die Umsetzung des ENP, wie die gesamte Energiewende, eine Daueraufgabe für die Zukunft sein wird.
Der Energienutzungsplan Regensburg liefert die notwendigen Vorgaben für zukünftige Entscheidungen, insbesondere mit seinem praxisbezogenen Maßnahmenkatalog, seinem belastbaren, quartiersbezogen aufgeschlüsselten Zahlen- und Kartenwerk und den in Workshops erarbeiteten lokalen und fachlichen Verankerungen.
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