„Blaue Kälte“ für Krønasår

Europa-Park koppelt Wasserwelt mit Hotel

Kein geringerer als der amtierende Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) hielt die Laudatio. Denn neben dem runden Leder schlägt das Herz von Fritz Keller für den Weinbau, eine ausgezeichnete Gastronomie und Hotellerie. Mehr noch, es ist seine Profession. So war es naheliegend, dass nur er der seit vielen Jahren eng verbundenen Familie Mack am 3. Februar 2020 den renommierten Branchen-Preis „Hotelier des Jahres“ verlieh. Eine außergewöhnliche Auszeichnung für den Europa-Park in Rust. Mindestens ebenso außergewöhnlich und preiswürdig ist das damit eng verwobene Heiz- und Kühlkonzept – betrieben mit blauer Energie.

Mischt man grün mit grau, ergibt es blau. Kenner der Farbenlehre werden bei dieser Aussage schmunzeln, Experten der Energiewirtschaft sind hingegen entzückt. Denn die Kombination aus grauem Strom des öffentlichen Netzes mit ökologisch erzeugter grüner Energie ergibt in Summe tatsächlich blauen Strom, blaue Wärme und blaue Kälte. So hat es der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung e.V. definiert und als eingetragene Wortmarken auch festgeschrieben. Mit diesem „Blau“ heizt und klimatisiert der Europa-Park seine neue Wasser-Erlebniswelt „Rulantica“ intelligent und auf nachahmenswerte Weise.


Vorbi...

Mischt man grün mit grau, ergibt es blau. Kenner der Farbenlehre werden bei dieser Aussage schmunzeln, Experten der Energiewirtschaft sind hingegen entzückt. Denn die Kombination aus grauem Strom des öffentlichen Netzes mit ökologisch erzeugter grüner Energie ergibt in Summe tatsächlich blauen Strom, blaue Wärme und blaue Kälte. So hat es der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung e.V. definiert und als eingetragene Wortmarken auch festgeschrieben. Mit diesem „Blau“ heizt und klimatisiert der Europa-Park seine neue Wasser-Erlebniswelt „Rulantica“ intelligent und auf nachahmenswerte Weise.

Vorbildliches Unternehmen

Er ist Deutschlands größter Freizeitpark, bei den Besucherzahlen (2019 über 5,7 Mio.) mit führend in Europa, vielfach prämiert und wurde 2019 zum sechsten Mal in Folge mit dem Branchen-Oscar „Golden Ticket Award“ als „Bester Freizeitpark weltweit“ ausgezeichnet. Hinter solchen Superlativen steckt ein unvergleichliches Freizeitvergnügen für Jung und alt – gepaart mit nunmehr acht Generationen harter, bodenständiger Arbeit und Herzblut der Schaustellerfamilie Mack. Zur Ausweitung des Freizeitangebots entwickelte Europa-Park-Chef Roland Mack schon vor über 20 Jahren „Confertainment“, eine Verschmelzung aus Tagungen, Konferenzen oder Veranstaltungen mit eigenen Shows, Unterhaltungselementen und Parkbesuchen. Die Idee, berufliches mit Freizeit zu verbinden, funktionierte. Im dafür errichteten Confertainment-Center und den Hotels finden heute jährlich mehr als 1.300 Veranstaltungen statt.


Krønasår verbindet „Rulantica“ ober- und unterirdisch

Bis 2019 zählten fünf ganz unterschiedliche Themenhotels für viele Parkbesucher und Confertainmentgäste zum Über­nach­tungs­angebot des Freizeitparks. Dann eröffnete im Mai 2019 die sechste 4-Sterne-Superior-Herberge „Krønasår – The Museum Hotel“. Wenige Monate danach folgte im Februar 2020 die Prämierung zum „Hotelier des Jahres“ (siehe Infokasten). Das neue Hotel ist im Stil eines nordischen Naturkundemuseums thematisiert. Die Baukosten betrugen rund 70 Mio. € und erweitern die Kapazität des Parks um weitere 1.300 Betten. Damit hat der Europa-Park seine führende Position als größtes Hotelresort in Deutschland (sechs Hotels und ein Camp Resort) mit alles in allem 5.800 Betten weiter ausgebaut. Krønasår wurde notwendig als Teil der jüngsten Geschäftsidee: eine Wasser-Erlebniswelt mit dem mystischen Namen „Rulantica“. Deren Baukosten werden in der ersten Ausbaustufe auf 180 Mio. € (inklusive Hotel und Infrastruktur) beziffert. Erweiterungen sollen folgen, das dafür notwendige Gelände ist schon lange gesichert.

Die sichtbare Verbindung für Hotelgäste von Krønasår schafft eine Brücke mit direktem Zugang zum Innenbereich der 32.000 m² großen und 20 m hohen Halle des Bades. Diese wird von einem der größten Holzdächer Europas überspannt und gleicht aus der Vogelperspektive einer riesigen Muschel. Der Außenbereich umfasst weitere 11.000 m². Zu den Attraktionen zählen 17 Wasserrutschen, ein großes Wellenbad, ein „Wild River“, der Strömungskanal „Lazy River“, mehrere Wasserspielplätze für unterschiedliche Altersgruppen, Wasserfälle, Sprudelliegen und Liegebereiche. All das bekommt der Gast zu Gesicht. Wie der Badespaß gekühlt und beheizt wird, bleibt verborgen. Dafür gibt es außer der Brücke aber eine weitere Verbindung zwischen Hotel und Wasserwelt. Das zeigte der Blick hinter die Kulissen ins Technikherz von Rulantica.

 

Ruhebetrieb öffnet Türen

Die Gelegenheit für eine Besichtigung der Technikzentrale bot sich dem Autor nun während der schwersten Zeit des Europa-Parks seit seiner Gründung im Jahr 1975. Wegen der Ausbreitung des Corona-Virus und dem bundesweiten Lockdown verschob sich der Start der Sommersaison 2020 für die Betreiberfamilie Mack um acht unendlich lange Wochen auf Ende Mai. Noch härter traf es „Rulantica“, das für den Ganzjahresbetrieb konzipiert ist. Nach erfolgreichem Probe­betrieb und der feierlichen Eröffnung im November 2019 musste die Erlebniswelt zwischen März und Juni wegen der Pandemie den Betrieb ebenfalls schlagartig einstellen. Normalerweise hätten sich täglich bis zu 50.000 Parkbesucher und 3.500 Badegäste auf dem insgesamt 140 ha großen Gelände vergnügt. Unter strengen Auflagen ist dies mit deutlich reduziertem Besucherstrom seit Ende Mai wieder möglich. 

Während des Notbetriebs war aber Zeit für Einblicke in die Technische Gebäudeausrüstung  (TGA) und führte zu spannenden Erkenntnissen. Dazu verhalfen der Direktor von „Rulantica“, Michael Kreft von Byern, und der verantwortliche Versorgungstechniker, Andreas Beil. Der kümmert sich mit seinem zwölfköpfigen Team rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche um den reibungslosen Betrieb der Erlebniswelt und um die Energieversorgung. So fallen neben der Wasseraufbereitung auch die Lüftungstechnik und die Wärmeversorgung in sein Aufgabengebiet. „Unter normalen Umständen wäre ich jetzt im Dauereinsatz. Denn die Sicherstellung des reibungslo­sen Betriebs der TGA und der Ge­bäude­automa­tion (GA) ist tatsächlich ein Fulltimejob und hat hohe Priori­tät. Während des Ruhebetriebs können wir bei der Versorgungstechnik nun ungeplant Dinge ausprobieren, um den Anlagenbetrieb zu optimieren.“ So machte Andreas Beil aus der Not eine Tugend. Da „Rulantica“ in der kurzen Zeit seit der Eröffnung wenig Gelegenheit zum Einregeln einer komplexen Versorgungstechnik bot und noch keine langfristigen Betriebserfahrungen vorliegen, half die Unterbrechung kurzerhand für Optimierungen und ließ Zeit für eine Anlagenbesichtigung. 

 

Wärme und Kälte blau gemacht

Als echtes Highlight entpuppte sich dabei die Wärme- und Kälte­versorgung von Wasserpark und Hotel. „Wenn man so will, konnten wir zwei Sektoren in idealer Weise miteinander koppeln“, erinnert sich auf Nachfrage der für die Planung zuständige Hans Helmut Schaper an die ersten Ideen. Zu den Spezialgebieten seiner Planungsgruppe VA GmbH gehören Sport- und Freizeitbäder. Zahlreiche Referenzen führten dazu, den Experten schon während der frühen Planungsphase 2013 in das Projektteam zu holen. Denn der Europa-Park ist zwar ein professioneller Park- und Hotelbetreiber, ein Erlebnisbad war jedoch echtes Neuland. „Damit bestand die Chance, über den Beckenrand hinaus zu denken und das angrenzende Hotel in die Planungen einzubeziehen. So kam es zu dem Vorschlag, zwei BHKW mit zwei Absorptionskälteanlagen zu koppeln, um einen Teil der Wärmeversorgung für das Bad sowie die Klimatisierung der 304 Zimmer im Krønasår zu decken“, erklärt Helmut Schaper. Die Idee verfestigte sich und wurde nach umfassender Befundung durch den Betreiber in die Tat umgesetzt.

Während der Winterzeit decken heute die beiden gasbetriebenen BHKW rund 60 % des Wärmebedarfs für die Wasserwelt (mittels Betonkernaktivierung plus Zuluftsystem) und für das Hotel mit blauer Wärme. Außerdem wird Abwärme der BHKW zur Badentfeuchtung verwendet bzw. zur Pufferung in zwei große Wärmespeicher mit einem Gesamtvolumen von 60.000 l gegeben. Den Restwärmebedarf decken drei weitere Gaskessel.


Blaue Kälte braucht kein Kältemittel

Aber auch im Frühling und Herbst, ja sogar im Sommer braucht ein Freizeitbad Wärme­energie, damit die Beckentemperaturen innen und außen konstant zwischen 30 und 32 °C gehalten werden. Das gilt rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche. Hinzu kommt, dass die täglich vorgeschriebene Menge an Frischwasser – pro Badbesucher sind das 30 l – in „Rulantica“ über ein ausgedehntes Tiefbrunnennetz dem Grundwasser entnommen werden dürfen. So müssen bei maximal 3.500 Gästen täglich zusätzlich über 100 m³ Frischwasser um rund 20 K auf Betriebstemperatur aufgeheizt werden. Auch das erledigen die beiden BHKW. Ihre Abwärme mit rund 90 °C treibt, wie schon für die Entfeuchtung beschrieben, zeitgleich die beiden Li-Br-Absorptionskältemaschinen an. So entsteht blaue Kälte. Sie sorgt ständig für kaltes Wasser von 6/12 °C im Vor- und Rücklauf, dass zur Klimatisierung der 304 Hotelzimmer dient. Das geschieht über die gleichen Konvektoren, die die Räume im Winter heizen. Der Gleichzeitigkeitsfaktor von Wärme- und Kältebedarf im Sommer ist optimal aufeinander abgestimmt und eine ideale Kombination. So wird eine Kompressionskälteanlage für die Klimatisierung der Hotelzimmer überflüssig. Der Betreiber umgeht darüber hinaus elegant die F-Gas-Verordnung 517/2014 und jede damit verbundene Kältemitteldiskussion. Um die beiden Prozesse zu koppeln, gibt es außerdem einen 6.000 l großen Kaltwasserspeicher als hydraulische Weiche. Durch diese Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung (KWKK) gelingt es, die Laufzeiten der BHKW auf 8.500 Stunden pro Jahr auszudehnen und eine hohe Auslastung für blaue Wärme, blaue Kälte zu erzielen und obendrein blauen Strom zu erzeugen.

 

Langfristig denken und handeln

Eine gute Idee, aber einfach zu teuer. Tatsächlich ist dies häufig das Totschlagargument, wenn es um die Umsetzung vergleichbarer Projekte wie in „Rulantica“ geht. „Tolle innovative Ideen, die unser Park braucht, sind das eine. Im Praxisbetrieb muss es aber zuverlässig funktionieren und sich bewähren.“ Aus Sicht von „Rulantica“-Direktor Michael von Byern gilt das auch für die Versorgungstechnik. So wurden die zu einer Standard-TGA – fossil befeuerte Heizkessel und elektrisch betriebene Klimasysteme – vergleichsweise hohen Investitionen für die Kombination BHKW, Absorptionskälte nebst Rückkühler, Wasseraufbereitung plus Wartung genau abgewogen. „Über unseren Invest im Detail, oder unsere Betriebskosten geben wir grundsätzlich keine Auskünfte. Ich kann aber feststellen, dass die ursprünglich kalkulierten Ener­giekosten von Wasserwelt und Hotel schon während der ersten Betriebsphase unterschritten wurden. Natürlich brauchen wir für belastbare Aussagen wenigstens ein Betriebsjahr, auch um alles unter Volllast einzuregeln. Aber wir sind sicher, dass sich die Investition in blaue Energie weit über die Betriebszeit der Wasserwelt ‚Rulantica‘ hinaus bezahlt machen wird.“ 

Unternehmen, langfristig denken, verantwortungsvoll handeln und immer auf Sicht fahren, das sind die Devisen der Europa-Park-Entscheider. Das verdient nicht nur den Branchenpreis „Hotelier des Jahres“, sondern eigentlich auch einen Sonderpreis für „Blaue Energie“.

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