Gelebte gesellschaftliche Verantwortung

Interview mit Christin Roth-Jäger und Christian Rossbach

tab: Zu den Unternehmensgrundsätzen von Roth, die auf Ihrer Homepage zu finden sind, gehört die „umwelt- und ressourcenschonende Fertigung und Gestaltung der Produkte“. Ähnliche Formulierungen liest man aus Marketinggründen wahrscheinlich bei den allermeisten Firmen, doch nicht immer stecken echte Bemühungen dahinter. Wie wird dieser Grundsatz bei Roth gelebt?

Christin Roth-Jäger: Der vorsorgende, produktionsintegrierte Umweltschutz setzt bei uns in der Planung, der Produktion und der Produktionsanlagen an. Denn im Idealfall entstehen Abfälle, Emissionen und Abwasser erst gar nicht. Zum Beispiel kann man vielfach gefährliche Stoffe ersetzen, Wasser und Rohstoffe wiederverwenden oder die Produktion etwa durch Energierückgewinnung effi­zien­ter gestalten.

Uns als Familienunternehmen ist es sehr wichtig, unserer gesellschaftlichen Verantwortung Rechnung zu tragen, deshalb verfolgen wir ein ehrgeiziges Klimaschutzprogramm und haben ein eigenes Umweltmanagementsystem entwickelt. Seit 2010 sind wir nach EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) zertifiziert und veröffentlichen regelmäßig eine Umwelterklärung.

Das Umweltaudit-System EMAS gilt als eine der strengsten Verordnungen im Umweltschutz. Sie ist ein von den europäischen Gemeinschaften entwickeltes Instrument für das freiwillige Umweltmanagement und die Umweltbetriebsprüfung von Unternehmen, die ihre Umweltleistung über die umweltgesetzlichen Anforderungen hinaus verbessern wollen.

Unser Klimaplan hat einen doppelten Nutzen: Einerseits schützen wir die Ressourcen und andererseits – auch wenn wir anfänglich investieren müssen – sparen wir langfristig Energie und Kosten.

tab: Die Roth Werke haben 2018 den nationalen Umweltpreis „EMAS Umweltmanagement“ gewonnen. Wer und was stecken hinter dieser Auszeichnung?

Christin Roth-Jäger: Diese nationale Auszeichnung vergaben das Bundesumweltministerium (BMUB) und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Sie zeichneten uns damit für die vorbildliche und innovative Umsetzung unseres Umweltmanagements in Buchenau und Wolfgruben aus. Dabei setzen wir auf die Nutzung erneuerbarer Energien, Wärmerückgewinnung, Energieeffizienz und den Bezug von Ökostrom aus Wasserkraft.

Am Standort Buchenau reduzierten wir im Zeitraum 2008 bis 2019 rund 57 % der absoluten CO2-Emissionen und senkten diese von 5.411 auf 2.328 t. Der Anteil an erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch im gleichen Zeitraum stieg von 12,3 auf 50,4 %.

In dieser Zeit reduzierte auch der Standort Wolfgruben rund 95 % der absoluten CO2-Emissionen, und zwar von 1.443 auf 71 t. Dabei entwickelte sich der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch von 26,8 auf 96 %.

Roth Plastic Technology in Wolfgruben produziert seit 2017 als erstes Roth-Unternehmen klimaneutral – und das trotz der energieintensiven Kunststoffverarbeitung. Das ist für uns ein Meilenstein in der Unternehmensentwicklung und spornt uns in Sachen Umweltschutz weiter an.

tab: Ich stelle es mir äußerst schwierig vor, den CO2-Ausstoß für einen Produktionsstandort zu beziffern. Welche Aspekte und Kenngrößen werden dabei eingerechnet und durch welche Maßnahmen ist Klimaneutralität erreichbar?

Christian Rossbach: Es ist tatsächlich aufwendig, den CO2-Ausstoß zu beziffern, aber nur wenn man die Emissionen kennt, kann man Potentiale identifizieren, sie zu verringern.

In die Ermittlung der CO2-Emissionen fließen die Kernindikatoren Strom, Mobilität und Heizung ein. Unser Umweltschutzbeauftragter kann anhand der konsequenten sys­tematischen Erfassung aller Energieströme die Energiedaten tagesgenau verfolgen und Maßnahmen zur Anpassung der Emissionen ergreifen.

Das international anerkannte Greenhouse Gas Protokoll (GHG) teilt Treibhausgasemissionen in drei Bereiche – sogenannte Scopes – ein. Scope 1 beinhaltet alle durch Verbrennung in eigenen Anlagen erzeugten Emissionen. Scope 2 umfasst Emissionen, die mit eingekaufter Energie verbunden sind. Scope 3 berücksichtigt zudem Emissionen aus durch Dritte erbrachte Dienstleistungen und Vorleistungen – sogenannte indirekte Treibhausgase. Unsere Klimabilanz weist bisher die Emissionen nach Scope 1 und 2 aus.

Das Ziel der Klimaneutralität erzeugt ein Bewusstsein, das über den eigenen Tellerrand hinausgeht. Unvermeidbare CO2-Emissionen an einer Stelle mit der Einsparung dieser Emissionen an anderer Stelle zu kompensieren, wirkt der globalen Erwärmung entgegen. Durch Investitionen in Klimaschutzprojekte oder den Kauf von CO2-Zertifikaten stellt sich der Verursacher rechnerisch klimaneutral.

tab: Die in einem Unternehmen verursachten CO2-Emissionen durch die Förderung von Klimaschutzprojekten anderorts zu verrechnen, könnte man als eine Art Freikaufen oder gar als Ablasshandel bezeichnen. Sehen Sie dies auch so kritisch oder ist das der richtige Weg?

Christian Rossbach: Die erste Option ist immer, CO2-Emissionen zu vermeiden oder zu reduzieren. Doch oftmals ist der Ausstoß von Treibhausgasen unvermeidbar. Er entsteht durch industrielle Fertigungsprozesse oder durch den Energieverbrauch für Mobilität. Um dafür einen Ausgleich zu schaffen, gibt es die Möglichkeit zur Kompensation. Sie ist freiwillig sowie ein Versprechen, die verursachten Emissionen auszugleichen und das ist aus unserer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Unternehmen, die ihn gehen, handeln verantwortungsbewusst. 

Am Standort Wolfgruben kompensieren auch wir unvermeidbare Emissionen über den Kompensationsfonds Klima-Kollekte und unterstützen damit nachhaltige Klimaschutzprojekte. Es ist darüber hinaus sinnvoll, solche Projekte zu fördern, auch wenn man bereits klimaneutral wirtschaftet!

 

tab: Aus Umweltschutzgesichtspunkten sind das Recycling von Produkten und die Wiederverwendung von Materialien wichtige Instrumente. Nutzen Sie in Ihren Produktionsprozessen Rezyklate?

Christian Rossbach: Innerhalb unserer Fertigungsprozesse gibt es Beispiele dafür – an dieser Stelle können wir nur einige nennen. Wir nutzen etwa Kunststoffabfälle aus der Produktion unserer Systemrohre für die Flächenheizung, um andere Kunststoffprodukte wie Zubehörteile im Spritzgussverfahren herzustellen, oder verwenden sortenreine Materialien wieder, zum Beispiel in der Fertigung unserer Kunststoff-Heizöltanks. Hierfür werden Materialabfälle, die bei der Feinbearbeitung der Behälter entstehen, gemahlen und dem Blasformverfahren wieder zugeführt – selbstverständlich unter Beibehaltung der Produktqualität. 

Für die Herstellung unserer ClimaComfort Compact-Systemplatte, die für ein niedrigaufbauendes Flächen-Heiz- und -Kühlsystem in der Renovierung zum Einsatz kommt, verwenden wir recyceltes PET (Polyethylenterephtalat). Die Platte besteht zu 100 % aus diesem Material, das unter anderem von Getränkeflaschen gewonnen wird. 

Das Produktionsverfahren für die Systemplatte ist das Tiefziehen. Dabei wird ein PET-Regeneratzuschnitt zunächst erwärmt. Hierdurch wird der Kunststoff verformbar. Anschließend wird dieser mit Vakuum auf eine Aluminiumform gezogen und härtet wieder aus. Nach dem Abkühlen ist eine Systemplatte entstanden, in deren Formgebung ein Heizungsrohr durch Einrasten befestigt werden kann.

tab: Kommen wir zu den Roth-Produktwelten. Wenn Sie nur zwei Produkte herausgreifen dürften, die Sie als besonders umweltschonend bezeichnen würden, welche wären das?

Christin Roth-Jäger: Aufgrund ihrer Niedrigtemperaturanwendung sind unsere Flächen-Heiz- und -Kühlsysteme in den zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten absolut umweltschonende Energieverteilsysteme. Sie eignen sich für alle Arten von Gebäuden und Architekturen und zeichnen sich zudem durch die Behaglichkeit für die Nutzer aus. In Kombination mit regenerativen Energieerzeugern, wie unseren Wärmepumpen, erhalten Bauherren energie­effi­ziente Systeme. 

Zudem greifen wir als besonders umweltschonendes Produkt unseren Kunststoff-Wärmespeicher „Thermotank Quadroline“ heraus. Er spart mit seiner CO2-Bilanz doppelt Energie, da seine Herstellung umweltschonend und er aufgrund seiner Bauart energieeffizient im Betrieb ist. Wir haben seine CO2-Bilanz am Beispiel eines 500-Liter-Pufferspeichers im Vergleich zu einem Standard-Stahlspeicher mit den gleichen Eigenschaften untersucht. Demnach kommt unser Behälter in der Herstellung mit rund 60 % weniger Treibhausgasbelastung pro Behälter aus. 

Am Beispiel des Thermotanks wird deutlich, dass der Einsatz von Kunststoff je nach Anwendung nachhaltig sein kann. Ausgestattet mit dem „Thermocoat plus“ ist der Roth-Thermotank in der Energieeffizienzklasse A erhältlich. 

tab: Sie optimieren die Energieeffizienz Ihrer Produkte ja seit Jahrzehnten kontinuierlich. Ist das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht? Wo sehen Sie noch Stellschrauben?

Christin Roth-Jäger: Unser Innovationsmanagement und unser Stab an Ingenieuren in Forschung und Entwicklung arbeiten kontinuierlich daran, unsere Produkte zu verbessern, effizienter zu gestalten und sie unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Dabei gilt es nicht nur, die Nutzung von Ressourcen zu reduzieren, sondern sie nach Möglichkeit dem Kreislauf wieder zuzuführen. Nehmen Sie das Beispiel Wasser – es ist weltweit knapp. Mit dem Einsatz von Regenwassernutzungssystemen wie wir sie anbieten, können Verbraucher ihren Wasserverbrauch effektiv steuern.

Darüber hinaus sehen wir zum Beispiel in der technischen Gebäudeausstattung noch Potential zur Optimierung der Energie­effizienz bei der Vernetzung der Produkte. Regelsysteme für das Gesamtsystem aus Wärme­erzeuger und Energieverteilung für Heizen und Kühlen bieten noch Stellschrauben für weitere Energieeinsparungen. Je feiner die einzelnen Komponenten aufeinander abgestimmt sind, desto besser sind die Möglichkeiten dafür. 

tab: Spüren Sie auch bei Ihren Endkunden ein Umdenken, was den Einsatz umweltfreundlicher Techniken betrifft – auch wenn diese ggf. mehr kosten?

Christin Roth-Jäger: Immer mehr Verbraucher möchten im Einklang mit ihrem Lebensraum leben und die Ressourcen schützen. Die Menschen konsumieren bewusster – alle Branchen sind dabei gefragt, seien es Lebensmittel, Bekleidung, Automobile oder eben die Technik für Gebäude. Die Investitionen von Endkunden sind hier besonders langfristig angelegt, so dass das Augenmerk auf den Einsatz umweltfreundlicher Techniken wesentlich bedeutsamer ist.

Info

Roth Werke GmbH

Roth ist ein international tätiger Hersteller von Energie- und Sanitärsystemen, der eingeführte Markenprodukte im dreistufigen Vertriebsweg bietet. Unter dem Motto „Leben voller Energie“ vernetzt Roth seine Produktsysteme von der Energieerzeugung über die Energiespeicherung und die Energienutzung zu einem Komplettsystem aus einer Hand. Die Roth-Energie- und Sanitärsysteme stehen für erneuerbare Energien sowie Energieeffizienz und damit für Umwelt- und Ressourcenschutz, Kosten und Versorgungssicherheit. Sie werden dem ökologischen und wirtschaftlichen Anspruch im Hinblick auf Gestaltung, Herstellung und Betrieb gerecht.

Produktwelten

Erzeugung: Wärmepumpensysteme, Solarsysteme

Speicherung: Speichersysteme für Trink- und Heizungswasser, Brennstoffe und Biofuels, Regen- und Abwasser

Nutzung: Flächen-Heiz- und Kühlsysteme, Wohnungsstationen, Rohr-Installationssysteme, Glas- und Komplettduschen.

Mit eigener Forschung & Entwicklung setzt Roth seit über 70 Jahren Standards in der modernen Gebäudetechnik. Das Unternehmen ist nach DIN EN ISO 9001 sowie EMAS zertifiziert und die Produkte entsprechen den für sie relevanten Normen. Ein flächendeckender Außendienst sorgt für schnelle Beratung in kaufmännischen und technischen Fragen vor Ort. Hotline und Projektierungsservice sind auch schwierigen Aufgabenstellungen gewachsen. Werksschulungen, Produkt- und Softwareseminare sowie Internetservice runden das Serviceangebot ab. Und Roth ist zertifizierter Hersteller ZVSHK.

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