Kommentar

„Post“-Corona-Wirtschaft

Aus deutscher Perspektive scheint das Ende der Pandemie nun endlich absehbar, wenngleich wohl noch nicht recht in Sicht zu sein. Die Impfkampagne ist weit gediehen, die Infektionszahlen sind auf einem nicht allzu besorgniserregenden Niveau, die Infektionsschutzmaßnahmen wurden zuletzt immer weiter gelockert. Es keimt die Hoffnung und es stellen sich die Fragen: Wie geht es der Wirtschaft? Hat sie sich schon erholt? Wird sie sich bald erholen?


Einschneidende Maßnahmen

Seit dem Frühjahr 2020 war die Wirtschaft gezwungen, sich auf ständig wechselnde und so vorher nicht gekannte Umstände einzurichten. Wenig verwunderlich ist, dass sich die deutsche Wirtschaft zu Anfang der Pandemie durch die ersten einschneidenden Maßnahmen arg gebeutelt sah – Shutdown des öffentlichen Lebens, Auflagen für den Handel, in manchen Branchen auch behördlich verordnete Betriebsschließungen etc. Nach dem ersten massiven Einbruch hatte es dann in der zweiten Jahreshälfte 2020 zunächst überraschend den Anschein, die Auswirkungen des Geschehens könnten besser verkraftet werden, als es sich zunächst andeutete. Nicht zuletzt schoss der DAX stark nach oben. Indes musste sich die deutsche Wirtschaft dann ab November 2020 bis in den Frühsommer 2021 erneut massiven Einschränkungen – dem so genannten Teil-Lockdown – beugen, was den Schwung nach oben wieder begrenzte. Im kompletten Euroraum sind die Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung sichtbar, wobei Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern noch recht gut dasteht.

Die Politik versuchte gegenzusteuern

Die Politik hat in Deutschland rasch mit Krediten, Rekapitalisierungen, Bürgschaften und Garantien gegengesteuert, um das Angebot am Markt zu sichern. Später wurde die Mehrwertsteuer gesenkt, um die Nachfrage zu stärken. Der digitale Strukturwandel wurde notgedrungen endlich angeschoben, was ebenfalls gewisse positive Effekte hatte. All diese wirtschaftspolitischen Eingriffe waren wohl zumindest Mitursache für den ersten scheinbaren Wiederaufschwung ab Mitte 2020 und für das etwas bessere Abschneiden gegenüber den EU-Nachbarn.

Weltweit gestörte Lieferketten

Dennoch, die Wirtschaft hat sich noch nicht wieder vollständig erholt und ist auch noch längst nicht außer Gefahr. Wenn auch aus deutscher Perspektive ein Ende absehbar erscheint, so wird die Krise auch hierzulande erst überwunden sein, wenn die Lage sich weltweit gebessert hat. Nicht nur aus epidemiologischer Sicht kann es nämlich immer wieder zu neuen Infektionen in Deutschland kommen, solange es andernorts noch Infizierte gibt und weltweit gereist wird. Darüber hinaus aber wirken sich in Deutschland eben nicht nur die „Maßnahmen“ der hiesigen Regierung zum Infektionsschutz aus. Die absolut korrekt als Pandemie bezeichnete Krisenlage stört weltweit die Wirtschaft und unterbricht bzw. behindert daher auch die Herstellung und Anlieferung von für den hiesigen Markt gedachten Produkten, Rohstoffen, Bauteilen usw. – die Lieferketten sind gestört. Zuletzt gab es beispielsweise massive Engpässe bei der Zulieferung von Halbleitern; weit mehr als die Hälfte aller Produzenten von Halbleitern sitzt im Asien-Pazifik-Raum, der schon Anfang 2020 von heftigen Abschottungsmaßnahmen betroffen war. Die Lieferketten der „verderblichen“ Halbleiter haben sich bis heute nicht erholt.

Folgen der Krise

Paqué ist der Auffassung, es gebe drei Gründe, aus denen es extrem schwierig sei, die Folgen dieser Krise abzuschätzen: Erstens sprenge ihr gigantisches Ausmaß alle bisherigen Erfahrungshorizonte. Zweitens sei es ihre globale Dimension, die praktisch alle Länder der Welt einen eigenen scharfen wirtschaftlichen Einbruch und gleichzeitig massive Einbrüche in Handelspartnerländern erleben lasse. Drittens sei es der Charakter der Krise. Es handele sich nicht um eine Krise, die ihren Ursprung in der Wirtschaft selbst hat, sondern in einem medizinischen Tatbestand, nämlich der extrem leichten Verbreitung eines Virus. Dieser schränke die risikolosen Kontaktmöglichkeiten massiv ein und damit auch die wirtschaftliche Tätigkeit. Das alles habe es so noch nicht gegeben (vgl. in diesem Sinne Paqué, Die Corona-Krise: Ende der Globalisierung, in: LpB BW – Deutschland & Europa, H. 80 (2020), Seite 64ff. (80)).

Diese Einschätzung erscheint zutreffend. Sodann ist zwar mit Paqué (aaO.) zu konstatieren, dass es schon früher weiterreichende Krankheitsgeschehen gab – beispielsweise die Spanische Grippe am Ende des Ersten Weltkriegs 1918/19, die zu einer noch viel höheren Mortalität führte als Covid-19. Diese Krankheitsgeschehen haben sich aber damals nicht in einer wie heute strukturierten und vor allem globalisierten Welt abgespielt. Sowohl das Ausmaß der internationalen Verflechtungen als auch der systematischen Einschränkungen des Lebens durch die Regierungen als Reaktion auf die Pandemie gab es bei früheren solchen Geschehnissen nicht.

Fazit

Eine seriöse Prognose, wie es der Wirtschaft in den nächsten Monaten und Jahren ergehen wird, kann aktuell noch nicht getroffen werden. Wie schnell sich etwa die EU-Wirtschaft erholen könnte, kann derzeit niemand vorhersehen. Daher wird es Aufgabe der Unternehmen bleiben, sich auf erneute Engpässe, Einschränkungen und dergleichen vorzubereiten – so gut es geht. Aufgabe der Regierung muss es bleiben, wirtschaftspolitisch zu unterstützen. Zudem muss die internationale Zusammenarbeit, insbesondere die gesundheitspolitische, gestärkt und durch den globalen Handel gestützt werden. Es gilt, „globale Kanäle offen zu halten“, sodass auch die deutsche Wirtschaft (wieder) freier agieren und sich dann (hoffentlich) auch bald wieder erholen kann.

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